Heiko Mell 05.03.2020, 12:09 Uhr

Hallo Kumpel!

Frage:

Seit vielen Jahren lese ich Ihre Rubrik Karriereberatung in den VDI nachrichten und immer noch finde ich darin wertvolle Tipps. Inzwischen konnte ich auch meine Frau für Ihre Reihe begeistern, und wir lachen dann gemeinsam über das eine oder andere Bonmot.

Mir fällt beim Lesen von Stellenanzeigen (in Online-Portalen) in der letzten Zeit immer wieder auf, dass diese sehr oft in der Du-Form verfasst sind. Dies wird auch bei klassischen leitenden Positionen so gehandhabt und keinesfalls nur von Start-ups.

Erwartet das ausschreibende Unternehmen nun, dass ich als Bewerber mein Anschreiben auch in der Du-Form verfasse? Was ist Ihre Meinung dazu?

Antwort:

Vorab zum Grundsätzlichen: Eine – in Ansätzen immer wieder zu beobachtende – Hinwendung zum Du bei der Anrede fremder erwachsener Personen löst keines der heute bekannten Probleme. „Jürgen, du bist gefeuert“, klingt für Jürgen kein bisschen tröstlicher als das ja immer noch übliche „Herr Müller, wir müssen uns leider von Ihnen trennen.“ Zwischen sehr miteinander vertrauten Kollegen mag das Du im Umgang als einfacher und erleichternd empfunden werden, einen Dimensionssprung in Richtung Arbeitserleichterung jedoch stellt es nicht dar.

Ich weiß nicht, ob es mir Vergnügen machen würde, im Fahrstuhl zu meinem höchsten Vorgesetzten sagen zu dürfen: „Na, du alter Vorstandsvorsitzender, schlecht geschlafen heute?“ So richtig weiterbringen würde mich das gefühlsmäßig nicht, real schon einmal gar nicht.

Fest steht: Heute (noch?) gilt unter einander fremden Erwachsenen, insbesondere in hochoffiziellen Angelegenheiten, das gegenseitige „Sie“ als verbindlicher Standard. Wer davon abweicht, müsste dafür gute Gründe haben. Das gilt auch für Stellenanzeigen.

„Einfach so“, z. B. nur als Marketing-Gag, fremde potenzielle Bewerber zu duzen, ist eigentlich ein schlechter Stil und ein Verstoß gegen allgemein übliche Umgangsformen. Es gibt schlicht keinen Grund dafür, außer vielleicht das Bestreben, als Unternehmen unbedingt „modern“ erscheinen zu wollen. Davon kann man halten, was man will, ich bin davon absolut nicht angetan.

Etwas anderes ist es, wenn im inserierenden Unternehmen ein allgemeines Duzen auch gegenüber der Firmenleitung üblich bzw. sogar Bestandteil der Unternehmenskultur ist. Dann wäre es sehr sinnvoll, die potenziellen Bewerber bei der Gelegenheit darauf hinzuweisen – und diese könnten schon einmal testen, wie sie damit zurechtkommen. Aber dann sollte in der Unternehmensbeschreibung ein Hinweis stehen wie: „Übrigens duzen wir uns hier alle, das zeigen wir bereits in der Anrede möglicher Bewerber.“ Und wenn die Leute dort etwas vorausdächten, dann würden sie Fragen wie die von Ihnen gestellte vorausahnen und hinzusetzen: „Auch du darfst uns schon in deiner Bewerbung mit dem vertrauten Du ansprechen.“

Nun zum Konkreten: Ich würde gegenüber einem Unternehmen, das seine potenziellen Bewerber „einfach so“ und ohne irgendeinen Hinweis auf eine entsprechende Firmenkultur duzt, erst einmal beim korrekten „Sie“ bleiben. Unsere Umgangsformen erlauben es einfach nicht, fremde Erwachsene zu duzen, schon gar nicht in schriftlicher Form. Das gilt selbst dann, wenn die Gegenseite mit dem Du angefangen hat.

Wenn ein etwas einfach strukturierter Bürger (sehen Sie, das ist der Eindruck, den man beim Geduzt‧werden durch fremde Erwachsene hat) mich anmotzt: „Du stehst auf meinem Parkplatz“, bleibt mir nur die gepflegte Entgegnung: „Ich glaube, das sehen Sie falsch.“

Ich bin übrigens nicht sicher, ob „einfach so“ duzende Firmen bei anspruchsvollen (Leitungs-)Positionen nicht auch Bewerber verlieren, die nicht von Fremden geduzt werden wollen. Wer arbeitslos ist, hat kaum eine Wahl, aber aus ungekündigter Position auf der Suche nach dem weiterführenden Karriereschritt mag mancher Stellenanzeigen-Leser etwas mehr erwarten als studentische oder gymnasiale Umgangsrituale.

Service für Querleser:

In Bewerbungen gegenüber Unternehmen, die in Stellenanzeigen potenzielle Kandidaten duzen, ohne dafür einen Grund anzugeben (etwa „ist bei uns Firmenkultur“), sollte man vorsichtshalber beim üblichen „Sie“ bleiben.

Frage-Nr.: 3.062
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-06-03

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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