Heiko Mell

Absagen trotz Fachkräftemangels

Frage/1:

… bitte ich Sie um Erklärung einer merkwürdigen Verhaltensweise stellenausschreibender Firmen.

Zur Gewährleistung hohen Informationsgehalts und sprachlichen Niveaus redigiere ich nach den von Ihnen kommunizierten Regeln die Bewerbungsschreiben von Personen, die mich darum bitten.

Frage/2:

Die Bewerbung einer eingebürgerten „Doktortochter“ chinesischer Herkunft mit einwandfreiem Lebenslauf um ausgeschriebene und an deutschen Standorten zu besetzende Stellen bei einem japanischen, einem deutschen und einem nordeuropäischen Konzern wurden unmittelbar abgelehnt. Dabei passte ihre Qualifikation nahezu perfekt als „Schlüssel in die Schlösser“ sehr spezieller Anforderungsprofile, für die sicher nur ganz wenige Kandidaten auf dem Markt sind.Bezeichnend ist, dass die Stelle des deutschen Konzerns bereits mehr als ein Jahr vakant war und die zwei per E-Mail übersandten Bewerbungen schon innerhalb weniger Stunden zurückgewiesen wurden.

Können Sie mir dieses Verhalten angesichts angeblich existierenden Fachkräftemangels und der hochtrabenden Phrasen sich „Talent Scout“ oder ähnlich nennender Ansprechpersonen in Stellenanzeigen erklären?

Antwort:

Die klassische Bewerbung, heute überwiegend als E-Mail-Anhang versandt, besteht aus drei Teilen:

a) Lebenslauf, Lebenslauf, Lebenslauf. (Die albern klingende Häufung des Begriffs soll die zentrale Bedeutung dieses Teils unterstreichen. Profis lesen oft zuerst dieses Dokument und sortieren danach ca. 90% der Bewerbungen als ungeeignet aus – bei denen sie sich dann das Lesen der häufig „schwerfälligen“ oder sogar unverständlichen Anschreiben sowie das Blättern in Zeugnissen und endlosen Seminarbescheinigungen ersparen. Es gilt die Empfehlung: Probleme bzw. offene Fragen, auf die ein Bewerbungsleser im Lebenslauf stößt, sollten durch eine an dieser Stelle eingeschobene kurze, z. B. in Klammern gesetzte Erklärung beantwortet werden. Dabei geht es nicht nur um die Qualität der dort zu gebenden Information, allein schon ihre „nackte Existenz“ zeigt, dass der Bewerber mitgedacht und erkannt hat, dass sich hier für den Leser eine Unklarheit auftut.

Beispiel: Der Bewerber schreibt „seit 04/2012 Studium der … an der … Vertiefungsrichtung … Thema der Diplomarbeit …“Ende seiner Darlegungen dazu. Natürlich will der Bewerbungsleser genau an der Stelle, genau zu dem Zeitpunkt, an dem er das liest, wissen: Wann ist der Mann/die Frau fertig, wann kann er/sie anfangen? Steht da nichts, darf der Leser das Ungünstigste als gegeben annehmen – er legt ja ohnehin neun von zehn Zuschriften beiseite, warum nicht auch diese? Vielleicht steht jene Information ja im Anschreiben – das aber mit sehr deutlich über 50%iger Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr gelesen wird.)

b) Anschreiben (Das könnte jenes von Ihnen erwähnte Bewerbungsschreiben sein. Es hat Sekundärbedeutung, ist aber keineswegs unwichtig.)

c) Zeugnisse (später vor allem die Arbeitszeugnisse; bei Anfängern z. B. das Abitur; unbedingt – so vorhanden – das Hauptexamen und die Doktorurkunde mit allen Noten und jene zusätzlichen Seminar- bzw. Ausbildungsbescheinigungen, die im Hinblick auf die angestrebte Stelle in diesem Fall besondere Bedeutung haben; sonst reicht eine Erwähnung im Lebenslauf.)

Wenn Sie also Menschen helfen wollen und sich im Metier der Bewerbungstechnik sicher fühlen, beginnen Sie mit dem Lebenslauf.

Antwort/2: Die Absagen können folgende Gründe haben:

1. Zum Zeitpunkt des Eintreffens der Bewerbung gibt es entweder keinen Bedarf mehr oder es herrscht bereits Einstellstopp (aber man hat die Anzeige im Internet teils aus Bequemlichkeit, teils aus Imagegründen stehen lassen, was größere Unternehmen praktisch nichts kostet).

2. Die unabänderlichen Fakten des Bewerbers, die keine noch so gute Bewerbungstechnik ändern kann, passen nicht zum Anforderungsprofil (das man interpretieren können muss, es zu lesen genügt nicht) oder sie gefallen dem Leser schlicht nicht, er trifft stets auch eine „Bauchentscheidung“, die auf allen möglichen Kriterien beruhen kann.

3. Die Bewerbung kann in der Gestaltung des Lebenslaufes und des Anschreibens „Fehler“, Ungeschicklichkeiten o. Ä. enthalten oder sie hat sich spontan aufdrängende Fragen nicht beantwortet (im Strafrecht: im Zweifel für den Angeklagten; bei Bewerbungen: im Zweifel gegen den Bewerber). Leider haben Sie kein Muster beigelegt – ich hätte sicher etwas „gefunden“.Was nun den Zeitablauf angeht:Bewerber freuen sich sehr über kurz (sogar über extrem kurz) nach dem Absenden der Unterlagen eintreffende Einladungen, hassen aber schnell eintreffende Absagen, warum auch immer. Die erste, durchaus vorentscheidende Durchsicht einer Bewerbung dauert nur ca. eine Minute. Eine Absage nach einer Stunde wäre also höchst „normal“. Aber: Profis wie ich lassen solche Absagen zehn bis vierzehn Tage liegen und schicken sie dann ab. Das gefällt den Bewerbern besser. Und: Den Fachkräftemangel hat es so nie gegeben. Ich habe ihn nicht „erfunden“ und schon früh öffentlich Zweifel geäußert, die heute Allgemeingut sind.

Hier enden – zwangsläufig – meine allgemeinen Antworten auf diese Fragen. Als ich diesen Beitrag schrieb, lag mir die Originalbewerbung dieser speziellen Kandidatin, von der Sie sprechen, nicht vor. Später haben Sie mir diese Unterlagen zugänglich gemacht. Um in dieser hochsensiblen Angelegenheit den Datenschutz zu wahren, habe ich Ihnen dazu als große Ausnahme individuell geantwortet. Und wie fast immer, hatte ich auch hier konkrete Ansatzpunkte für eine Optimierung gefunden.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2775
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-09-24

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