Heiko Mell

Habe Idee, fürchte Diebstahl

Frage:

Ich bin Ingenieur, Mitte 30 und möchte mich gerne bei einem Hersteller von … mit einer Idee für ein automatisiertes Produkt bewerben. Letztendlich möchte ich einfach dieses Produkt entwickeln und auf den Markt bringen, aber die Entwicklungskosten würden mehrere Millionen Euro betragen.

Deshalb dachte ich an eine Kurzbeschreibung der Idee und eine Bewerbung als Projektmanager. Jedoch besteht ja die Gefahr, dass die Firma die Idee „klaut“, nachdem sie davon gehört hat.

Antwort:

Ich habe – gelegentlich und nur am Rande – schon mit ähnlichen Fällen zu tun gehabt. Da glaubt ein meist Branchenfremder, er hätte auf einem ihm also eher fremden Gebiet eine „durchschlagende“ Idee für ein neues Produkt und bietet es auf unterschiedlichen Wegen einem entsprechend tätigen Unternehmen zur Vermarktung an. Teils erwartet er Geld, teils einen guten Job, manchmal auch beides zusammen.

Der Ideengeber hat dabei mehrere recht hohe Hürden zu nehmen, von denen die größten noch weit vor der Gefahr des Diebstahls stehen:

Ihm schlägt erst einmal abgrundtiefe Skepsis entgegen: „Das kann gar nicht funktionieren, das lässt sich nie zu einem marktgängigen Preis herstellen oder das will niemand haben.“ Warum ist das so und kann gar nicht anders sein?

Nun, bei welcher Stelle Sie sich auch bewerben, beispielsweise beim Personalwesen oder sogar bei der Geschäftsführung, Ihre Idee muss – sofern sie überhaupt ernst genommen wird – fachlich überprüft werden. Dazu legt man sie der hauseigenen Entwicklungsabteilung (wegen der technischen Machbarkeit) oder dem Marketing (wegen der möglichen Marktchancen) vor. Ich schätze die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt so weit kommt, nur auf ca. 40%.

Gegen die Prüfung als solche könnten Sie nichts sagen – wer sollte auch sonst in jenem Unternehmen im ersten Durchgang die Spreu vom Weizen trennen sollen?

Nun geht es los: Alle Fachleute haben eine quasi eingebaute Abwehrreaktion gegen Vorschläge von außenstehenden „Amateuren“. Ein solcher Laie kann und darf es nicht besser wissen als die Experten. Wo kämen wir denn sonst auch hin. Ich schätze, dass Sie diese Hürde nur mit etwa 30% Wahrscheinlichkeit nehmen können, dann wären Sie bei 12% der ursprünglichen Ausgangschance.

Jetzt aber kommt der Höhepunkt: Entwicklungsleiter und/oder Marketingleiter, das sind genau die Leute, die laut Arbeitsvertrag und Stellenbeschreibung dafür bezahlt werden, solche Ideen zu haben! Für den – zum Glück unwahrscheinlichen – Fall, dass Ihre Idee etwas taugt, wäre sie eine harte „Klatsche“ mitten ins Gesicht der beiden Fachleute. Wofür bezahlt die Unternehmensleitung diese Leute, wenn außenstehende Amateure die Super-Durchbruchsidee aus dem Ärmel schütteln?

Nein, die beiden „Prüfer“ müssten wahre Engel sein, wenn sie nicht – auf rein objektiver Basis, versteht sich – zu dem Ergebnis kämen, an der Idee sei aus diesen und auch jenen Gründen nichts dran.

Diese Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Vorhaben das überlebt, setzte ich einmal mit 20% an, dann wären Sie jetzt bei etwa 2,4% der Ursprungs‧hoffnung.

Wir sind aber noch nicht am Ende. Nehmen wir ruhig einmal an, Ihre Idee hätte bis hier überlebt. Dann kommt jetzt der übliche innerbetriebliche Prozess, aus einer Idee ein produziertes, verkaufsfähiges Produkt zu machen. Wie viele hoffnungsvolle Projekte führen wohl zu einem Erzeugnis, das schließlich in den Verkaufsregalen steht oder in den Vertriebskatalogen aufgeführt wird? Ihre Idee kann sogar daran scheitern, dass jemand darauf kommt, der hauseigene Kundendienst könne gar keine hochautomatisierten Produkte betreuen, seine Grenzen lägen dort, wo es über Mechanik und einfache Elektrik hinausginge. Seien wir großzügig, setzen wir die Wahrscheinlichkeit für das Überwinden auch dieser Hürde mit 40% an, dann lägen Sie jetzt bei etwa 1 % Wahrscheinlichkeit, dass das angeschriebene Unternehmen und Sie mit diesem Projekt glücklich werden.

Und wären Sie auf diesem Wege zusätzlich noch als Produktmanager ins Unternehmen hineingekommen, dann flögen Sie spätestens beim zu erwartenden Scheitern – nach einem der teuersten Fehlschläge der Unternehmensgeschichte – wieder hinaus.

Übrigens habe ich noch nicht darüber gesprochen, dass Ihre Idee nicht nur produziert werden, sondern von den Kunden auch noch gekauft werden muss. Noch eine – oft für das endgültige Scheitern verantwortliche – Hürde.

Eine Bitte, liebe Leser: Legen Sie meine Rechenbeispiele nicht auf die Goldwaage und sagen Sie mir auch nicht, Wahrscheinlichkeitsrechnung ginge durchaus ein bisschen anders. Darauf kommt es hier nicht an. Ich wollte mit lauter völlig fiktiven Zahlen die Hürden auf dem Weg zu einem sehr anspruchsvollen Ziel plastisch hervortreten lassen. Ob zwischendurch einmal 40 % oder 60 % „Überlebenschancen“ bestehen, ist ebenso bedeutungsarm wie die Frage, ob am Schluss 1 % oder 2 % übrig bleiben.

Nun zu Ihnen, geehrter Einsender: Ich gehe zunächst einmal davon aus, dass Sie heute tatsächlich völlig außerhalb der Zielbranche Ihrer Idee tätig sind – und absolut frei von dem Verdacht, etwa selbst bloß eine Entwicklung Ihres heutigen Arbeitgebers geklaut zu haben und nun „versilbern“ zu wollen. Denn auch das gibt es ja. Damit würde ich nichts zu tun haben wollen. Und so manches anvisierte Unternehmen würde die Kriminalpolizei rufen.

Sie entnehmen meinen Darstellungen, dass schon die erste eine vermutlich unüberwindliche Hürde wäre: Ein namenloser Fremder ohne Branchenbezug und ohne Qualifikationsbeweis will die Produktwelt des Unternehmens, in der es seit fünfzig Jahren zu Hause ist, revolutionieren. Was würde wohl geschehen, schlüge ich einem deutschen Kfz-OEM eine völlig neue Art von Auto vor – und sei das alles noch so gut durchdacht? Nichts, ich garantiere es.

Aber Sie können etwas tun, um diese erste Hürde deutlich flacher zu gestalten: Sie dürfen Ihre Idee nicht als namenloser Nicht-Fachmann dieses Metiers präsentieren. Dabei sehe ich zwei Möglichkeiten: a) Beschaffen Sie sich ein Gutachten, das Ihre Darstellungen ein paar Stufen anhebt. Das könnte ein Patent sein oder die schriftliche Einschätzung durch einen Patentanwalt bzw. eine ähnlich namhafte Person/Institution.

Damit stiege die Glaubwürdigkeit Ihrer Idee, gleichzeitig würde die Gefahr des Diebstahls sinken. b) Ihre Kopplung von „Verkauf einer Produktidee“ mit „Bewerbung als Produktmanager“ ist unnötig kompliziert. Außerdem würde jedes Unternehmen, selbst wenn es die Idee kaufte und Sie als Produktmanager einstellte, nicht Sie zum verantwortlichen Leiter des millionenschweren Projektes machen oder sich bei der Einstellung dazu verpflichten. Schließlich könnte die Idee toll sein, aber Sie könnten sich als unfähig zum Umgang mit einer solchen Verantwortung erweisen. Nein, das wird so nicht laufen.

Nein, warum bewerben Sie sich beim Zielunternehmen nicht einfach ohne diese Idee um einen Ihrem heutigen adäquaten Job (ich weiß nicht, ob Sie überhaupt im Projektmanagement tätig sind)? Und wenn Sie sich dann dort als Insider durch Leistung einen Namen gemacht haben, entwickeln Sie diese Projektidee. Intern gibt es dann Regelungen über Arbeitnehmererfindungen, die Sie natürlich bei einer sehr guten Idee auch noch verhandeln können. c) Oder kombinieren Sie diese Varianten, indem Sie sich ein Gutachten nach a) besorgen und/oder einen Anwalt mit der Vermarktung dieser Idee an das Zielunternehmen beauftragen. Der passt dann auf, dass man Sie nicht über den Tisch zieht (Ihre Idee schlicht stiehlt). Und Sie gestalten Ihren Beruf völlig unabhängig davon ganz woanders und hoffen, nebenbei reich zu werden. Die Ausgangskonzeption, einem Zielunternehmen gleichzeitig Ihr Produkt und Ihre Person zu verkaufen, halte ich für die größte Schwachstelle Ihres Vorhabens.

Service für Querleser:

Es ist schon schwer genug, als bewährter Mitarbeiter eines Unternehmens dort eine „durchbruchsfähige“ Produktidee ans Laufen zu bringen. Aber es ist ungleich schwerer, als namenloser, branchenfremder Außenstehender damit auch nur angehört und dann auch noch ernst genommen zu werden.

Frage-Nr.: 2.997
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-03-15

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Von Heiko Mell

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