Heiko Mell

Motivationsschreiben?

Da ich kurz vor Abschluss meines Studiums stehe, steht für mich die erste wichtige Bewerbungsphase an. Jetzt stellt sich mir eine Frage, die für meine Bewerbungen von großer Relevanz ist: Was sind die wesentlichen Punkte eines Motivationsschreibens?

Für die Stelle (Trainee, Automobilproduktion), um die es für mich aktuell geht, ist in der Eingabemaske ein Feld für „Anschreiben/ Motivationsschreiben“. Da ich in einem Motivationsschreiben die Chance habe, meine Motivation umfangreicher zu erläutern, würde ich mich für das Motivationsschreiben entscheiden. Was sollte dort enthalten sein?

Antwort:

Leider geben Sie den Namen jenes Unternehmens nicht an, so kann ich mir kein eigenes Bild machen. Sie gehen, das entnehme ich Ihren Zeilen, davon aus, es gebe zwei verschiedene Arten von „Briefen“, die man bei einer Bewerbung dem Lebenslauf und den Zeugnissen voranstellt – und nun müsse der arme Bewerber sich auch noch entscheiden, ob er lieber ein An- oder ein Motivationsschreiben verfasse. Und dann, sonst macht das ja alles keinen Sinn, sitzt da in der Personalabteilung ein kleines grünes Männchen und grinst boshaft: „Alle Leute mit X-Schreiben werden abgelehnt, sie hätten sich für die Y-Ausführung entscheiden müssen.“ Das glaube ich nun eher nicht.

So wie Sie das schildern, hat der Gestalter dieser Eingabemaske nur sagen wollen: „Hier geben Sie bitte Ihr An- oder Motivationsschreiben oder wie immer Sie den Begleittext zum Lebenslauf noch nennen wollen, ein.“

Wenn man zwei ähnliche Begriffe für ein Produkt oder für eine Gegebenheit hat, dann drückt man das schon einmal so aus wie Sie das angegeben haben. Beispiel: „Sie als Absolventin/Berufsanfängerin/Berufseinsteigerin sind jetzt aufgerufen, …“

Jedes Anschreiben, das diesen eingefahrenen Namen ruhig noch eine Weile behalten sollte, enthält traditionsgemäß auch einen Absatz zur Motivation des Bewerbers. Warum will er dort, wo er heute ist, möglichst weg (entfällt beim Sonderfall Berufsanfänger) und warum will er zu diesem Unternehmen in dieser Position?

Seien Sie damit im Zweifel eher etwas vorsichtig als überschäumend! Für einen berufserfahrenen, mit dem Geschäftsleben vertrauten Menschen, der in diesem Konzern beschäftigt ist, dessen Schwächen kennt und sich mehrmals die Woche über irgendetwas nachhaltig ärgert, wirkt allzu dick aufgetragenes „Schmalz“ eines von der Praxis unbeleckten Anfängers schnell arg – sagen wir es der Einfachheit halber so – „schmalzig“.

Und noch etwas wird oft übersehen: Wer lobt, nimmt sich das Recht heraus, im anderen Fall auch zu kritisieren. Die Vorstandsmitglieder von BMW, Mercedes, VW, Audi, Opel usw. möchten von einem Berufsanfänger gar nicht bewertet, eingestuft, gelobt – und selbstverständlich auch nicht getadelt werden. Ebenso glauben sie natürlich auch nicht, dass ausgerechnet dieser eine zusätzliche Anfänger dem Riesenkonzern sofort entscheidende Impulse verleihen kann.Ich kann hier aus sicher nachvollziehbaren Gründen keine positiven Beispiele solcher Formulierungen geben, aber ein abschreckendes geht:

„Die XY AG ist das beste und schönste Unternehmen dieser Branche. Sie hat die technisch führenden Autos und intern die überlegenen Methoden. Wenn jetzt noch ich mit meinen Fähigkeiten, die ich bei aller Bescheidenheit doch überragend nennen möchte, zu Ihnen stoße, dann sind wir gemeinsam nicht mehr aufzuhalten.“

Mitunter liest sich ein Anschreiben ähnlich. Denken Sie an den Charakter des seriösen Geschäftsbriefs, der bei all dem in Grenzen durchaus erlaubten Fremd- und Eigenlob erhalten bleiben soll.

Die von Ihnen, geehrte Einsenderin, weiterhin noch genannten Fragen, die Sie beantworten wollen, sind korrekt formuliert:- warum diese Stelle,- warum dieses Unternehmen/diese Branche,- warum dieses (Trainee-)Programm,- warum sollte man mich einstellen (welche relevanten Qualifikationen/Fähigkeiten/Softskills habe ich)?

Als „Aufhänger“ für die ersten drei Punkte eignen sich meist Details, die in der Anzeige mit der Unternehmens- und Stellenbeschreibung stehen.

Denken Sie auch daran: Gerade die Automobilindustrie sucht neben allen anderen Details meist eine persönliche Neigung/Hinwendung zum Automobil. Wenn weder die Fachrichtung im Studium, noch irgendein Praktikum oder eine studentische Nebentätigkeit oder das Thema der Diplomarbeit so etwas unterstreichen, dann könnten Sie ein Problem bekommen (es hängt stets auch von der Anzahl und Qualifikation der Mitbewerber ab, die Sie nicht kennen).

Bei der Gelegenheit versuche ich einmal einen Appell an die Empfänger von solchen Bewerbungen: Stellen Sie nicht zu hohe Ansprüche an Antworten auf die Fragen: Warum dieses Unternehmen, warum diesen Job, warum sollten wir gerade Sie einstellen?

Für viele junge Leute türmen sich da Hürden auf, die ihnen schier unüberwindlich zu sein scheinen. Außerdem ist gerade der Ingenieur durch sein überwiegend sachlich orientiertes Studium sehr unvollkommen darauf vorbereitet. Sie, geehrte Entscheidungsträger in den in diesem Beitrag im Mittelpunkt stehenden Unternehmen, riskieren nur, dass junge Menschen, die sonst ganz vernünftig sind, sich jetzt gezwungen fühlen, zu „formulierungstechnischer Höchstform“ aufzulaufen, die ihre vorgegebenen Möglichkeiten völlig überfordert. Oder sie schreiben irgendwo ab, verhandeln mit Absolventen früherer Jahrgänge, die den Sprung zu Ihnen geschafft hatten, über das Überlassen schon „bewährter“ Formulierungen.

Wenn Ihnen, die Sie über Anfängerbewerbungen entscheiden, das immer noch nicht reicht, dann hätte ich ein weiteres Argument: Es gibt ja in unserer Volkswirtschaft nicht nur die Automobilhersteller. Sondern es gibt deren Zulieferer (mit extrem breiter Produktpalette), es gibt Verpackungsmaschinenhersteller, die für die Süßwarenindustrie arbeiten und es gibt – wahllos herausgegriffen aus einer riesigen Palette von Branchen und Produkten – Hersteller von WC-Spülkästen. Sie alle tragen zum volkswirtschaftlichen Gesamterfolg bei, schaffen Arbeitsplätze, brauchen Ingenieure. Auch sie hätten das Recht, jene Fragen zu stellen und auf spontan überzeugende Antworten zu hoffen.

Und nun stellt das Unternehmen Sonnenblenden für den Pkw-Innenraum her. Ein hochkomplexes Produkt, was der externe Betrachter gar nicht spontan erkennt. Da schreibt dann der Bewerber etwa: „Schon von Kindesbeinen an galt meine besondere Neigung den Pkw-Sonnenblenden. Und wenn Sie europaweit 23% Marktanteil halten, der nächst kleinere Anbieter aber nur 12%, dann würde ich selbstverständlich am liebsten bei Ihnen mitwirken. Auf Ihrer schon bestehenden Basis des geschäftlichen Erfolges und mit meiner hinzukommenden Leistungsstärke auf vielerlei Ebenen bilden wir ein Team, das verdunkelt dann aber wirklich die Sonne (kleiner Scherz von mir).“ Da müsste man glatt die Männer mit den festen weißen Jacken rufen.

Nein, ein Beispiel über WC-Spülkästen (die für das Wohlergehen der Menschheit noch wichtiger sind als Pkw-Sonnenblenden) werden Sie von mir nicht lesen, das überlasse ich Ihrer Fantasie.

Wir sollten also in diesem speziellen Bereich die Kirche im Dorf lassen und die Ansprüche nicht zu hoch schrauben. Sonst erfindet tatsächlich noch jemand das „Motivationsschreiben“. Wo doch „Was Sie sonst noch über mich wissen sollten“ gerade so unauffällig verschwunden ist.

Bleiben wir bei dem bewährten Prinzip: Wichtig ist nicht, was der Bewerber über sich, seine Qualifikation und seine Motive sagt – das kann alles erfunden, abgeschrieben oder taktisch geschickt zusammengestellt sein. Wobei manches davon durchaus geeignet ist, um ihn aus dem Rennen zu werfen. Wichtig ist hingegen, was er getan, welche berufsrelevanten Spuren er bisher hinterlassen, welche Erfolge er vorzuweisen hat.

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Frage-Nr.: 2678
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-03-20

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