Erfahrungen eines Suchenden

In Ihrer Kolumne kommen Bewerber meist weniger gut weg. Deswegen wollte ich Ihnen einmal schreiben, wie es einem Bewerber im Umgang mit Personalvermittlern und Personalabteilungen gehen kann. Ich bin derzeit auf Arbeitsplatzsuche, die wirtschaftliche Situation meines Arbeitgebers erfordert es.Erlebnis 1: Donnerstagmittag ruft ein Personalvermittler an: Ob wir uns sofort treffen könnten, er hätte ein interessantes Angebot. Ich verneine, da zwischen ihm und mir eine Distanz von 350 km liegt. Wir einigen uns auf ein Treffen am nächsten Tag in einer Autobahnraststätte in der Mitte. Beim Vorstellungsgespräch fragt er mich, ob ich Französisch spreche. Ich verneine. Drei Tage später ruft das suchende Unternehmen an und meint, ich würde ja verhandlungssicher Französisch können und dies sei auch essentiell wichtig für meine zukünftige Tätigkeit. Ich bereinige die unangenehme Situation, indem ich den Sachverhalt aufkläre.Erlebnis 2: Ein Personalvermittler lädt mich zu einem Vorstellungsgespräch ein, es geht um einen Produktionsleiter in der Metallverarbeitung. Es kommt dann zu einem Gespräch mit dem Inhaber der suchenden Firma. Dieser meint, nachdem wir meinen Lebenslauf durchgegangen sind, mit mir könne er nichts anfangen, ich sei überqualifiziert. Er brauche keinen Ingenieur, auch keinen Meister, sondern einen Facharbeiter, der die Maschinen einrichten könne, da er nur mit dafür ungeeigneten 400-€-Kräften und Mindestlohnbeziehern arbeite. Wieder einmal 120 km umsonst gefahren.Erlebnis 3: Ich stehe morgens um 4 Uhr auf, um pünktlich um 8 Uhr bei einem Vorstellungsgespräch für eine Abteilungsleiterstelle zu sein. Ich habe ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden und der Personalleiterin. Nach fünf Minuten Smalltalk ist das Gespräch beendet: Der Vorstandsvorsitzende liest in meinem Lebenslauf, dass ich erst vier Jahre Abteilungsleitererfahrung habe. Er jedoch suche jemanden mit mindestens zehn bis fünfzehn Jahren entsprechender Praxis. In der Stellenanzeige war diese Angabe nicht enthalten. Ich frage mich, ob die Personalleiterin Analphabetin ist.Erlebnis 4: Ein Personalvermittler offeriert eine Abteilungsleiterstelle und lädt mich zu einem Vorstellungsgespräch bei seinem Mandanten ein. Ich bin pünktlich um 16 Ihr dort. Am Empfang teilt man mir mit, ich müsse etwas warten. Um 18 Uhr kommt der kaufmännische Leiter und bedankt sich für meine Geduld. Er meint, es solle noch der technische Leiter dazukommen und beginnt mit einer Darstellung der Firma. Wir gehen meinen Lebenslauf durch. Er sucht den technischen Leiter. Wir machen einen Betriebsrundgang. Er bittet mich, auf den technischen Leiter zu warten, da er keine Fachfragen beantworte könne. Ich warte nochmals eine Stunde.Es erscheint ein gelangweilter und übermüdeter technischer Leiter. Das Gespräch mit ihm dauert etwa zehn Minuten. Vier Stunden vertane Zeit, um 48 Stunden später eine Absage zu erhalten. Hätte man mich nicht einfach vorher anrufen oder eine E-Mail schicken können: Wir haben jemanden, Sie müssen nicht mehr kommen?Erlebnis 5: Ein Personalvermittler ruft mich an und teilt mir mit, er suche dringend jemanden, der eine Aluminiumfabrik als Projektleiter aufbauen könne. Bei erfolgreichem Projektabschluss sei eine Werkleiterstelle möglich. Er brauche ganz dringend Bewerbungsunterlagen. Ich lege eine Nachtschicht ein, stelle die Unterlagen zusammen und sende sie ihm per E-Mail zu.Da ich Branchenkenntnisse auf diesem Sektor habe, suche ich mich durchs Internet und versuche herauszufinden, wer aktuell ein neues Werk in Deutschland plant. Meine Suche ist nicht erfolgreich.Ich soll zu einem Vorstellungsgespräch auf einen Flughafen kommen, frage aber vor der Terminbestätigung nach dem Namen des suchenden Unternehmens. Man nennt mir ein Unternehmen, das mir nichts sagt. Meine Recherchen ergeben, dass es um einen Landmaschinenhersteller geht. Ich frage den Personalvermittler, was das Unternehmen da produzieren wolle, da Landmaschinen und Aluminium für mich eine Diskrepanz darstellen. Er muss nachfragen. Schließlich erfahre ich, der Mandant wolle Alu-Profile zu Rechteckrahmen verarbeiten. Wir einigen uns darauf, dass ich meine Bewerbung zurückziehe, denn für dieses Vorhaben werde wohl kaum jemand mit tiefergehenden Kenntnissen in der Aluminiumherstellung und verarbeitung benötigt. Kann man, bevor man einen Bewerber kontaktiert, sich nicht besser vorbereiten?Das waren einige Beispiele dafür, dass die Seite der Arbeitgeber und Personalvermittler auch nicht besser ist als die Bewerber.

Antwort:

Ihre pauschale Schlussfolgerung („auch nicht besser“) stimmt, ich sage das hier seit Jahren. Meine Standardformulierung dazu: Beide Seiten sind einander würdig.Es ist sehr schwierig, einzelne Begebenheiten nur nach der Schilderung eines Betroffenen zu beurteilen, der sich noch dazu über die andere Seite geärgert hat. Außerdem wissen wir nichts weiter über Sie, kennen z. B. Ihre Bewerbungen nicht.Und doch zeichnet sich hier ein Bild ab, das ich aus meiner Sicht aus einem etwas anderen Blickwinkel kenne – und in wesentlichen Details bestätigen kann.Nur der Vollständigkeit halber und damit wir diesen Part nicht vergessen: Auch die Bewerberseite trägt zum Niedergang der Bewerbungskultur bei. Der Zeitgeist, die vielen Internet-Kurzbotschaften, der Verlust der Fähigkeit, längere Texte zu lesen und zu erfassen (!) sowie die wachsende Bereitschaft, auf solide Argumentation weitgehend und auf Rechtschreibung ganz zu verzichten, sind hier zu nennen. Konkret: Viele Bewerber lesen erst das Stellenangebot nicht bis zu Ende und bringen dann eine drittklassige Standardversion ihrer Unterlagen in möglichst immer gleichbleibender Form auf die Reise zum Empfänger. Sie beantworten drängende Fragen nach Qualifikationsdetails und nach der Motivation für ihre Bemühungen nicht und werfen den Leser mit Informationsmüll zu, der zum Thema der Anzeige keinerlei Bezug hat. Nein, ich sage nicht, sie hätten etwa „angefangen“, aber sie sind, siehe oben, der Gegenseite würdig.Oder anders: Bewerber und Bewerbungsempfänger rekrutieren sich grundsätzlich aus derselben Gruppe von Menschen. Es gibt sogar diverse Frontwechsler: Wer heute eine Bewerbung schreibt, liest vielleicht morgen solche – und umgekehrt. Es ist ja nicht so, dass zu einer der beiden Parteien die besseren Menschen gehörten.Aber wir wollen ja vorrangig von den Arbeitgebern und ihren Vertretern reden. Grundsätzlich passt das, was Sie schildern, ganz gut zu einer Entwicklung in diesem Bereich des Arbeitsmarktes, die man zwar wenig erfreulich finden kann, letztlich aber wohl hinnehmen muss. Aus der Sicht vieler (noch keinesfalls aller) Unternehmer ist die Personalbeschaffung bis hinauf in den Führungsbereich ein Akt, der vor allem drei Bedingungen erfüllen muss:a) billigb) billigc) wenn wir schon einen Auftrag dieser Art nach draußen vergeben, dann wollen wir keinesfalls eine teure Qualifikation des externen Dienstleisters honorieren, sondern der soll möglichst nur im Erfolgsfall Geld bekommen (wenn wir einen von ihm benannten Kandidaten einstellen); am besten ist, er schaufelt uns einfach Lebensläufe auf den Tisch, aus denen wir dann auswählen können.Schon seit Jahren fragten uns potentielle Neukunden fast nur noch, wie billig wir z. B. Internet-Stellenanzeigen anbieten könnten. Wie gut wir die fachlichen Anforderungen der suchenden Fachabteilungen aufnehmen und umsetzen (bzw. denen allzu unrealistische Anforderungen ausreden) konnten, war kaum von Belang. Und wenn eine Anfrage über den Einkauf hereinkam, konnte man den Fall von vornherein vergessen – dort versteht man kaum jemals etwas davon, was da eigentlich vorgeht bzw. vorgehen sollte, aber man kennt das Wort „Preis“ respektive „Nachlass“.In der Folge wird der von Ihnen erwähnte externe „Vermittler“ zu einer Art Makler, der viele Namen und Adressen auf den Tisch legen und nicht etwa für fachliche Leistungen bei der Auftragsdefinition und -abwicklung honoriert werden soll.Wenn Sie das einmal als reale Schilderung unterstellen, werden viele Fehlleistungen Ihrer „Vermittler“ zwar nicht entschuldigt, aber erklärt. Ich fürchte, dass dieser Trend schwer aufzuhalten ist. Und wenn diese Haltung vieler Unternehmen nach außen strahlt, dann wirkt sie auch nach innen und drückt die Qualität des Umgangs mit Bewerbern.Wir hatten schon viele Jahre lang auf dem Arbeitsmarkt keinen allgemeinen Engpass mehr bei der Besetzung von Fach- und Führungspositionen mit akademisch gebildeten Bewerbern. Und wenn es denn, von den immer denkbaren Ausnahmen bei besonderen Spezialisten einmal abgesehen, immer genug Kandidaten gibt und man nicht mehr um jeden davon kämpfen muss, dann schleifen sich mitunter auch hier Nachlässigkeiten ein. Wenn man genug Bewerber für sieben oder acht Vorstellungsgespräche hat und nach dem vierten glaubt, „seinen“ Kandidaten gefunden zu haben, dann lässt bei den folgenden Gesprächen schnell die Motivation nach. Auch das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung.Und immer wieder weise ich darauf hin, dass in so machen Unternehmen Bewerbungen ebenso nachlässig gelesen werden wie Stellenanzeigen von manchen Bewerbern. Zeitgeist offenbar.Und wenn Sie jetzt noch eine gewisse Quote an „Vorkommnissen“ einfach den üblichen Missverständnissen und Kommunikationspannen zurechnen, dann haben Sie fast eine Erklärung für alle Ihre fünf Fälle.Die beste Methode für Bewerber, mit Unerfreulichem umzugehen: Wo Sie unzufrieden sind, ziehen Sie freundlich und höflich Ihre Bewerbung zurück. Das nützt im Einzelfall nichts, hat aber auf Dauer eine erzieherische Wirkung.

Kurzantwort:

Service für Querleser:

1. Bewerber und Bewerbungsempfänger entstammen derselben „Gruppe Mensch“; mitunter wechseln sie im Laufe der Zeit sogar die Seiten. Kein Wunder, dass sie in ihrem Verhalten so oft „einander würdig“ sind.

2. Achtung: Bewerber dürfen, warum auch immer, nicht mehr davon ausgehen, dass der zum Vorstellungsgespräch Einladende die Unterlagen im Detail gelesen und analysiert hat. Oft wird diese Aktivität ins Gespräch verlagert. Dadurch erklären sich scheinbar „völlig unerwartete“ Absagen.

3. Der Umgang mit Bewerbern zeigt am Beispiel eines „Nebenkriegsschauplatzes“, dass für viele Unternehmen keineswegs der Mensch im Mittelpunkt ihres täglichen Tuns steht.
Frage-Nr.: 2842
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-10-27

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