Heiko Mell

Ich werde nicht eingeladen

Frage/1:

Meine Frau und ich haben uns während des Studiums in A-Stadt kennengelernt. Sie hat an der TU studiert, ich an der FH. Nach dem Abschluss haben wir uns jeweils deutschlandweit um die erste Stelle beworben. Das ist jetzt fünf Jahre her, wir führen seitdem eine Wochenendbeziehung, möchten aber doch gern zusammen wohnen. Da meine Frau gerade erst in eine Führungsposition befördert wurde und mehr Geld verdient als ich, versuche ich, eine Stelle in ihrer Nähe zu finden.

Es fällt mir schwer, überhaupt Stellenausschreibungen zu finden, auf die mein Profil passen könnte, da meine bisherige Berufserfahrung sehr speziell ist. Seit über einem Jahr bewerbe ich mich deshalb auf verschiedene Positionen im fachlichen Umfeld meiner Tätigkeit in der entsprechenden Region. Bisher ohne Erfolg.

Frage/2: 

Ich wurde nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen.
Im Anhang finden Sie meinen Lebenslauf sowie meine Bewerbungsunterlagen zu einer exemplarischen Stellenausschreibung, damit Sie sich ein Bild machen können.
Wie Sie den Unterlagen entnehmen können, habe ich nebenberuflich ein Aufbaustudium an einer TU absolviert, um ein Universitätsdiplom zu erlangen. Bei meinem derzeitigen Arbeitgeber wird man mit einem FH-Diplom nur in eine niedrige Entgeltgruppe eingestuft, ohne eine Chance, sich nach oben zu verbessern.

Antwort:

Antwort/1:

Sie wissen, dass ich hier versuche, dem jeweiligen Einsender zu helfen – dass ich aber fast noch mehr daran interessiert bin, mögliche „Nachahmer“ durch solche Beispiele aus der Praxis rechtzeitig zu warnen. In diesem ersten Teil Ihrer Einsendung stecken folgende Probleme:

a) Die räumliche Trennung von Ihrer Frau ist leider ein „systemimmanentes“ Problem, für das es keine pauschale Lösung, sondern nur individuelle Lösungsansätze gibt. Die Regel lautet: Wenn zwei Partner mit hochwertiger Ausbildung jeweils anspruchsvolle Tätigkeiten/Laufbahnen anstreben, sind früher oder später Konflikte allein wegen der Standort-/Wohnsitzproblematik zu erwarten. Dieses Problem existiert in zahlreichen Varianten: Mal ist ein Partner Beamter, der kaum über Landesgrenzen hinweg versetzt werden kann, dann wieder hat jemand eine Existenz im selbstständigen Bereich aufgebaut, die einfach keinen Umzug erlaubt, dann wird ein Partner versetzt, der andere kann jedoch „gerade jetzt“ nicht wechseln.

Wie immer der zu findende Kompromiss aussieht: Mit ein bisschen Pech ergibt sich ein paar Jahre später ein neues Problem dieser Art. Es ist sogar möglich, dass Sie nach ein paar Jahren erkennen, dass die Wochenendbeziehung nur das kleinere Übel war.

b) Eine Berufslaufbahn (Ihre) so aufzubauen, dass „die bisherigen Berufserfahrungen sehr speziell“ und damit schwer verkaufbar sind, ist schon als Einzelproblem eine Belastung. Wenn man dann aber schon weiß, dass mit dem Problem gemäß a bereits eine massive Basisbelastung vorliegt, hätte man hier vielleicht etwas mehr in Richtung „Marktgängigkeit“ denken und handeln können. Ein fachlich absolut durchschnittlich (Studium) ausgerichteter Ingenieur mit einer fachlich absolut durchschnittlich ausgerichteten Tätigkeit und einem absolut durchschnittlichen Arbeitgeber tut sich bei einem solchen Vorhaben („ich will an einen bestimmten Ort“) dann deutlich leichter. Sie haben ein recht spezielles Studium, eine sehr speziell klingende heutige fachliche Ausrichtung und einen sehr(!) speziell wirkenden Arbeitgeber miteinander kombiniert.

Ich kann es Ihnen nicht ersparen: Dieser Problempunkt war vorhersehbar.

c) Nur der Vollständigkeit halber sei an die eiserne Regel erinnert: Kein Arbeitgeberwechsel aus persönlichen (privaten) Gründen. Der Arbeitsmarkt „merkt“ durchaus, dass hinter Ihrer Bewerbung eigentlich ganz etwas anderes steckt, dass der angestrebte neue Job nur „Mittel zum Zweck“ ist und dass der beabsichtigte Wechsel „irgendwie nicht logisch“ ist. Der ebenfalls eiserne Grundsatz in der Bewerbungsbewertung aber lautet: Im Zweifel gegen den Bewerber – Sie geben Anlass zu solchen Vorbehalten.

Antwort/2:

Sie haben das Anschreiben Ihrer Bewerbung mitgesandt, nicht jedoch die Anzeige, auf die Sie sich beziehen. Ich wünschte, Sie würden wissen, dass man dieses Inserat gern läse, wenn man beurteilen soll, warum eine Bewerbung erfolglos blieb. So bin ich auf Schlüsse angewiesen, die ich ziehen muss.

Also Ihr heutiger Arbeitgeber hat das Image einer im wahrsten Sinne des Wortes „hochfliegenden“, sehr wissenschaftlich ausgerichteten Institution von höchstem Anspruch. Das ist nicht einmal eine „Firma“ im klassischen Sinne, das ist eher etwas in Richtung eines Instituts, bezahlt wird dort wohl nach den Regeln des öffentlichen Dienstes.

Der Bewerbungsempfänger jedoch stellt äußerst „bodenständige“ Produkte her, bodenständiger geht es kaum (wir haben eines davon zu Hause). Fachlich scheint es zwar eine gewisse Beziehung zwischen dem Anliegen des Inserenten und Ihrer heutigen Tätigkeit zu geben, aber in der Dimension klaffen dazwischen Welten.

Man sucht dort einen Entwicklungsingenieur – Sie schreiben in Ihrem Lebenslauf, Sie seien seit fünf Jahren Projektleiter. Das klingt alles nach Überqualifizierung, an der man ebenso scheitern kann wie am Gegenteil.

Dann sagt Ihre Bewerbung nichts über Ihr Motiv: Droht Ihnen der Rausschmiss wegen behaupteter Unfähigkeit, wollen Sie aufsteigen (was hier offenbar absolut nicht vorgesehen ist), was bewegt Sie, welche Ziele verfolgen Sie? Viele Bewerbungsempfänger mögen es nicht, wenn es hierzu im Vorfeld keine Antwort gibt. Wobei die Wahrheit, würden Sie sie einfach so hinschreiben, auch keine Lösung wäre („Wenn seine Frau eines Tages versetzt wird, zieht er wieder hinterher und wir müssen Ersatz suchen“).

Dann Ihr Aufbaustudium: Mir schreiben Sie „… habe ich absolviert“, was schlicht „fertig/abgeschlossen“ bedeutet. Im Lebenslauf schreiben Sie dazu „… bis heute“, im Anschreiben „… seit … absolviere ich …“ – beides heißt „läuft noch, bin noch dabei“. Das ist in doppelter Hinsicht problematisch: Bewerber mit abgeschlossenem Zweitstudium dürfen auf wohlwollende Anerkennung dafür hoffen; solche mit noch andauerndem nebenberuflichen Engagement (noch dazu ohne Aussagen zum Abschlusstermin) erwecken oft Misstrauen bei Bewerbungsempfängern: Erst gehen x % der Arbeitskraft des künftigen Mitarbeiters für nebenberufliches Engagement verloren (die der Kandidat sonst in Überstunden stecken könnte), dann wird er noch am Tage des Studienabschlusses befördert werden wollen – oder das Unternehmen bald wieder verlassen. Denn wenn es nach dem Zweitexamen keinen beruflichen Fortschritt gibt, hätte er sich die Quälerei des Abend- und Wochenendeinsatzes ja sparen können.

Und in Ihrem Falle kommt hinzu: Sie sind als FH-Ingenieur Projektleiter bei dieser elitär klingenden Institution. Das ist schon „mehr“ als der „Entwicklungsingenieur“, um den Sie sich bewerben. Sie aber wollen, so wird man unterstellen (warum sonst das Zweitstudium?) noch mehr werden als Projektleiter. Damit aber passt gar nichts mehr zusammen.

Natürlich fragen Sie, was Sie denn jetzt konkret tun sollen. Da biete ich drei Varianten an:

1. Sie akzeptieren den Status quo (Wochenendbeziehung) als das kleinere Übel.

2. Sie liefern bei konkreten Ausschreibungen eine Bewerbung ab, die Sie mit deutlich mehr Mühe und verkaufstaktischem Geschick auf das jeweilige Inserat abstimmen. Ggf. brauchen Sie dabei die begleitende Unterstützung durch einen sehr guten Fachmann.

3. Vielleicht ergibt eine sorgfältige Abwägung, dass trotz des gegenteiligen ersten Anscheins Ihre Frau doch leichter in Ihre Gegend ziehen kann.

PS: Man muss sich oft im Leben einfach mehr Mühe geben, das hilft durchaus. Mich z. B. können Sie im Brief auf mehrere Arten und Weisen halbwegs korrekt anreden. Nur „Sehr geehrte Herr Mell“ gehört nicht dazu.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Zwei Partner mit akademischem Studium, die beide nach anspruchsvollen beruflichen Laufbahnen streben, werden früher oder später aus regionalen Gründen Kompromisse schließen müssen.
Bewerbungen müssen aus Sicht des Empfängers in sich schlüssig sein, dürfen möglichst keine Fragen aufwerfen oder verborgene Probleme erahnen lassen. Das ist dann besonders schwierig, wenn der Bewerber eigentlich etwas ganz anderes will als er in der Bewerbung vorgibt.

Frage-Nr.: 2757
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-06-04

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