Heiko Mell

Jobwechsel nach Vergleich vor Gericht – Ehrlichkeit nicht gefragt?

Frage:

Ein Mitglied meiner Familie bewirbt sich und trifft auf folgendes Problem:

Das letzte Arbeitsverhältnis wurde nach einem Vergleich vor Gericht aufgelöst. Der Arbeitgeber machte Zugeständnisse (Fortzahlung bis Vertragsende, Abfindung, Vereinbarung über Zeugnisformulierungen).

Vorausgegangen war eine Abmahnung des Arbeitgebers, die völlig unbegründet war und der widersprochen wurde (bzw. es wurde mit höflichem Brief um Zurücknahme gebeten). Dem ist der Arbeitgeber nicht nachgekommen, was zur gerichtlichen Klärung führte.

Bei den anschließenden Bewerbungen gab mein Verwandter auf intensive Nachfragen des Bewerbungsempfängers nach dem Kündigungs- bzw. Trennungsgrund den Verlauf der Angelegenheit verbal bekannt und legte nach weiteren Fragen die Fakten auf den Tisch. Was ihm dann entgegen gehalten wurde, erstaunte ihn sehr, denn man legte diese Vorgehensweise gegen ihn aus. „Wollen Sie sich damit Ihre Zukunft verbauen?“ und ähnliches wurde ihm vorgehalten.

Der seiner Ansicht nach ehrliche Umgang ist bei diesen Firmen offensichtlich nicht gefragt. Wie stellt er seine Situation bei neuen Bewerbungen angemessen und richtig dar?

Antwort:

Der Fall bleibt nach Ihrer Schilderung verworren und unklar. Man erfährt ja noch nicht einmal, ob es überhaupt eine Kündigung gegeben hatte oder ob Ihr Verwandter nur gegen eine Abmahnung geklagt und man sich dann auf Vertragsauflösung „geeinigt“ hatte oder was sonst noch vorausgegangen war. Nur so viel: Die von Ihnen aufgezählten „Zugeständnisse“ des alten Arbeitgebers sind nicht etwa Ausdruck seines schlechten Gewissens, sie sind in solchen Fällen üblich (beweisen also nichts).

Der bisherige Arbeitgeber sah mindestens einen Grund, mit diesem Mitarbeiter massiv unzufrieden zu sein. Er griff zum Instrument der Abmahnung, das in solchen Fällen vor einer Kündigung vorgeschrieben ist. Damit hat Ihr Verwandter ein gewaltiges Problem. Das Idealbild eines Angestellten lautet: Wo immer er beschäftigt ist, sind seine Arbeitgeber hochzufrieden mit ihm, würden ihn gern behalten, bedauern es außerordentlich, wenn er eines Tages nach längerer Dienstzeit dann doch „auf eigenen Wunsch“ ausscheidet. Mit einem Mitarbeiter unzufriedene Arbeitgeber kommen in diesem Ideal gar nicht vor

Ich habe Bewerbungen oft mit dem Versuch verglichen, einen Gebrauchtwagen zu vermarkten. Und das „Auto“, um das es hier geht, hat einen recht massiven Unfallschaden. So etwas ist nicht gut für den Marktwert des Autos – wer an dem Unfall (angeblich) die Schuld trug, ist eher sekundär von Interesse. Der bisherige Eigentümer des Unfallwagens hat jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder inseriert er „stark beschädigtes Auto zu verkaufen“, dann bleiben die normalen Interessenten weg. Oder er verschweigt zunächst den Schaden – dann springen die Kaufinteressenten ab, wenn sie die Misere sehen.

Hier stellt sich nicht die Frage nach Ehrlichkeit, hier geht es um ein sorgfältig abzuwägendes Vorgehen unter taktischen Gesichtspunkten.

So dürfen die schriftliche Bewerbung als auch die mündlichen Aussagen keinesfalls eine Falschinformation enthalten, weder bewusste, noch unbewusste.

Dann ist vermutlich auch damit zu rechnen, dass eine Position wie die alte im Augenblick nicht zu erreichen ist (Verantwortung, Aufgabenumfang, Gehalt). Denn in einer solchen Position war der Bewerber ja – und dort hatte er seinen Arbeitgeber nicht begeistern können, denn der war sehr (!) unzufrieden und/oder wollte ihn loswerden. Da wird der Bewerbungsempfänger (der auch Arbeitgeber ist!) sehr misstrauisch.

Wie der Verkäufer eines Unfallwagens auch, so muss dieser Bewerber vermutlich erst einmal seine Ansprüche an einen neuen Job reduzieren („kleine Brötchen backen“). Um einen konkreten Rat zu geben, wie er wann was auf den Tisch legt, müsste man zunächst einmal alle Details kennen (was wurde ihm vorgeworfen, was steht im Lebenslauf, welche Belastungen enthält dieser sonst noch, was steht im Zeugnis, wie einsichtig ist der Bewerber, wie tritt er auf?), erst dann könnte ein sehr versierter Fachmann versuchen, konkrete Ratschläge zu geben.

 

Frage-Nr.: 3.012
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-06-07

 

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Von Heiko Mell

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