Heiko Mell

An Heiko Mell: „Wo bleibt Ihr Anschreiben-Muster?“

Heiko Mell

Frage:

Sie stellen auf Ihrer Website unter http://heiko-mell.de/private-Kunden ein Lebenslauf-Muster zur Verfügung, das ich recht hilfreich finde. Ich vermisse aber das Muster eines Anschreibens, an dem man sich orientieren könnte. Planen Sie da noch etwas?

Antwort:

Das ist nicht so einfach zu beantworten – vor allem auch deshalb nicht, weil ich mich daran erinnere, ein solches Demonstrations-Anschreiben vor langer Zeit schon einmal vorgestellt, dann aber wieder zurückgezogen zu haben.

Beginnen wir mit dem Lebenslauf: Das ist ein Dokument, in dem Fakten dominieren. Dabei gilt es, diese Informationen im Rahmen der gebotenen Korrektheit den Bedürfnissen des Lesers entsprechend aussagekräftig aufzubereiten. Die „hohe Schule“ der Lebenslaufgestaltung besteht dann darin, die einzelnen Angaben zusätzlich taktisch so geschickt zu formulieren, dass die erkennbar werdende Qualifikation möglichst gut zur Zielposition der Bewerbung passt.

Sie können z. B. einige Details zum jeweiligen Aufgabengebiet weglassen, andere stärker betonen, sie vom Beginn der Aufzählung an den Schluss verschieben – aber Ihre Möglichkeiten sind begrenzt, gegen die nun einmal gegebenen Fakten (die u. a. auch zu den beizufügenden Zeugnissen passen müssen) kommen Sie nicht an. Ein „Entwicklungsingenieur“ muss ein solcher bleiben, sein Alter bleibt wie es ist und ebenso seine Wechselhäufigkeit, auch der „rote Faden“ seines Werdeganges ist entweder gegeben oder eben nicht.

Unter diesen Umständen lassen sich Lebenslauf-Muster vertreten.

Und es kommt noch ein gewichtiges Argument hinzu: Selbst wenn fünf Bewerber eines Bewerberpulks bei einem Fall dasselbe Lebenslauf-Muster zugrunde gelegt hätten, wären diese fünf Lebensläufe nicht unbedingt auffällig ähnlich. Alle dort dominierenden Daten und Fakten unterscheiden sich deutlich, die Kandidaten haben sieben oder siebzehn Berufsjahre, hatten bisher einen oder acht Arbeitgeber aus zum Teil unterschiedlichen Branchen etc.

Beim Anschreiben ist das anders: Die beim Lebenslauf so deutlich dominierenden Faken spielen hier nicht die zentrale Rolle; es geht schließlich nicht darum, die Darstellungen des Lebenslaufes in ganzen Sätzen zu wiederholen. Hier geht es um eine Mischung aus Darlegung der eigenen Qualifikation, werbewirksamen Formulierungen, eventuell abzuliefernden Begründungen für Probleme, die der Lebenslauf erkennen lässt. Und es geht um die Niederschrift von Motiven für den beabsichtigten Wechsel oder um eine Begründung für die bereits erfolgte arbeitgeberseitige Entlassung.

Jeder Fall eines Bewerbers liegt anders, verlangt eine andere Argumentation oder eine anderes formulierte verbale Sachaussage. Daher ist nach meinem heutigen Meinungsbild zu diesem Thema die Veröffentlichung eines typischen Anschreiben-Musters nicht ratsam.

Es kommt ein sehr gewichtiger Aspekt hinzu: Sehr viele technisch orientierte Bewerber stehen mit Briefformulierungen auf Kriegsfuß. Das ist nicht ihre Welt. Gäbe man ihnen ein Muster, gerieten sie in die große Versuchung, dort ganze Passagen abzuschreiben. Das aber merkt ein Leser, der dreißig Bewerbungen – und damit dreißig Anschreiben – nacheinander liest, sofort. Dann hätten jene „Abschreiber“ durch mein Muster mehr Ärger als bei dem Versuch, mit eigenen Worten etwas auszudrücken (was vielen zwar schwer fällt, von einem Akademiker aber verlangt werden kann).

Bei der Gelegenheit also die Warnung: Falls irgendjemand solche Muster veröffentlicht, schreiben Sie dort weder ganze Absätze, noch auch nur ganze Sätze ab. Mehrere Mitbewerber um diese Position könnten die Idee haben – und in der Wiederholung wird dann in den Augen des Bewerbungsempfängers aus einer vielleicht brillanten Vorlage ein drittklassiger Abklatsch.

Also kein Muster von mir. Was nicht heißt, dass ich Sie mit dem Problem alleinlasse: Auf meiner von Ihnen angesprochenen Homepage gibt es eine ausführliche Darstellung dessen, was in ein Anschreiben gehört und wie Sie das Problem lösen können („Karriere-Basics“ Nr. 69 – 72). Aber nichts, was man ohne weiteres Nachdenken einfach abschreiben könnte. Weil die Versuchung schlicht zu groß wäre.

Und da wir gerade über das Abschreiben reden: Wenn ein Mitarbeiter sein Zeugnis selbst formulieren darf (korrekt: wenn man ihn auffordert, einen eigenen Entwurf vorzulegen), dann läuft bei ihm häufig ein Gedankengang ab, in dem „Muster? Vorlage? wo kann ich abschreiben?“ vorkommen. Kurz darauf fällt ihm ein, dass er selbst über solche Vorlagen verfügt, nämlich seine eigenen früheren Zeugnisse. Und daraus kopiert er dann.

Aber, liebe Abschreiber, die eigenen Zeugnisse liegen später in der Bewerbung alle schön chronologisch geordnet hintereinander. Und es gibt Schlauberger, die haben sogar mehrfach bei ihren eigenen Dokumenten abgekupfert. So dumm aber kann ein Bewerbungsempfänger gar nicht sein, dass er solche Duplizitäten oder Mehrfachwiederholungen nicht erkennt! Dann weiß er sofort: Das ist ein selbst getextetes Dokument – und der betroffene Bewerber ist nicht sonderlich clever. Wollen Sie das riskieren?

Frage-Nr.: 2.950
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-05-25

Anmerkung Redaktion ingenieur.de: 

Auf ingenieur.de finden Sie Muster-Bewerbungsschreiben und Muster-Lebenslauf für Ingenieure sowie viele hilfreiche Tipp rund um Ihre Bewerbung.

 

Von Heiko Mell

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