„Originell“ gestalten?

Ich wurde auf einen Beitrag in einer anderen Publikation hingewiesen, in dem es darum geht, sich durch ein originelles Bewerbungsschreiben von der Masse der Mitbewerber abzuheben. Ich hielt das Ganze zunächst für Satire, wurde dann aber doch nachdenklich. Mich würde interessieren, was Sie davon halten.

Antwort:

Der kommerziell an Bewerber-Beratung interessierte Autor jenes Beitrags greift ein Thema auf, das immer wieder einmal diskutiert wird: Wie verhindere ich, dass meine rein sachlich gestaltete Bewerbung in der Masse der Zuschriften untergeht? Meist – so auch hier – wird die Frage noch weiter konkretisiert, etwa so: Wie schaffe ich es, dass meine Unterlagen den Personaler auf der Empfängerseite förmlich „umhauen“?Letzteres ist am einfachsten zu beantworten: Ich rate von diesem Versuch ab! Dafür habe ich Gründe:1. Mit zunehmender Tendenz geht es gar nicht mehr um den Mitarbeiter des Personalwesens, der hat immer öfter nur noch Service-Funktionen für die suchende Fachabteilung. Er nimmt die Bewerbungen entgegen, registriert sie, speist sie ins interne Verarbeitungssystem ein – und leitet sie an die Fachabteilung weiter. Eine eigentliche Auswahlentscheidung trifft er in der Regel (es gibt wie immer auch Ausnahmen) nicht.2. Mehr und mehr landen fast alle Bewerbungen auf dem Tisch der Führungskräfte in den suchenden Fachabteilungen. Und diese Fachleute wollen in der Regel keine originellen Formulierungen lesen z.B. über eine eigene Lebensphilosophie oder über die Fragwürdigkeit einer zu eindeutigen Leistungsorientierung oder über die Freuden eines Jobs, der genügend Zeit für Hobbys lässt. Sie suchen hingegen in den Unterlagen den Nachweis über die Beherrschung von Berechnungs-Software, über erzielte Vertriebserfolge oder über die erfolgreich durchgeführte Optimierung von Fertigungsprozessen. Bringt der Bewerber das, reichen eher sachlich-informative Formulierungen; bringt er das nicht, helfen „originelle“ Gestaltungen des Anschreibens auch nicht weiter.Im Gegenteil: Die Gefahr ist groß, von einem der eher sachlich denkenden Leiter von Fachabteilungen als „Spinner“ eingestuft zu werden.3. Selbst der von Ihnen benannte Autor bleibt auf Distanz zu seinen eigenen dort vorgestellten Ideen. Er will Anregungen zum Nachdenken geben, sagt er und empfiehlt seine Formulierungsbeispiele ausdrücklich nicht zur direkten Nachahmung.4. Fazit: Eine Bewerbung, bei der nahezu alles zur ausgeschriebenen Position und ihren Anforderungen passt und informativ präsentiert wird, ist originell genug.Bleibt die Frage, was die Absender der spontan abgelehnten Bewerbungen tun können (statt krampfhaft originell sein zu wollen):a) Konzentration auf Arbeitgeber, die nach Branche, Größe und Ort(!) nicht unbedingt die Elite des Arbeitsmarktes repräsentieren – dort ist der Wettbewerb der Bewerber geringer.b) Ausrichtung auf Jobs (Tätigkeiten und Hierarchieebene sowie ggf. Gehalt), die auf der Ebene der heutigen/letzten Anstellung liegen, eventuell sogar etwas darunter. Das Prinzip: Der Bewerbungsempfänger bekommt ein Erfahrungs- und Qualifikationsniveau, das er von Aufsteigern (die immer mehr wollen als sie heute haben) nicht geboten bekommt.Dafür hat dann der angebotene „Gebrauchtwagen“ Dellen und Rostlöcher …(Das basiert auf meinem Standardbeispiel, nach dem die Bewerbung weitgehend dem Versuch gleicht, einen Gebrauchtwagen an den Kaufinteressenten zu bringen).Als Abrundung des Themas: Es gab übrigens auch für mich eine sehr spezielle (Ausnahme-) Situation, in der ein Versuch, die Unterlagen originell zu gestalten, tatsächlich Erfolg gehabt haben könnte. Ich habe beim Auswahlprozess eines Konzerns mitgewirkt, bei dem mehr als 800 Bewerbungen um einige wenige Einstiegspositionen als Führungsnachwuchskraft vor uns auf dem Tisch lagen. Da glich dann die 263. Zuschrift fatal der 487. – die jungen Leute hatten halt alle studiert, konnten gute Examen vorweisen, hatten überwiegend interessante Praktika absolviert und boten ihre Arbeitskraft in angemessener Form an. Da hätte Originalität vielleicht ihre besondere Chance gehabt.Aber der ganz große Albtraum aller Bewerbungsempfänger ist: 800 Bewerber zu einem-Fall haben alle das Buch gelesen „Wie bewerbe ich mich originell“ und setzen es um. Das hält niemand aus!

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2900
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-09-06

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