Heiko Mell

Ab 55 noch begehrt?

Frage/1:

Nach wie vor gibt es ja offensichtlich einen Engpass bei der Besetzung von offenen Stellen durch entsprechend qualifizierte Ingenieure.

Frage/2:

Dennoch ist eine erfolgreiche Bewerbung mit einem „gewissen Reifegrad“ (sprich: Alter) kaum möglich. Heißt das für Ingenieure, die älter als 55 Jahre sind, dann nur noch Interim-Management oder gibt es doch noch alternative Möglichkeiten?

Antwort:

Antwort/1: Ich verstehe Sie ja, die „veröffentlichte Meinung“ lief längere Zeit in diese Richtung. Es gab sicher auch sachliche Ansatzpunkte für eine Prognose in Richtung „Ingenieurmangel“: Da war die gut laufende Konjunktur, da war die demografische Entwicklung – daraus hätte sich durchaus ein solcher Mangel entwickeln können.

Aber auf die pauschale Knappheit einer wirtschaftstragenden Berufsgruppe (z. B. Ingenieure) reagieren die Unternehmen mit einem ganz bestimmten Vorgehen, das wir seit Jahren kennen und das es in früheren Mangelsituationen stets gegeben hat:

a) Es wird für die Personalwerbung ordentlich Geld in die Hand genommen, Kosten sind zweitrangig, großangelegte Werbekampagnen in jedem nur halbwegs geeigneten Medium sind an der Tagesordnung.Dieses wesentliche Merkmal eines Mangels hat es jetzt nicht gegeben. Ich habe früh darauf hingewiesen: Die Firmen benehmen sich einfach nicht so als stünden sie vor Ingenieurmangel „auf breiter Front.“

b) Wer zu einer der dann heißbegehrten (Mangel-)Berufsgruppen gehört, wird von den Firmen eingestellt, auch wenn er nicht ganz dem Ideal entspricht; man ist tolerant auch gegenüber Problembewerbern.

Dieses Merkmal hat es jetzt auch nie gegeben. Die Firmen, die Ingenieure suchten, haben sich – gegen die Regeln von Personalwerbung und Karrieregestaltung – darauf konzentriert, Bewerber zu finden, die heute genau das tun und sind, was sie beim neuen Arbeitgeber tun und sein sollen. Es hieß also nicht: „erfahrener Projektingenieur als Projektleiter“ oder „erfahrener Konstrukteur als Teamleiter“ oder „engagierter Berufseinsteiger gesucht, den wir in die Aufgaben des Projektingenieurs einarbeiten“, sondern stur „erfahrener Projektingenieur für die Tätigkeit als Projektingenieur gesucht“. Das wäre für den möglichen Bewerber kein Fortschritt gewesen, also ist er geblieben, wo er war – und alles sprach vom Ingenieurmangel.

c) Wenn an Mitgliedern einer bestimmten Berufsgruppe wirklich Mangel herrscht, dann stehen die suchenden Firmen Schlange an den Hochschulen, um auf jeden Fall schon einmal die Absolventen „aufzusaugen“, aus denen man ja in ein bis zwei Jahren selbstständig arbeitende Fachkräfte machen kann.

Das aber hat es ebenfalls nicht gegeben, Absolventen der Ingenieurdisziplinen mussten und müssen um einen aussichtsreichen Berufseinstieg kämpfen, so mancher scheitert dabei. Wie kann es einen Mangel geben, wenn sich gerade die großen Konzerne nicht um Berufseinsteiger reißen – und z. T. nicht einmal diejenigen nehmen, die bei ihnen erfolgreich ihre Diplomarbeit geschrieben oder ihr Praxissemester absolviert haben?

Antwort/2: Da es den Ingenieurmangel so pauschal nicht gibt (siehe Antwort/1), müssen wir einfach ganz sachlich die Frage nach den Bewerbungschancen eines Kandidaten jener Altersgruppe beantworten. Das ist nicht so einfach:

1. Ich beginne einmal versöhnlich: Betrachtungen wie diese hier sind keine exakte Wissenschaft, es geht auch nicht um technische Gesetzmäßigkeiten oder Formeln, wie sie gerade Ingenieuren so vertraut sind.So gibt es kein garantiertes „absolut keine Chance“, es gibt nur Trends, Wahrscheinlichkeiten, übliches Entscheiderverhalten, Prognosen für 75, für 85 oder auch für 95 Personen von 100. Aber nie gilt so etwas für alle 100. Will heißen: Es ist immer möglich, auf eine besondere Situation, auf einen besonders denkenden Entscheidungsträger zu treffen und Glück zu haben.

Chancen werden etwa „ab 50“ kleiner, sie sind jedoch nie Null. Aber wenn sie klein sind, brauchen Sie mehr Versuche, um eine Lösung wahrscheinlich zu machen. Konkret: Wo dem 38-Jährigen fünf Bewerbungen in seiner Region ausreichen können, wird der 55-Jährige vielleicht 300 Unterlagen in ganz Deutschland versenden müssen.

2. Bei rein ausführend tätigen Bewerbern (ohne Führung) beginnen altersbedingte Probleme z. T. schon mit 45, werden mit 48 massiv und mit 50 recht massiv, darüber hinaus wird es meist unkalkulierbar.Bei Führungskräften liegen die Grenzen höher. Hier gelingen oft Versuche noch mit 52, mitunter auch mit 54 Jahren. Top-Manager mit „Erfolgsnimbus“ sind z. T. auch darüber hinaus noch begehrt.

3. Je eindeutiger der Bewerber zur Position passt, je perfekter Branche, Firmentyp und ‑größe, Tätigkeit und Verantwortungsumfang übereinstimmen, desto größer die Chancen, wenn ein einziger Aspekt (Alter) außerhalb des Idealrahmens liegt.

4. Es hat keinen Zweck, Inserenten telefonisch zu fragen, ob … Um nicht wegen Altersdiskriminierung belangt zu werden, müssen sie auch einem 64-jährigen Fragesteller freudig sagen, das spiele überhaupt keine Rolle.

5. Achtung: Absagen auf Bewerbungen eines Kandidaten von 55 müssen nicht unbedingt auf sein Alter zurückzuführen sein. Dieser Bewerber kann natürlich auch noch all jene Probleme mit sich herumschleppen, die auch die Einstellung eines 40-Jährigen verhindern würden! Das wird von den Betroffenen oft übersehen, sie führen schnell alle Niederlagen auf das Alter zurück.

6. Oft sind unbeliebte Dienstsitze in „verlassenen Gegenden“ eine Möglichkeit. Dort ist der Wettbewerb durch jüngere Mitbewerber deutlich geringer, die (und deren Familien) ziehen dort nicht hin.

7. Mitunter hilft es, dem Bewerbungsempfänger zu signalisieren, dass man gerne bereit sei, das Risiko mitzutragen, welches er in der Einstellung sehen könnte (z. B. zunächst eine befristete Anstellung, eine Probephase auf selbstständiger/freiberuflicher Basis).

8. Wegen der demografischen Entwicklung und der eines Tages wirklich drohenden Fachkräfteknappheit werden sich die Altersgrenzen weiter nach oben verschieben. Aber nur ganz, ganz allmählich. Und Rückschläge – z. B. wenn der Arbeitsmarkt sich verändert – sind nie ausgeschlossen. Der beste „Schub“ für die Akzeptanz älterer Ingenieure wäre ein tatsächlicher allgemeiner Ingenieurmangel, der aber andere, gravierende Nachteile hätte und den wir nicht herbeireden sollten.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2776
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-10-01

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