Heiko Mell

Über meine hohe Intelligenz reden?

Wie viele Ihrer Leser fühle ich mich durch Ihre Kolumne kompetent beraten und fast noch mehr bestens unterhalten.

Ich bin aktiv auf der Suche nach einer neuen Anstellung. Sollte ich in meiner Bewerbung angeben, dass ich Mensa-Mitglied bin und damit ziemlich explizit darauf hinweisen, dass mein IQ vermutlich/laut Mensa-Test bei über 130 Punkten liegt?

Zwar habe ich auch einige „solidere“ Qualifikationen und Erfahrungen, aber die mit der Mensa-Mitgliedschaft verbundene Tatsache ist aus meiner Sicht eine wesentliche Facette meiner Persönlichkeit und – wohl relevanter – eine gewichtige Information hinsichtlich meiner Stärken und Eignung für anspruchsvolle Tätigkeiten. Andererseits habe ich die Befürchtung, mit dieser Angabe abzuschrecken, als arrogant zu erscheinen oder sonst noch was dergleichen. Bisher habe ich zu dieser Frage nur ausweichende Antworten erhalten.

Antwort:

Zunächst für Uninformierte: Mensa ist nicht nur „Studentenkantine“ und „Altartisch“, sondern eben auch ein weltweiter Verein von hochbegabten Menschen. Es gibt frei zugängliche IQ-Tests, mit denen man feststellen kann, ob das eigene Potenzial für eine Mitgliedschaft reicht. Gemessen an der Weltbevölkerung ist die Zahl der Mitglieder extrem klein.

Nähern wir uns dem Thema einmal so:

1. In der Welt der Industrie ist hochqualifiziertes Fachwissen über Intelligenz (was ist das überhaupt?), den Intelligenz-Quotienten und was man eventuell daraus ableiten kann, nicht sehr verbreitet, vorsichtig gesagt. Begriffe wie intelligent, klug, begabt, leistungsstark werden munter durcheinandergeworfen und laienhaft interpretiert.Hiermit hat auch zu tun, dass bei allen Anforderungen, bei allen gesuchten Eigenschaften und Fähigkeiten in Stellenbeschreibungen und in Stellenanzeigen nie „intelligent“ oder gar „hochintelligent“ gefordert wird, von einem genau definierten IQ für eine bestimmte Position ganz zu schweigen. Wir brauchen und suchen auch Intelligenz, aber wir nennen sie niemals so. Wir helfen uns mit – nicht identischen, aber in laienhafter Sicht ähnlichen – Begriffen wie „Prädikatsexamen“ o. Ä.

2. Was außer mir kaum jemand so deutlich ausspricht: Für unsere anspruchsvollsten Jobs, jenen im Führungsbereich, brauchen wir natürlich auch intelligente Menschen, aber: Wir nennen das auch hier nicht so (siehe zu 1.) – und wir brauchen Intelligenz praktisch nur bis zu einer gewissen, nicht exakt definierten und auch je nach Position unterschiedlichen Obergrenze. Ein darüber hinausgehendes Mehr an Intelligenz, sagen wir es so, macht ihre Träger leicht unglücklich und stört damit.

Ich hänge das gern an diesem Beispiel auf: Manager müssen entscheidungsbereit und fähig sein, darüber besteht allgemeiner Konsens. Was nun ist eine Entscheidung? Sie ist nicht die Festlegung auf diejenige Handlungsalternative, für die letztlich die meisten Argumente sprechen. Diese Festlegung könnte jeder entsprechend programmierte Computer auch treffen.

Nein, eine Entscheidung wird dann fällig, wenn alle Argumente dafür und dagegen ausgereizt und wieder und wieder abgewogen worden sind, wenn kein Aspekt deutlich überwiegt, aber jetzt eine Festlegung getroffen werden muss. Das kann sogar bedeuten, dass sich ein erfolgreicher Manager gegen die Mehrzahl der vorliegenden Argumente (Gutachten, Meinungen, Vorschläge der Mitarbeiter) entscheidet – und damit richtig liegt. Weil er vielleicht seinen Instinkten vertraut, auf seinen „Bauch“ hört etc.

Die Erfahrung lehrt, dass viele hochintelligente Menschen solche Art von Entscheidungen verweigern, weil, wie sie richtig erkennen, diese Festlegung auf dieser Wissens und Informationsbasis eigentlich gar nicht zu verantworten ist. Was stimmt, aber nicht hilfreich ist, weil entschieden werden muss .

Die Konsequenz daraus ist: Zur Entscheidungsfreude gehört ein „Rest von Dummheit“, mit Betonung auf „Rest“. Daher würden wir, müssten wir den idealen Manager beschreiben, zahlreiche Eigenschaften und Fähigkeiten fordern, aber „so intelligent zu sein, dass es für eine Mensa-Mitgliedschaft reicht“, gehört nicht dazu. Und über kann auch falsch qualifiziert sein.

3. Die klassischen Aufgaben im Tagesgeschäft einer Führungskraft sind anspruchsvoll, vielseitig und fordern den dort tätigen Menschen oft außerordentlich. Aber während wir dabei auf vielen Gebieten Höchstwerte in der Ausprägung voraussetzen – das kann je nach Position die Durchsetzungsfähigkeit, die Motivationskraft, die Kreativität, die Kundenorientierung oder das Gespür für Marktentwicklung sein, eventuell sogar die Fähigkeit zum überzeugenden Auftreten in der Öffentlichkeit –, sind die Standard-Herausforderungen im Tagesgeschäft sehr oft so, dass zu ihrer Bewältigung besondere Hochintelligenz tatsächlich nicht erforderlich ist.

Das scheint übrigens, wenn ich das von außen richtig sehe, beispielsweise in der Politik kaum anders zu sein. Auch dort wirkt vieles äußerst banal, zumindest auf die als Wähler oder von der Politik sonst wie Betroffenen.

Wir in der „freien Wirtschaft“ nun setzen Kapital ein, finanzieren damit die Herstellung von Kaffeetassen oder Panzergetrieben oder Autoreifen mit dem Ziel, eine möglichst hohe Rendite des eingesetzten Kapitals zu erreichen und den Aktienkurs hochzuhalten, unter der Belastung, mit wachsender Konkurrenz aus China fertigzuwerden oder als überzogen eingestufte Forderungen unseres Tarifpartners abzuwehren. Das fordert seinen Mann oder seine Frau zu oft mehr als 100% – aber sagen wir es so: Wären unsere Manager noch wesentlich intelligenter als sie es heute sind, wäre noch mehr Erfolg auch nicht garantiert.

4. Nehmen wir einmal an, die Einser-Kandidaten im Studienexa-men seien oft sehr intelligent. Dann hätten wir ein gutes Beispiel für meine Thesen Nr. 1 – 3. Man kann in dieser Serie oft lesen, auf welche besonderen Schwierigkeiten diese Menschen im industriellen Alltag überdurchschnittlich oft stoßen (ich weiß, dass dieser Vergleich von Studienleistungen und Intelligenz in die Nähe der Geschichte mit den Äpfeln und Birnen geht – aber was soll‘s: Obst und damit nahe verwandt sind sie beide).

5. Aus all dem folgt: Tun Sie es lieber nicht. Einmal steht Intelligenz im Mensa-Sinn in keinem industriellen Anforderungsprofil und, viel wichtiger, die anderen alle, die Ihre Bewerbung lesen, die Ihre künftigen Chefs wären und selbstverständlich auch Ihre späteren Kollegen, die haben diese besonders hohe Intelligenz eher nicht, eigentlich ganz gewiss nicht. Ich fürchte, viele von denen gingen in eine instinktive Abwehrhaltung, läsen sie entsprechende Hinweise in Ihrer Bewerbung. Außerdem „riecht“ so ein Mensch (wie Sie) nach Ärger. Das ist ein Vorurteil, aber ein sehr gefestigtes.

Sagen wir es so: Wer schneller laufen kann als andere, läuft auch schneller. Auch ich schreibe hier so gut wie ich kann. Es wäre lächerlich zu behaupten, ich könnte es viel besser, bremste mich aber mit Rücksicht auf die Leser und um die anderen Serienautoren dieser Welt nicht zu schlecht aussehen zu lassen. Also wird, so die erlaubte Vermutung, auch der Mann mit seinen deutlich überdurchschnittlich ausgeprägten geistigen Gaben dieselben stets ausspielen. Im Kontakt mit Kollegen, anderen Abteilungen und – was der Himmel verhüten möge – im Kontakt mit Chefs.

Es gibt noch ein sachliches, sehr vernünftig klingendes Argument: Entweder hat die hohe Intelligenz (ganz korrekt müsste es wohl heißen der hohe IQ) nichts mit der Eignung eines Bewerbers für eine anspruchsvolle Industrieposition zu tun – dann nützt auch der Hinweis darauf in der Bewerbung nichts und kann unterbleiben. Oder sie, die hohe Intelligenz, ist doch relevant aus beruflicher Sicht und verschiebt irgendwelche wesentlichen Fähigkeiten in Richtung „+“ – dann muss sich diese hohe Intelligenz ja in irgendwelchen Aspekten, Kriterien oder Fakten niedergeschlagen haben, die wir bei der Bewerbungsanalyse „automatisch“ vor uns sehen. Ein solcher Bewerber hätte ein zweifelsfrei glänzendes Abiturresultat, ein sehr kurzes, sehr schnelles, mit ausgezeichnetem Resultat abgelegtes Studium, spräche vielleicht mehrere Sprachen und hätte in jedem Praktikum, bei jedem sonstigen Kontakt mit der Arbeitswelt hochachtungsvolle Bewertungen erzielt. Dann sehen und werten wir das – und brauchen den Hinweis auf den hohen IQ nicht.

Wie Sie es auch drehen und wenden: Haben und pflegen Sie Ihren IC, aber gehen Sie nicht offensiv mit ihm um. Liefern Sie lieber stets die bessere Problemlösung, das überzeugt deutlich mehr. Und schreiben Sie mir nicht, Hochbegabte (was nicht identisch sein muss mit einem Top-IQ) hätten häufig wegen Unterforderung besonders schlechte Noten. Ich kenne die Theorie, sie überzeugt mich nicht: Wer schnell laufen kann, läuft schnell, sofern ein Wettkampf angesetzt ist. Verweigert er die Leistung, weil er sich im Training unterfordert gefühlt hat, ist er ohnehin nicht aus dem Holz geschnitzt, aus dem wir unsere Eliten formen.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Auf überdurchschnittliche berufliche Leistungen darf, ja soll man in Bewerbungen angemessen hinweisen. Mit dem Hinweis auf überdurchschnittlich hohe Intelligenz jedoch wird man eher Ablehnung provozieren.

Frage-Nr.: 2761
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-06-18

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