Master mit 33?

Frage/1: Seit geraumer Zeit strebe ich einen geeigneten Berufseinstieg bzw. Arbeitgeberwechsel erfolglos an. Ich habe nach meinem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Ver- und Entsorger abgeschlossen und wurde in Festanstellung übernommen. Dann kam die Einberufung zur Bundeswehr (Sportfördergruppe mit internationalen Einsätzen). Danach wieder Einsatz im alten Beruf, nebenberuflich Erwerb der Fachhochschulreife und daneben Erweiterung meiner Berufsausbildung zur Elektrofachkraft für festgelegte Tätigkeiten. Dann folgte das Maschinenbaustudium an der FH (Bachelor). Frage/2: Für die Bachelorarbeit fand ich einen Platz bei einem Stahlhersteller. Aufgrund des umfangreichen Themas habe ich nach Absprache mit meinem Professor neun Monate daran gearbeitet. Ich habe darin die Chance gesehen, mich dem Unternehmen im Hinblick auf eine spätere Anstellung in einem extrem langen „Vorstellungsgespräch“ zu präsentieren. Aus mir nicht verständlichen Gründen war mir jedoch der Betreuer im Unternehmen nicht wohlgesonnen und hat sich dafür eingesetzt, dass ich keine Anstellung angeboten bekommen hatte. Ich möchte niemandem die Schuld zuschieben, allerdings hat mich diese Ablehnung schon sehr gewundertFrage/3: Glücklicherweise habe ich schnell eine Anstellung in einer kleinen Maschinenfabrik bekommen. Die Muttergesellschaft gehört zu einem größeren Dienstleister, der in der xy-Branche ausländische Mitarbeiter an regionale Firmen ausleiht (leider handelt es sich um eine Branche, die stirbt oder schon tot ist; H. Mell). Mit der Maschinenfabrik wollte man sich ein neues Standbein aufbauen. Leider läuft das alles nicht so gut, ich habe früh damit begonnen, mich neu umzusehen. Inzwischen hänge ich hier fest und kann nur wenig relevante Berufserfahrung sammeln, da der aktuelle Stand der Technik einfach ignoriert wird und die Unternehmensleitung auf meine Bedenken nicht reagiert. Ich habe versucht, mich hier selbst aktiv einzuarbeiten und mein technisches Wissen zu halten. Nachdem ich mich aus der aktuellen Position heraus bereits zwei Jahre erfolglos beworben hatte, habe ich ein Fernstudium zum Master im Maschinenbau begonnen. Ich hoffe, so dem Teufelskreis entfliehen zu können, werde aber beim Studienabschluss 33 sein. Erschwerend kommt hinzu, dass die Maschinenfabrik kurz vor dem Aus steht. Auf meine Bewerbungen bekomme ich regelmäßig Absagen. Wie schätzen Sie meine Lage und meine Bewerbungsunterlagen ein?

Antwort:

Antwort/1: Damit mir und den anderen Lesern die Probleme nicht über den Kopf wachsen, teilen wir sie in Module auf und analysieren diese:Also Sie waren Ver- und Entsorger und haben auch mehrere Jahre in diesem Metier gearbeitet. Dann kam die Zusatzausbildung zur begrenzt einsetzbaren Elektrofachkraft. Und bei der Bundeswehr sind Sie mit zivilen Fluggeräten geflogen, die auch Ihren Hobbybereich dominieren. Jetzt kam die löbliche Absicht, sich durch ein Studium zu qualifizieren. Sie mussten nur noch die Fachrichtung dafür festlegen.In den Augen späterer Bewerbungsleser wäre dabei die Versorgungstechnik sehr überzeugend gewesen, die Elektrotechnik hätte man Ihnen problemlos abgenommen, Luft- und Raumfahrt hätte man verstanden. Sie hatten also drei nachvollziehbare Möglichkeiten – und wählten eine vierte. Warum? Wie kommt man auf solche Ideen? Ist das pure Absicht, will man unbedingt das Gegenteil von dem umsetzen, was logisch und sinnvoll ist und allgemein empfohlen wird? Wer soll in dem sich ergebenden Gemenge noch Ziel und Richtung erkennen, wie soll man dabei auf die Fähigkeit zum planmäßigen Handeln schließen?Kein Außenstehender kann ergründen, was Sie sich dabei gedacht haben – und Sie dürfen sich nicht wundern, dass es Leute gibt, die Ihre Bewerbung insgesamt nicht überzeugend finden und kopfschüttelnd zur Seite legen.PS: Es gibt immer wieder Leser, die eine solche Analyse zwar so eben noch verstehen, aber dann konkrete Lösungsvorschläge vermissen. Ich schreibe für viele. Und wenn ich davon einige von Nachahmungen abhalte, habe ich ein ziemlich gutes Werk getan. Und, das glauben unbetroffene Dritte oft nicht, ich helfe auch dem Einsender. Wenn ich ihm nämlich verdeutlichen kann, dass er allein für bestimmte Probleme verantwortlich ist und dass sich die Entscheidungsträger bei Bewerbungen nicht in geheimnisvollen Gedankengängen verstricken, sondern einfachen, nachvollziehbaren Überlegungen folgen. Wobei dieser Fall noch nicht zu Ende ist.Antwort/2: Der Betreuer in jenem Großunternehmen hat ganz sicher einen Grund für seine Abneigung gehabt, Sie kennen ihn bloß nicht. Das wiederum ist ein weiterer Fehler von Ihnen. In jedem Fall waren Sie unsensibel und haben nicht gemerkt, wie sich bei ihm entweder allmählich eine negative Haltung Ihnen gegenüber aufgebaut hat – oder wie nach einem eventuellen einschneidenden Ereignis plötzlich seine Zuneigung ins Gegenteil umschlug. Für so etwas gibt es Ursachen, zumindest die müssten Sie heute kennen.Als Tipp: Sie sollten immer wissen oder zu ergründen versuchen, wie Menschen, die Einfluss auf Ihr Leben haben, über Sie denken. Wenn Sie es wissen, können Sie zu Kreuze kriechen, sich ändern, sich entschuldigen – oder darauf pfeifen. Aber wissen müssen Sie es.Und wenn Sie gar nicht weiterkommen mit Ihren diesbezüglichen Überlegungen, dann gehen Sie am Schluss zu einem solchen Menschen und sagen etwas in dieser Art: „Die Entscheidung ist gefallen, ich akzeptiere sie voll und habe nicht vor, dagegen anzureden. Ich hatte die Aufgabe, Sie zu überzeugen, Ihnen meine Qualitäten zu vermitteln, Sie zu einem positiven Urteil über mich zu bringen. Das habe ich nicht geschafft: mein Fehler, keine Frage.Aber ich habe eine herzliche Bitte an Sie: Ich bin mit einem extrem wichtigen Vorhaben gescheitert, in das ich neun Monate meines Lebens investiert hatte. Schön, mein Professor war zufrieden, aber darum geht es nicht. Hier in der Praxis hätte ich überzeugen müssen, das habe ich nicht geschafft. Und schlimmer noch, ich erkenne meine Fehler nicht. Die aber muss ich beim nächsten Praxiseinsatz abstellen. Ich kann mich aber nur ändern, wenn ich weiß, wo z. B. auch Ihre Bedenken und Vorbehalte liegen.Ich verspreche Ihnen zweierlei: Ich werde mit Ihnen nicht diskutieren, keine Gegenargumente oder Ausreden bringen, nur zuhören. Und ich garantiere Ihnen, dass ich alles, was Sie sagen, für mich behalte, weder irgendwo in Ihrem Hause verwenden, noch etwa öffentlich machen werde. Ich ganz persönlich brauche Ihre Hilfe, damit ich an mir arbeiten kann. Vielleicht sehe ich die Details ja ganz anders, aber ich muss Ihre Sicht zumindest kennen, das ist für mich überlebenswichtig.“Zum Hintergrund: Der letzte Absatz ist von besonderer Bedeutung. Etwaige Gegenreden von Ihnen ermüden ihn nur – und die Kritisierten neigen leider dazu. Nützen würden Gegenargumente jetzt ohnehin nichts mehr, die Sache ist gegessen. Und als verhältnismäßig kleiner Angestellter hat Ihr Betreuer natürlich Angst, Sie würden jetzt mit Aussagen von ihm zu seinen Chefs, zum Betriebsrat, zur Lokalpresse etc. laufen und ihm „Ärger machen“. Daher braucht er die Zusicherung von Ihnen.Meine Handlungsempfehlung galt für die damalige Situation. Ob das heute, etwa vier Jahre danach, noch funktioniert, weiß ich nicht. Aber schaden könnte ein Versuch nicht.Übrigens werden Bewerbungsempfänger in Vorstellungsgesprächen noch in vielen Jahren fragen, warum jenes große Unternehmen Sie damals nicht eingestellt hat.Antwort/3: Ihren Unterlagen liegen keine Zeugnisse bei; wir kennen also die Examensnoten nicht – und auch nicht die wichtige Beurteilung jenes großen Unternehmens über Ihre lange Zeit als Diplomand.Achtung: Sie sind heute mit Ihrer Unternehmensleitung wieder genau so weit wie damals mit Ihrem Betreuer während der Diplomarbeitserstellung. Gehen Sie einmal der Frage nach, ob Sie ein schwieriger, schwer zu führender Mann sind (in den Augen Ihrer Vorgesetzten, versteht sich).Verzichten Sie auf die Darstellung der fünf Jahre als Ver- und Entsorgungsmitarbeiter in der Rubrik „Werdegang“. Das passt hier nun überhaupt nicht. Schaffen Sie eine Pauschalrubrik „Schule/Ausbildung/Wehrdienst/Tätig­keiten vor dem Studium“, in der Sie das alles schön zeitlich geordnet unterbringen können. Die Details dazu liest kein Mensch mehr, aber Sie haben alles korrekt dargestellt.Dafür eröffnen Sie eine Rubrik „Studium“ (die es heute bei Ihnen nicht gibt) mit den üblichen Details zum Bachelor. Schreiben Sie nicht nur (wie heute), dass Sie ein Bachelorstudium absolviert haben, schreiben Sie darunter: „Abschluss: Bachelor (FH); x,x“ (das x,x steht für die Abschlussnote).Unter „Werdegang“ sollte dann nur Ihre heutige Position stehen. Lassen Sie dort alles weg, was auf die exotische (so muss man es heute sehen) Branche hindeutet.Vom nebenberuflichen Masterstudium sollten Sie auch weiterhin nicht reden, das würde nur Ihre Chancen reduzieren (jetzt, nicht nach späterem Abschluss).Ihr Hobby Fliegen nimmt als Block in der Darstellung 40 mm Höhe in Anspruch, Ihre x-fach wichtigere/heutige berufliche Tätigkeit nur 27 mm, bringen Sie das in eine vernünftige Relation. Reduzieren Sie überhaupt jene Angaben zur Fliegerei, die so interpretiert werden können, dass Sie da niemals weggehen, also nicht umziehen werden (weil Sie so tief in jenem Verein verwurzelt sind).Zum Anschreiben: Sagen Sie den Leuten nicht, was sie suchen – das wissen die ja („Sie suchen einen …“). Sagen Sie nicht, dass Ihnen das Stellenagebot gefällt (was die wissen wollen ist, was Sie an brauchbarer Qualifikation mitbringen). Weisen Sie nicht auf Ihre heutige, für Außenstehende „tote“ Spezialbranche hin.Sie schreiben dort über eine Bachelorarbeit bei einem Unternehmen – beides kommt im Lebenslauf nicht vor, das verblüfft.Bringen Sie in Erfahrung, wie Ihre Kündigungsfrist ist und sagen Sie nicht, die richte sich nach „üblichen gesetzlichen Fristen“. Und sprechen Sie nicht nebulös über das „Klären von Gehaltsvorstellungen im Gespräch“, nennen Sie Zahlen, z. B. einfach Ihr Ist-Gehalt.Vor allem aber: Der Empfänger will lesen, warum Sie dort, wo Sie sind, wegwollen. Sie können ruhig auf erkennbare wirtschaftliche Schwierigkeiten und die ungewisse Zukunft des Unternehmens verweisen.Als Strategieempfehlung: In Ihrem Fall halte ich das angefangene Masterstudium trotz des Alters für sinnvoll. Bis zu dessen Abschluss ist ein Arbeitgeberwechsel nicht zu empfehlen – Ihre beruflichen Ansprüche werden am Examenstag steigen, Sie würden einen jetzt mühsam gefundenen Job dann nicht mehr haben wollen (wie all die anderen Leute mit Zweitstudium vor Ihnen). Also entweder quälen Sie sich weiter bis zum Ende des Studiums beim heutigen Arbeitgeber oder Sie gehen zum Zeitarbeitsunternehmen. Sie sind jetzt eine Art „Student mit erster Berufspraxis“, da legt man später das, was Sie vor dem hochwertigsten Examen gemacht haben, nicht auf die Goldwaage.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Bevor Sie in Ihrem Lebenslauf etwas beruflich Relevantes in Angriff nehmen, überlegen Sie, wie das wohl später in den Augen von außenstehenden Betrachtern aussehen könnte, ob sich die einzelnen Puzzle-Steine zu einem harmonischen Bild zusammenfügen.
Frage-Nr.: 2826
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-07-07

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