Heiko Mell

Spezielle Probleme beim „amerikanischen“ Lebenslauf

Frage/1:

Nun muss ich Ihnen doch einmal schreiben, denn zum ersten Mal in ca. dreißig Jahren haben Sie mich enttäuscht (Notizen aus der Praxis Nr. 448 „Lebenslauf“):

Im Prinzip bin ich auch kein Freund des „amerikanischen“ Lebenslaufs, doch Ihre Argumentation ist nicht stichhaltig. Sie meinen, Ihre Argumente würden gegen diesen „umgekehrt chronologischen“ Lebenslauf sprechen. Tatsächlich spricht aber Ihre Argumentation gegen den Bewerber.

Frage/2:

Ansonsten zähle ich zu den begeisterten und dankbaren (!) Lesern. (Ich habe sogar meinem Patensohn ein Abonnement der VDI nachrichten geschenkt – mit der einzigen Bedingung, dass er die Karriereberatung liest.)

Antwort:

Antwort/1:

Das kann man so eindeutig nicht sagen. Also „gegen den Bewerber“ stimmt schon, aber eine Argumentation gegen diese – von mir ungeliebte – Lebenslaufvariante hatte ich gar nicht vorrangig beabsichtigt.

Ich hatte geschrieben: „Das Ding hat seine Tücken“ (die hat es zweifelsfrei). Und gegen Schluss hatte ich mit meiner Formulierung „Wenn Sie also der umgekehrt chronologischen Variante des Lebenslaufes anhängen, müssen Sie bei jedem ‚Fortschreiben‛ dieses Dokumentes … neu nachdenken …“ doch eigentlich nur auf eine bisher oft übersehene Problematik dieser Darstellungsform hingewiesen. Aber ich hatte diesmal gar nicht versucht, gegen diese „amerikanische“ Form anzuschreiben. Ich hatte nur im übertragenen Sinne gesagt, dass einer der typischen, nicht nachdenkenden, unsystematisch vorgehenden, gedankenlos arbeitenden Bewerber (also einer aus der Mehrheit dieser Gruppe) sich ggf. mit diesem „wider die menschliche Natur“ ausgerichteten Bewerbungsaufbau schwerer tut als mit der klassischen, die Dinge chronologisch darstellenden Form.

Ganz kurz zur Erinnerung: Jemand holt anlässlich einer Bewerbung einen „alten“ Lebenslauf hervor, der drei Jahre alt ist. Inzwischen wurde er befördert.

a) In der chronologischen, dem tatsächlichen Ablauf entsprechenden Version hängt er ein neues Datum hinten an, schreibt rechts die neue Positionsbezeichnung daneben, führt darunter noch drei bis fünf Hauptaufgaben an – und ist fertig: der neue, aktuelle Lebenslauf steht.

b) In der umgekehrt chronologischen Version setzt er die neue Position mit Zeitangabe (z. B. „seit 01.xx.20xx Teamleiter“) ebenso einfach davor – und richtet ein heilloses Chaos an. Das Neugeschriebene ist dann die erste Information, die der von oben nach unten lesende Bewerbungsempfänger bekommt. Jetzt stehen aber die relevanten Details, dass es hier um eine Entwicklung und zwar von X-Bauteilen geht, erst 10 cm tiefer bei der alten Entwicklungsingenieur-Position, oben steht nur „Teamleiter“ – nicht wovon und nicht wofür.

Das wird „gern genommen“, sonst sähe ich es nicht so häufig. Und für die Leser meines Beitrags war es die Warnung: Achtung, bei dieser Lebenslaufvariante müssen Sie noch mehr aufpassen als bei der chronologischen. Und da ich nicht frei von Bosheit bin, lautete der Tenor meines Beitrages: „Das haben Sie nun davon.“

Wir sind uns absolut einig, dass diese Fehler gegen den Bewerber sprechen. Der Unterschied besteht darin, dass Sie schreiben: „Solch einen Bewerber möchte ich nicht einstellen“, was ich gut verstehen kann, während ich aber hier angetreten bin, um „solch einem“ Kandidaten Denkanstöße dahingehend zu geben, sich in Zukunft als überzeugender, nicht mehr unangenehm auffallender Mensch zu präsentieren. Ihnen reicht es ihn abzulehnen, ich will ihm helfen.

Das ist ein mühsames Geschäft: Nehmen wir einmal an, 10 % meiner Aussagen und Ratschläge seien genial, brillant oder doch wenigstens bemerkenswert. Aber selbst ich gebe zu, dass das auf 90 % meiner Aussagen so nicht zutrifft. Konkret: Darauf hätten die Bewerber auch selbst kommen können. ALLEIN, SIE KOMMEN NICHT. Wer weiß, warum sie nicht darauf kommen, darf sich klüger nennen als ich es bin.

Beispiel aus meiner heutigen Post: Dipl.-Ingenieur, seit fast neun Monaten arbeitslos. Er wählt für seine Bewerbung die „amerikanische“ Version. Diese beginnt unmittelbar nach den persönlichen Daten mit NICHTS, es fehlen einfach die Monate seit dem Ende der letzten Anstellung. Ob man da nun gar nichts hinschreibt oder „arbeitslos“ oder „stellungssuchend“, das ist völlig egal, nichts ist nichts. Jetzt frage ich: Ist „Nichts“ zum Einstieg in eine Qualifikationsdarstellung ein erfolgversprechender Auftakt? Nein? WARUM TUT ER ES DANN?

Neun Monate arbeitslos, das heißt: „In den vergangenen Monaten habe ich etwa 250 Bewerbungen geschrieben. Keiner der Adressaten hat mich haben wollen. Die müssen ihre Gründe gehabt haben. Du aber, 251. Bewerbungsempfänger, sollst nehmen, was alle anderen nicht wollten.“ Imponiert dem das? Nein. Warum …, aber das hatten wir schon.

Nach diesem ersten „Informationsschock“ ist die Bereitschaft des Adressaten, sich überhaupt noch mit der fachlichen und sonstigen Qualifikation dieses Bewerbers zu beschäftigen, gleich Null. Diese Prüfung haben ja die anderen 250 Firmen schon durchgeführt – mit dem erkennbaren Resultat.

Bei der chronologischen Form hingegen liest der Bewerbungsempfänger erst die Darstellung der in Jahren aufgebauten Qualifikation, um ganz am Ende zu sehen, dass da nun leider noch ein „Haken“ drin steckt. Das muss nicht garantiert zum Erfolg führen – aber es hat eine Chance, andernfalls hat es keine.

Einmal ganz abgesehen davon, dass ich die Entwicklung eines Menschen bis zum heutigen Tag sehen will. Es ist viel schwieriger, sie rückwärts zu lesen – und auch, sie rückwärts zu schreiben.

Jetzt haben Sie, geehrter Einsender, mich doch noch dazu gebracht, gegen eine der beiden (allgemein akzeptierten) Lebenslaufvarianten zu argumentieren. Aber in den „Notizen“ Nr. 448 hatte ich das gar nicht vor. Ich ärgere mich nur, dass niemand meinen Vorschlag aufgreift, auch die Arbeitszeugnisse umgekehrt chronologisch zu schreiben, damit sie besser zu den verflixten Lebensläufen passen. Das hieße dann so: „Herrn Max Müller, geboren am … in … haben wir am xx.xx.2011 entlassen. Vorher war er als … tätig. Seine Aufgaben waren … Davor war er … Beurteilt haben wir ihn so … Ach ja, am xx. xx.19xx war er bei uns eingetreten.“

Gerechterweise dürfte man diese Version dann nicht „amerikanisch“ nennen, dort kennt man weder diese noch chronologische Zeugnisse. Bevor nun das wieder jemand ganz toll findet: Dort hat man ein ganz anderes Arbeitsrecht („hire and fire“ klingt ja auch nicht sehr deutsch).

Antwort/2:

Frau Bornmann setzt meine Manuskripte seit mehr dreißig Jahren engagiert um und hilft mir u. a. dabei, alles in die richtige Form und vorgegebene Länge zu bringen. Es ist nahezu unbezahlbar, hier im Büro eine Partnerin bei diesem Riesenprojekt zu haben, die von der Konzeptphase an dabei war, alle handelnden Personen kennt und alle Höhepunkte der Serie persönlich miterlebt hat. Auch sie bedankt sich für ihre freundlichen Worte.

Frage-Nr.: 2777
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-10-08

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