Heiko Mell

Erklärung für eine „Menge an Absagen“ gesucht

Frage 1:

Ich bin auf der Suche nach einer Erklärung für die Menge an Absagen, die ich kassiere.

Ich bin Anfang 30 und Fachgruppenleiter für Prüfstandstechnik bei einem mittelständischen Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus.

Unser Unternehmen arbeitet seit Jahren erfolgreich mit allen namhaften Herstellern von Automobil-, Luft- und Raumfahrtindustrie sowie mit großen Forschungsinstitutionen zusammen. Ich bin seit drei Jahren im Unternehmen und seit ca. einem dreiviertel Jahr in der heutigen Position mit Personalverantwortung für mehrere Mitarbeiter tätig.

Zuvor hatte ich ein TU-Studium mit Auszeichnung und einem Preis abgeschlossen. Vor dem Studium habe ich eine praktische Berufsausbildung bei einem mittelgroßen Konzern absolviert. Die Startentscheidung für ein mittelständiges Unternehmen habe ich bewusst getroffen.

Antwort 1:

Hätten Sie es doch beim „mittelständischen“ Unternehmen im zweiten Absatz belassen. Aber nein, der Auszeichnungskandidat muss beim zweiten Versuch zu einer neuen Variante greifen. Also in aller Kürze:

Es gibt kein „mittelständiges“ Unternehmen, es gab nie eines und wird (hoffentlich) auch keines geben. Und nein, so etwas ist kein Tippfehler, das ist schon deutlich schlimmer.

Und wo wir gerade dabei sind (ich will Sie nicht kritisieren, soll aber Erklärungen für Absagen suchen): Wieso baut ein Mann mit einem TU-Auszeichnungs-Master vorher ein beschämendes (bei dem Potenzial!) Abitur von 2,4, um dann „vorsichtshalber“ erst einmal eine gewerbliche Lehre zu absolvieren (macht man unter diesen Umständen gern, um sich abzusichern, falls das Studium an der TU nicht durchgestanden wird)? Sie haben diese Begründung zwar nicht gegeben, aber welche gibt es sonst? Bei Ihnen würde man lesen wollen: Abitur 1,2, dann Master 1,2, dann – z. B. Promotion.

Natürlich ist es schön, wenn man sich von Stufe zu Stufe steigert, aber noch schöner ist es, wenn man vorhandenes Potenzial von Anfang an (also immer und in jeder Situation!) konsequent erschließt. In einer Leistungsgesellschaft denken viele Entscheidungsträger so.

Hinzu kommt: Ihr Leistungsprofil weist also Schwankungen auf. Wer garantiert, dass damit Schluss ist und die nächste Phase nicht wieder ein Ergebnis nach unten zeigt? Denken Sie an den alten Grundsatz: Herausholen, was in Ihnen steckt – immer und überall. Auch wenn man einmal zum „Hoffegen“ abkommandiert worden wäre, dürfte das Resultat stets nur ein blitzblanker Hof sein.

Frage 2:

Ich würde gerne den Schritt zu einem größeren Unternehmen, wenn möglich zu einem Konzern, unternehmen und dort meine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Es gelingt mir jedoch nicht, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, geschweige denn ein Jobangebot zu bekommen. Ich habe mich bei nahezu sämtlichen (mittel-)großen Technik herstellenden Unternehmen Mittel- und Norddeutschlands beworben, darunter fast sämtliche OEMs und T1-Lieferanten, die einem in den Sinn kommen. 

Es ist mir aufgrund der regelmäßigen Lektüre Ihrer Karriereberatung völlig klar, dass der Wechsel vom KMU zum Konzern mit gleichzeitigem Aufstieg nicht machbar ist. Ich verstehe jedoch nicht, wieso ich nicht einmal bei Stellen, deren Anforderungen ich – nach meinem Empfinden – zu 90 % bis 100 % erfülle, die gleichzeitig auch nicht mit einem Positionsaufstieg verbunden sind, keine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erhalte. Ich habe mich sowohl auf Stellen für Einsteiger als auch für Berufserfahrene beworben – und verstehe die ausschließlich negativen Resultate nicht.

Was raten Sie mir, um mein Ziel, mich in einem Konzern beweisen zu können, zu erreichen?

Antwort 2:

Bevor wir zu den Fakten kommen, müssen wir auch Äußerlichkeiten würdigen. Sie tragen oft ihren Teil zu den Entscheidungen der Bewerbungsempfänger bei. In Ihrem Fall beginnt es mit Ihrem Foto. Es prangt auf jeder Seite Ihres Lebenslaufes. Zwar umfasst der bisher nur zwei Seiten – aber es gibt Manager von 50 Jahren, die bringen es auf sechs bis sieben Arbeitgeber und ebenso viele Seiten. Wenn man dann auf jeder Seite wieder das Bild ansehen müsste – nicht auszudenken. Also: Auch bei nur zwei Seiten taugt das Prinzip nichts. Irgendjemand könnte murmeln: „Weiß der, was ein Narziss ist?“

Dann stehen auf jeder Seite erneut die Anschrift, Telefonnummer, E-Mail-Adresse und das Datum. Vor jeder dieser Angaben sind hübsche kleine Symbole abgedruckt, z. B. ein Telefonhörer vor der Telefonnummer, ein Briefumschlag vor der E-Mail-Adresse etc. Mein jüngster Enkelsohn ist acht, der wäre sicher entzückt über diese Spielereien.

Dieser Eindruck einer gewissen Verspieltheit setzt sich fort bei der Darstellung aller bisherigen Arbeitgeber – vom Unternehmen, bei dem Sie als „Mechaniker in Nebentätigkeit“ tätig waren über das Institut, an dem Sie als studentische Hilfskraft arbeiten durften bis zum heutigen Arbeitgeber: überall ist unter der Zeitangabe das Original-Logo des Unternehmens abgedruckt.

Das ist weder verboten noch sonst generell zu beanstanden, aber insgesamt entsteht hier das Bild eines Menschen, der extrem – und mehr als bei Ingenieuren üblich – auf Äußerlichkeiten fixiert ist. Das allein dürfte für eine Ablehnung noch nicht ausreichen. Aber wenn man nach dem Lesen der harten Fakten ohnehin skeptisch wäre, kämen Bedenken aus dieser Ecke noch hinzu.

Nun zum harten Kern:

  1. Die Grundregel der Berufsweggestaltung lautet: Man verändert sich später entweder in der gleichen Arbeitgeber-Größenordnung oder geht – mit dem Nimbus des „Großen“ im Rücken – dann zum kleineren Unternehmen. Jeder weiß: Umgekehrt ist es deutlich schwieriger (aber nicht unmöglich). Sie wären besser nach Studienende gleich beim Konzern eingestiegen.
  2. Sie haben jetzt ca. drei Jahre Praxis, das gilt grundsätzlich als ideale Basis für den ersten Wechsel. Wenn dem nicht andere Aspekte entgegenstehen (siehe z. B. Nr. 1).
  3. Vor etwa neun Monaten hatten Sie gut zwei Jahre Praxis als Sachbearbeiter auf Ihrem Gebiet. Sie legen mir jetzt als Zielposition Ihrer Musterbewerbung die Ausschreibung einer Sachbearbeiterposition eines Konzerns vor – das hätte damals alles recht gut zueinander gepasst. Der bei jeder Bewerbung erlaubte und auch vom Empfänger erwartete „Fortschritt“ beim Wechsel hätte damals im Wechsel vom KMU zum Konzern gelegen.

„Leider“ sind Sie aber zu jenem Zeitpunkt zum Fachgruppenleiter „mit Team“ befördert worden – ein Status, den Sie im Lebenslauf (korrekt) und im Anschreiben (mehrfach) hervorheben.

Und nun sitzen Sie zwischen allen Stühlen! Um sich als gestandene untere Führungskraft irgendwo andienen zu können, sind die paar Monate Gruppenleiter zu wenig (und zu „verdächtig“); um als Sachbearbeiter wechseln zu können, sind Sie dem Gruppenleiter beim Bewerbungsempfänger (Ihrem potenziellen Chef) schon zu „groß“. Der hat Angst, Ihnen könnte es an Respekt vor Gruppenleitern fehlen.

Meine Empfehlungen:

  1. a) Sie tun erst einmal gar nichts in Sachen Wechsel, machen Ihre drei bis fünf Jahre als Fachgruppenleiter „voll“ und denken auf dieser Basis neu nach. Der Wechsel in den Konzern wird dann allerdings noch schwieriger.
  2. b) Zu a) würde gut eine Überarbeitung Ihres Ziels passen: Warum muss es unbedingt ein Konzern sein? Sie hatten es während der Gymnasialzeit verpasst, Ihr Leistungspotenzial auszuspielen, Sie hatten es nach dem Studium verpasst, beim Konzern einzusteigen: Sie verbrauchen extrem viel Energie, um verpassten Gelegenheiten nachzulaufen.
  3. c) Oder Sie legen einen Lebenslauf hin (und fassen ein entsprechendes Anschreiben ab), in dem es diese Beförderung nie gegeben hat – und bewerben sich als Sachbearbeiter um einen Sachbearbeiter-Job. Die Strafandrohung für diese Tiefstapelei ist relativ gering, es gibt keine Tiefstapler in unseren Gefängnissen. Aber beim Geld könnten Probleme drohen.

Direkt raten kann ich zu diesem Weg nicht, a) gefällt mir besser. Aber es ist Ihre Entscheidung.

 

Frage-Nr.: 3.005
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15/16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-04-12

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Von Heiko Mell

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