Heiko Mell

Großes Problem sucht guten Berater (I)

(Ich habe mir diese ungewöhnliche Überschrift für eine Einsenderin ausgedacht, die einen ganzen Haufen von Problemen durch einen ebenso großen Haufen von Informationen belegt: Allein die Problemschilderung in Prosa an mich umfasst zwölf Seiten, der Lebenslauf weitere acht. Abdrucken im Original kann ich das nicht. Also habe ich mich zu dem ausgesprochen „kreativen“ Vorgehen entschlossen, den Fall stückweise anzugehen und in loser Folge zu versuchen, der Einsenderin etwas zu helfen und gleichzeitig das Informationspotenzial dieser gewaltigen Datensammlung auszuschlachten. Wenn „Großes Problem“ seinen „guten Berater“ sucht, dann spiele ich letzteren – die Einsenderin nennt das im Betreff ihres Schreibens „Eine Herausforderung für einen guten Autor“.

Sie ist um die 50, Maschinenbau-Ingenieurin FH, ein Kind der ehemaligen DDR, in ihrer Schwerpunktqualifikation Projektleiterin im Anlagen-/Schwermaschinenbau, heute arbeitslos, ungebrochen und will eigentlich nichts als einen brauchbaren Job; H. Mell.)

Ich wende mich an Sie, weil ich gerade in einem Hamsterrad feststecke. Ich laufe und komme nicht heraus. Es ist ein vielschichtiges Thema, aber ich denke, Sie lieben Herausforderungen. Die eigentliche Frage ist: Wie bekomme ich eine interessante Arbeit, die ich langfristig ausüben kann und will?

Was mich bei Ihren Artikeln immer beeindruckt hat, ist die Fähigkeit, Probleme herauszufiltern, die der Fragesteller noch nicht erkannt hat. Vielleicht habe ich ja noch mehr Probleme als ich denke.

Antwort:

Die – überlange – Einsendung enthält eine solche Fülle von Anschauungsmaterial, schlechten (vielleicht auch guten) Beispielen und unterhaltsame Schilderungen, dass ich immer wieder einmal Details herausgreife:

1. Lebenslauf, hier grundsätzlicher Aufbau:

Zunächst einmal gibt es eines jener „modernen“ Deckblätter, die mich ohnehin nicht begeistern. Sie blähen den Umfang auf (der das hier absolut nicht nötig hat!) und sie enthalten praktisch keine entscheidungsrelevanten Informationen, ausgenommen vielleicht das Foto.

Um 50 Jahre alt zu sein, ist für Bewerber, wie jeder weiß, eine schwierige Basis. Ein Foto im Schriftumfeld zieht immer die Blicke auf sich. Gehen wir einmal davon aus, es zeige schlicht eine Person, die jenes Alter repräsentiert, das die Kandidatin auch hat. Dann ist die Wirkung dieses Fotos – lebenslauf- und damit qualifikationsrelevante Details gibt es sonst auf dieser „Titel“-Seite ja nicht – so als hätte man in großen, auffälligen Lettern quer über diese Seite geschrieben: „Achtung, hier bewirbt sich jemand um 50!“ Das wäre zwar korrekt, wäre es aber auch klug? So als fast alleinige Information auf der ersten Seite?

Nicht ohne Grund rate ich pauschal dazu, das Foto kleiner zu drucken und rechts oben neben die persönlichen Daten zu setzen. Dort sieht der Leser dann natürlich auch das Alter, aber nicht mehr als plakativ dargebotene Einzelinformation, sondern er findet auf der nämlichen Seite gleich den Einstieg in wichtige berufsrelevante Daten, zu denen sein Blick spontan abwandert.

2. Lebenslauf, hier zusammenfassende Bezeichnungen der durch Ausbildung/Studien erworbenen beruflichen Qualifikation:Unter dem Foto steht „Dipl.-Ing. Maschinenbau (FH)“, das ist absolut in Ordnung. In der Zeile darunter steht dann „MBA – General Management + …“

Man könnte durchaus die Meinung vertreten, die MBA-Qualifikation tendiere bei den angestrebten Positionen (Projektleitung) in Richtung Überqualifikation – was ebenso gefährlich sein kann wie das Gegenteil.

Ganz speziell halte ich – unter Berücksichtigung der Zielsetzung und der gegebenen Gesamtsituation – die so deutlich in den Vordergrund gerückte Bezeichnung „General Management“ für gar nicht besonders glücklich. Was genau sich dahinter verbirgt, weiß ich auch nicht. Wobei man durchaus davon ausgehen kann, dass es vielen anderen Personalfachleuten genauso geht. Man hat dann, so man überhaupt will, drei Quellen, aus denen man schöpfen kann:

a) Wikipedia: Was dort unter diesem Stichwort steht, lässt sich unter dem Begriff „breites Führungswissen“ zusammenfassen – und zumindest ich habe den Eindruck, es gehe eher um höhere Führungsaufgaben als um niedere. Sprich: Nicht vorrangig das, was ein Projektleiter unbedingt haben muss. Er ist ja auch kein General Manager, also passt auch kein General Management.

b) Ein aus der deutschen (Mutter-)Sprache kommendes Gefühl: „General“ steht instinktiv für „höchste Ebene, höchster Anspruch“. Eine Generaldirektion schlägt jede andere Direktion um Längen, ein Generaldirektor macht es auf seinem Gebiet ebenso. War da nicht auch etwas mit einem Generalmusikdirektor oder Generalintendant? Und natürlich heißt so der höchste Offiziersrang. Hm!

c) Fremdwörter-Duden: Also das General Management habe ich in meinem nicht gefunden, der Begriff scheint nicht vorrangig zur Allgemeinbildung zu gehören. Aber „General“ gibt es natürlich vielfältig, von der Bedeutung „alles umfassend“ bis zum Generalstreik (das sind dann nicht mehr ein paar Piloten, das ist eine extrem große, die ganze Volkswirtschaft betreffende, alles lähmende, gewaltige Aktion). Und dann steht da noch etwas über „oberster Vertreter/höchste Institution“. Es gibt den Generalisten („der in seinen Interessen nicht auf ein bestimmtes Gebiet festgelegt ist“) usw. Fazit: Weist der Bewerber um eine Vorstandsposition ein Studium im General Management nach, ist das völlig in Ordnung. Tut das ein Projektleiter-Kandidat, kann er an jemanden geraten, der das für übertrieben hält (und Angst vor „Höhenflügen“ des Bewerbers im Job hat). Jetzt ist noch der brutale Einwand möglich: Wer nicht weiß, was die angelsächsische Welt damit meint, ist dumm. Na und? Wird die Ablehnung einer Bewerbung weniger durchschlagend und niederschmetternd, weil sie durch dumme Menschen geschieht? Wer von jemandem etwas will, muss dessen Wissensstand berücksichtigen.

Dabei liegt die Lösung doch so nahe: In der dritten Zeile zu diesem Thema steht im Lebenslauf: „Studieninhalte des Studienganges Projektmanagement inkludiert)“. Hätte dort überhaupt nur gestanden „Dipl.-Ing Maschinenbau /FH)- Zusatzstudium Projektmanagement -“ wäre für den angestrebten Zweck alles in bester, werbewirksamer Ordnung gewesen (ja, man kann auch einmal über etwas schweigen, was man eigentlich hat. Tiefstapeln gilt manchen Menschen sogar als Zeichen vornehmer Gesinnung. Und den MBA hat man ja in diesem Falle wegen des erworbenen Wissens, der „Titel“ wird vom Projektleiter praktisch nie verlangt. Man würde also hier durch Weglassen nichts verschenken).

3. Lebenslauf, garniert mit Bildern:

Tun Sie es nicht (mehr). Es bläht nur den Umfang auf. Die Personalleute können mit den Fotos und Risszeichnungen „Ihrer“ Projekte ohnehin nichts anfangen. Und der künftige Fachvorgesetzte weiß selbst, wie so eine Anlage, die Sie dort kurz beschreiben, nach Fertigstellung aussieht.

4. Ich lasse aus der unbedingt interessanten Schilderung Ihres Werdeganges (für mich, in Prosa) die heute nur noch historische Bedeutung habende Zeit der Wende einmal weg – daraus kann keiner der anderen Leser jetzt noch etwas lernen. Aufschlussreich ist die Aussage eines neuen Chefs bei der Einführung von 3D CAD: „Frau X, Sie glauben doch wohl nicht, dass Sie als Frau zu diesem Lehrgang dürfen.“ Sie schildern dann, wie (männliche) Kollegen teilnehmen durften, Sie sich deren Fachunterlagen beschafft und nach Feierabend alleine geübt haben. „Und selbst das hat meinem Chef nicht wirklich gepasst.“ Das wiederum kann ich erklären: Hätte Ihr damaliger Chef Sie zum Lehrgang schicken wollen und nur kein Geld für Ihre Teilnahme gehabt, wäre Ihre Eigeninitiative absolut anerkannt worden. So aber wollte er Sie nicht im Kreis der lehrgangsgebildeten Spezialisten haben, das war sein Wille. Warum er so entschieden hatte, wissen wir nicht (die Geschichte mit der „als Frau“ kann reine Ausrede oder Ablenkungsmanöver gewesen sein). Diesen seinen Willen haben Sie unterlaufen, alle haben es gesehen. Natürlich passt einem Chef so etwas nicht! Ihr inzwischen irgendwie aus der Insolvenz der alten DDR-Firma neugegründetes Unternehmen hat Sie dann einige Jahre ins Ausland geschickt, wo Sie im Werkvertrag für ein Fremdunternehmen tätig waren. Sie schreiben: „Die Rückkehr zu meinem Arbeitgeber war eine traumatische Erfahrung. Heute weiß ich, dass Rückkehrer oft diese Probleme haben. Ich war ein ganzes Jahr lang unglücklich.“ Das ist leider sehr oft so – wer nach einer Auslandsentsendung in seine alte Arbeitsumgebung zurückkommt, hat schnell das Gefühl, er störe hier eigentlich und niemand habe ihn sinnvoll eingeplant. Sie haben sich dann zum nebenberuflichen Studium des Industrial Engineering entschlossen und haben dabei irgendwie „ganz spontan“ jenen MBA gemacht. Sie sind heute froh, dieses Wissen erworben zu haben – „aber von da ab gab es nur noch Arbeit, Studium und viel zu wenig Schlaf“. In diese Phase knallte Ihnen die arbeitgeberseitige Kündigung mitten ins Konzept, der damit verbundene Stress kam noch hinzu. Auch dazu muss ich Anmerkungen machen: Sie waren damals Mitte 40. Natürlich ist es nie zu spät zum Lernen, manche Leute werden mit 80 noch Tierarzt. Aber es kostet so viel Kraft neben dem Beruf, dass man die Frage nach dem Aufwand-Nutzen-Verhältnis stellen muss. Vor allem, da der MBA-Ab­schluss für Ihre berufliche Tätigkeit nicht unbedingt gefordert wurde. Dass Sie Ihr damals erworbenes Wissen heute noch schätzen und nicht missen möchten – beweist leider gar nichts. Unterschiedslos alle Menschen halten die Fahne aller ihrer beruflich relevanten Weiterbildungs-Aktivitä­ten lebenslang hoch, finden es toll und würden es wieder machen. Wir haben es hier schlicht mit einer menschlichen Grundeigenschaft zu tun, mehr nicht. Und: Für die Zulassung zum Studium brauchten Sie ein darauf zugeschnittenes Zeugnis Ihres Chefs. Ich zitiere: „Dieses bekam ich dann auch zähneknirschend von ihm mit den Worten: ‚Ich weiß gar nicht, warum Sie sich das in Ihrem Alter noch antun. Sind Sie hier bei der Arbeit nicht genug ausgelastet? Na ja, ich will Ihnen nicht im Wege stehen, aber verstehen kann ich es nicht. Ich kann ja sogar eine Firma führen, ohne Betriebswirtschaft studiert zu haben.‘ Dass ein Mitarbeiter eine höhere Qualifikation haben könnte als er, das hat er nicht verkraftet. Von da an war ich Mode. Nichts war mehr gut genug.“ Kurz danach die Entlassung. Mit guter bis sehr guter Beurteilung (insgesamt nur eine Seite), aber „betriebsbedingter“ Kündigung. Das Unternehmen existiert weiter – und sucht, als ich Ihren Fall auf den Tisch bekomme, einen Projektleiter (Homepage). Sollen wir einmal darüber spekulieren, warum jener Chef Sie damals …? (Und mit „Mode“ kann ich so absolut gar nichts anfangen.) Sie selbst schildern noch einige Details zum Betriebsklima, die ich weglasse, weil sie uns nicht weiterbringen. Am Schluss dieser Phase heißt es: „Ich denke, dass er froh war, endlich die Mitarbeiter loszuwerden, die eine eigene Meinung hatten. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns mehrere Jahrzehnte …“ Das geht also noch auf das alte DDR-Unterneh­men zurück. Die Analyse: Sie beide haben sich weiterentwickelt. Aber Sie von ihm weg. Er kann für das Geld, das er einer Angestellten zahlt, absolut erwarten, dass Sie seinen Gedanken folgen, seine Ideen realisieren, seine Politik umsetzen. Die Geschichte mit den Mitarbeitern, die eine eigene Meinung haben, ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Als Staatsbürger haben Sie ein sehr weitgehendes Recht auf Ihre individuelle Meinung, mit dem Äußern derselben ist es dann im Job schon schwieriger, da ist Diplomatie angesagt. Man darf in Fachfragen auch anderer Meinung sein als der Chef, sollte diese aber in genau überlegter Dosierung zum genau überlegten Zeitpunkt vor sorgfältig in die Gesamtbetrachtung einbezogenem Publikum äußern (am besten unter vier Augen). Beispiel: Wenn in einer größeren Besprechung der Geschäftsführer (um den es hier ging) etwas ausführt, könnten Sie als „untergebene“ Mitarbeiterin natürlich sagen: „Das ist falsch, das sehe ich ganz anders, meine Lösung wäre demgegenüber …“ Sie könnten auch sagen: „Sie haben keine Ahnung, Sie Trottel.“ Das wäre kürzer, und die Wirkung auf Ihre Karriere wäre weitgehend gleich. Deshalb lehrt Fachleute wie mich die Lebenserfahrung, dass „Mir wurde nur gekündigt, weil ich eine eigene Meinung hatte“ im Sinne des Systems bedeutet: Der Mitarbeiter gibt ständig Widerworte, folgt der Führung durch den Chef nicht, tritt diesem nicht mit dem erwarteten Respekt gegenüber. Wer stets eine eigene Meinung haben und äußern will, sollte eher nicht Angestellter sein – aber auch nicht selbstständig, denn Kunden haben auch so ihre Erwartungen. Für Sie, geehrte Einsenderin, bleiben bis dahin meine Vorschläge zu Änderungen im Lebenslauf – und die Mahnung, in etwaigen Vorstellungsgesprächen die Vergangenheit so zu schildern, dass ich nichts mehr an der Schilderung auszusetzen hätte (also systemkonform, bitte!).

Frage-Nr.: 2738
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-02-19

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