Heiko Mell

Großes Problem sucht guten Berater (II)

Frage/1:

(Zur Erinnerung: Die Einsenderin hatte mir eine derart übergroße Fülle an Informationsmaterial über sich und ihren Fall anvertraut, dass ich mich zu einer Fortsetzungs-Folge gezwungen sah. Sie ist um die 50, Maschinenbau-Ingenieurin FH, ein Kind der ehemaligen DDR, in ihrer Schwerpunktqualifikation Projektleiterin im Anlagen-/Schwermaschinenbau, heute arbeitslos, ungebrochen und will eigentlich nichts als einen brauchbaren Job. Am Ende der ersten Folge war sie, überqualifiziert durch einen nebenberuflich erworbenen MBA und nach Dauerkonflikt mit dem langjährigen Chef, gerade erstmals arbeitslos geworden – nach insgesamt 25 Dienstjahren im alten DDR- und späteren privaten Nachfolgeunternehmen. Das war vor vier Jahren; H. Mell.)
Danach schrieb ich dann zahllose Bewerbungen, wurde zu Gesprächen eingeladen – und war total überfordert. Ich hatte mich bis dahin noch nie beworben. Zwar hatte ich die entsprechenden Bücher gelesen, aber Null Erfahrungen in der Praxis. In den ersten Gesprächen saß ich zitternd da und habe kaum etwas erzählt. Ich habe lange gebraucht, bis es halbwegs ging.

Ich war beim Coaching, hatte Bewerbungstraining, aber im Endeffekt hätte ich mir das Geld sparen können. Theoretisch konnten sie mir nicht mehr viel beibringen, aber dort war es ein Spiel. Im reellen Gespräch hatte ich nur panische Angst. Irgendwann war ich nervlich so am Ende, dass ich gar keine Kraft mehr hatte, um Angst zu empfinden. Von da an war es besser und mittlerweile bin ich fast immer souverän (zumindest aus meiner Perspektive).

Frage/2:

Bei mir haben sich bestimmte Erkenntnisse herauskristallisiert:

Im Anlagenbau generell hätte ich mit meinem Fachwissen recht große Chancen, aber nur bei kleinen und mittleren Lieferanten. Die großen Anlagenbauer (das, was ich fachlich und von der Struktur her gewohnt bin) ignorieren mich komplett.

Die Autoindustrie und andere Firmen mit Massenfertigung laden mich nicht so oft ein, weil sie da zu große Unterschiede sehen.

Alle anderen Bereiche sind in ihren Reaktionen nicht vorhersehbar und reagieren sehr unterschiedlich.

Arbeitnehmerüberlasser (Verleihfirmen) würden mich natürlich nehmen, aber letztendlich entscheidet die Kundenfirma über die Einstellung. Diese Bewerbungsgespräche unterscheiden sich aber selten von den sonst üblichen. Also ist auch das Ergebnis das gleiche. Somit verstehe ich auch nicht, warum immer wieder behauptet wird, es wäre einfacher, bei einer Verleihfirma angestellt zu werden. Aus meiner Perspektive ist es nicht einfacher, dafür aber rufschädigend, weil keine lange Verweildauer zustande kommt. Ausnahmen gibt es natürlich immer.

Antwort:

Antwort/1:

Ich finde diese Schilderung hochinteressant. Stützt sie doch die Aussagen, die Sie in dieser Serie immer wieder lesen konnten und können:

a) Bewerber mit sehr deutlich mehr als zehn Dienstjahren beim letzten Arbeitgeber sind auf dem Markt nicht besonders beliebt. Ihr Lebenslauf steht halt nicht vorrangig für die heute so gesuchte Flexibilität, also die Fähigkeit, sich problemlos auf neue Situationen einzustellen.

Deshalb rate ich, sich beim Überschreiten der 10-Jahres-Dienstzeit bei einem Arbeitgeber so langsam mit der Frage zu beschäftigen, ob es nicht sinnvoll sein könnte, auch ohne konkrete anderweitige Gründe einen Wechsel ins Auge zu fassen.

b) Wer nach dieser Regel gelegentlich wechselt, bleibt auch in Sachen „Bewerbungstechnik“ und „Auftreten im Vorstellungsgespräch“ in Übung. Dazu gehört auch die Fähigkeit, letztlich erkennen zu können, ob eine angebotene Position, ein neues Unternehmen oder speziell der potenzielle neue Chef zur eigenen Person passen. Wer in jenen 25 Dienstjahren vier oder fünf Arbeitgeber gehabt hätte (nach den Regeln absolut erlaubt!), würde sich da wesentlich leichter tun.

c) Gerade bei Vorstellungsgesprächen hilft Routine. Ich empfehle selbst denjenigen Kandidaten, die durch Wechsel alle fünf bis acht Jahre „in Übung“ sind, eine neue Vorstellungsrunde so zu planen, dass zunächst in mehreren dieser Kontakte wieder Routine aufgebaut wird, bevor man dann so zwischen dem fünften und zehnten Gespräch souverän überzeugen kann. Aber die ersten Gespräche nach 25 Jahren können bei sensiblen Gemütern schon Panik auslösen.

Ich bin kein Psychologe, aber „zu wenig Kraft, um überhaupt noch Angst empfinden zu können“ kommt mir doch irgendwie grenzwertig vor. Eine Führungskraft sollte so etwas nicht sagen müssen.

Antwort/2:

Große Unternehmen („die großen Anlagenbauer“) reagieren auf ein höheres Alter (50 Jahre sind eine sehr einschneidende, stets schwer zu überwindende Grenze) generell zurückhaltend. Wenn dann noch Beeinträchtigungen unterschiedlicher Art hinzukommen (bei Ihnen kommen solche), machen sie „dicht“. Kleinere Firmen sind Ihre Chance – sofern Sie schriftlich und im Gespräch nicht erkennen lassen, dass Sie „Größeres gewohnt“ sind und eigentlich wieder dorthin streben. Wer von kleinen Firmen akzeptiert werden will, muss verdeutlichen, dass er gezielt dorthin will – und nicht etwa nur deshalb kommt, weil die Großen ihn nicht nehmen. Alle Kleinen (auch Menschen) haben „größenmäßig“ ihre besonderen Empfindlichkeiten. Die Automobilbranche betreibt Massenproduktion. Bedingt durch die hohen Stückzahlen geht es z. T. um Cent-Bruchteile pro Stück. Der Anlagenbau denkt völlig anders. Beide „Welten“ schotten sich gegeneinander ab. Zusätzlich gilt: Der Automobilbereich erwartet nicht nur Massenproduktions-Erfah­rung, er wünscht „Auto-Praxis satt“. Auch ich gehe davon aus, dass es generell leichter ist, bei Arbeitnehmerüberlassern unterzukommen. Die Logik spricht dafür. Aber: Es ist natürlich möglich, dass ein bestimmter Bewerber (m/w) sehr „speziell“ auftritt. Das kann zur Ablehnung durch viele oder auch alle Typen potenzieller Arbeitgeber führen. An dieser Stelle nur ein Beispiel: Sie decken mich mit der größten Informationsmenge zu, die je ein Einsender zu dieser Serie produziert hat. Sie sind DDR-geprägt (das ist nur eine Feststellung, ich bin es übrigens auch) und sind nahezu gegen jede Vernunft oder Regel Ihrer alten DDR-Firma 25 Jahre über alle Veränderungen hinweg treu geblieben – bis man Sie gefeuert hat. Welches Recht habe ich anzunehmen, Sie könnten ein durchschnittlicher Mensch sein, der sich in durchschnittlichen Vorstellungsgesprächen bei durchschnittlichen Firmen durchschnittlich aufführt? Bei der Gelegenheit: Durchschnitt an sich ist nicht erstrebenswert, besser als dieser gilt es zu sein. Aber nicht vorrangig anders. Zumindest nicht bei den Bemühungen um Standardpositionen. Da sei man guter Standard, das reicht völlig. Ich mache einen Sprung zu Ihrem Bericht über Fragen in Vorstellungsgesprächen, über die Sie sich geärgert haben. Da ich „nebenbei“ ständig nach Möglichkeiten suche, Ihnen zu helfen, verbinde ich beides miteinander (aus Ihren zwanzig Beispielen wähle ich einige aus): – „Warum haben Sie als Frau Maschinenbau studiert?“ Na und? Die Frage, warum Sie diesen Beruf ergriffen haben, ist doch ganz vernünftig. „Als Frau“ geht auf die 3% weiblicher Ingenieur-Studenten in der beruflichen Jugend des Fragestellers zurück. Beantworten Sie einfach die Frage eines Menschen, von dem Sie etwas wollen, ganz sachlich. Mich, beispielsweise, dürfte jemand durchaus fragen, warum „Sie als Mann sich das antun, Karriere­beratung in der Zeitung zu machen“. Wenn der Frager für mich wichtig ist, bekommt er eine freundliche, vernünftige Antwort. Das wäre eine meiner leichteren Übungen. – „Die Maschinen, die wir bauen, sind aber sehr groß. Und Sie als Frau …“ Da sehen Sie einmal, wie wenig es nützt, Ihren Lebenslauf mit „Bildchen“ von gebauten Anlagen aufzublähen. Auch hier gilt: freundlich-sachlich antworten. Geschickt wäre es so: „Oh, da habe ich wohl im Lebenslauf versäumt, Angaben dieser Art über meine bisherigen Projekte zu machen. Ich verstehe Ihre Bedenken, aber die bisher größte unter meiner Leitung gebaute Anlage war 275 m lang und maximal 38 m hoch.“

Sie können auch beleidigt sein, aufstehen und gehen. Aber dann bekommen Sie nie einen Job.- „Können Sie sich gegenüber Männern durchsetzen?“ Das denken ganz sicher viele männliche Fragesteller, nicht jeder spricht es auch aus. Bringen Sie freundlich-sachlich ein Beispiel von einer Baustelle, auf der Ihnen 87 Männer unterstanden und die Sie erfolgreich zu Ende gebracht haben.

Ich verstehe nicht, wieso Sie sich immer gleich beleidigt fühlen. Manche Fragen werden bewusst provozierend gestellt, um zu sehen, wie der Kandidat damit zurechtkommt. Auch die so beliebte Frage nach den größten Schwächen des Bewerbers zielt ja nicht wirklich auf Geständnisse. Man will hingegen sehen, wie der Kandidat mit Drucksituationen fertig wird. – „Auch wenn Sie eine Berliner Schnauze haben: Reicht das auch für den Bau?“ Die zentrale Information für Sie, die darin liegt, lautet: „Sie haben eine Berliner Schnauze.“ Das ist, die Hauptstadt-Urein­wohner mögen mir verzeihen, von einem Nicht-Berliner nicht als Kompliment gedacht! Vielleicht müssten Sie einmal daran arbeiten. Zur Information der Leser müssen wir Ihren weiteren Lebenslauf vorstellen. Letzte hier besprochene Station war die Entlassung vom extrem „alten“ Arbeitgeber vor ca. vier Jahren. Dann folgen ca. neun Monate Stellensuche, danach gibt es eine Projektleiter-Anstellung bei einem Arbeitnehmerüberlasser, der Sie bei einem Kunden eingesetzt hat. Das hat etwa ein Jahr angehalten, die Ihnen übertragenen Aufgaben wirken auf mich anspruchsvoll und interessant. Es folgt ein halbes Jahr Stellensuche. In solch einem Fall (also bei anschließender Arbeitslosigkeit) zieht der Analytiker seine „Lupe“ aus der Tasche und kümmert sich um die Umstände des Ausscheidens beim letzten Arbeitgeber. Dessen Zeugnis ist gut (also nicht sehr gut), die Umstände sind merkwürdig: Es ist nicht von einer Befristung der Anstellung die Rede, über das Ausscheiden heißt es: „Das Arbeitsverhältnis endete am … Wir bedauern ihr Ausscheiden, danken ihr …“ Was ist das denn? Arbeitgeberseitiger Rausschmiss, der den Leuten leidtat? Ich muss das (andere werden es auch) unter „verdächtig“ einordnen. Nach dem – folgerichtigen – halben Jahr Suche gibt es eine neue Projektleiter-Anstel­lung, wieder bei einem Dienstleister, wieder bei einem Kunden eingesetzt. Das Zeugnis ist nur noch befriedigend, man hat Ihnen nach drei Monaten in der Probezeit gekündigt. Ohne Bedauern. Das ist jetzt ca. 1,5 Jahre her. Nach einem Englischkurs von wenigen Monaten endet der Lebenslauf hier. Sie schreiben an mich: „In den letzten Jahren habe ich es geschafft, ein totales Chaos in mein Leben zu bringen.“ Und: „Ich habe das Gefühl, in der Falle zu sitzen und finde den Ausgang nicht.“ Ich kann das nachfühlen. Nehmen wir einmal die Fakten: Allein die mehr als einjährige Arbeitslosigkeit in Verbindung mit den arbeitgeberseitigen Entlassungen (vermutlich) aus allen bisherigen Anstellungsverhältnissen und der – wenn Sie das weiterhin angeben – Überqualifikation durch den MBA im Alter „um 50“ bieten ein äußerst kritisches Gesamtbild. Fazit: Sie müssen rein in ein Beschäftigungsverhältnis. Nahezu egal ist es, was das sein wird. Für gehobene Ansprüche ist kein Platz mehr. Es gilt: Alles ist besser als nichts, Arbeitslosigkeit ist nichts. Die Suche nach einem Traumjob ist sinnlos, auf dieser Basis bekommen Sie keinen. Ich würde, wenn so etwas zu haben ist, sogar zur Annahme einer Projektingenieur-Stelle bei einem Arbeitnehmerüberlasser raten (wenn Sie ein besseres Angebot bekommen, nehmen Sie halt jenes). Zur Bewerbungstechnik: Ihrem Lebenslauf, der umgekehrt chronologisch aufgebaut ist und also mit einem anderthalbjährigen Nichts als erster Sachinformation beginnt (das hat man davon), hängt ein selbstgestaltetes Persönlichkeitsbild an („Wer ist Marion Müller?“). Es beginnt mit „Schon als Kind waren für mich Legosteine …“ Werfen Sie das ersatzlos weg, bauen Sie den Lebenslauf auf chronologische Darstellung um. Die Homepage meines Unternehmens bietet kostenlosen Zugang zu einem bewährten Muster. So, mehr kann ich derzeit nicht für Sie tun. Ich bitte alle Leser, vom Versuch Abstand zu nehmen, die Informationsfülle dieses Beitrages zu übertreffen. Selbst ich habe Grenzen.

Kurzantwort:

Es ist möglich, in einem einzigen Werdegang gleich mehrere Fehler, Ungeschicklichkeiten, Regelverstöße etc. unterzubringen. Mag jedes dieser Details noch irgendwie hinnehmbar sein, so kann die Kombination schnell ein äußerst kritisches Gesamtbild ergeben – das einem Bewerbungserfolg wirksam entgegensteht.

Frage-Nr.: 2742
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-03-11

Top Stellenangebote

ILF Beratende Ingenieure GmbH-Firmenlogo
ILF Beratende Ingenieure GmbH Bauingenieur/in / Bautechniker/in für Trassenplanung (m/w/d) Bremen
FLSmidth Wiesbaden GmbH-Firmenlogo
FLSmidth Wiesbaden GmbH Head of Project Execution (f/m/d) Walluf
EUROIMMUN AG-Firmenlogo
EUROIMMUN AG Bauleiter / Bauingenieur (m/w/d) Selmsdorf bei Lübeck
GEMÜ Gebr. Müller Apparatebau GmbH & Co. KG-Firmenlogo
GEMÜ Gebr. Müller Apparatebau GmbH & Co. KG Hardware-Entwicklungsingenieur (m/w/d) Ingelfingen-Criesbach
Lewa GmbH-Firmenlogo
Lewa GmbH Vertriebsingenieur (m/w/d) Leonberg
ExxonMobil Chemical-Firmenlogo
ExxonMobil Chemical Ingenieure (m/w/d) Köln
INEOS Styrolution Europe GmbH-Firmenlogo
INEOS Styrolution Europe GmbH Key Account Manager (m/w/d) Automotive EMEA Frankfurt am Main (Home-Office möglich)
Eckelmann AG-Firmenlogo
Eckelmann AG Ingenieur / Wirtschaftsingenieur als Sales Manager (w/m/d) Maschinenautomation Wiesbaden
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Schwieberdingen Ingenieur Embedded Software Entwicklung (m/w/d) Schwieberdingen bei Stuttgart
LTS Lohmann Therapie-Systeme AG-Firmenlogo
LTS Lohmann Therapie-Systeme AG Ingenieur (m/w/d) Device und Prozessentwicklung Andernach

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…