Heiko Mell

Kein Interesse an Gründen für Absagen?

Mit einem „zerrütteten“ Lebenslauf habe ich 165 Bewerbungen geschrieben, wurde zu sechs Gesprächen eingeladen und bekam zwei Stellen angeboten. In einer arbeite ich heute.

Wie Ihr Einsender zur Frage 2.596 erhielt ich nur selten (und wenn Standardtext-) Absagen. Bei wenigen Firmen hatte ich telefonisch nach dem Grund gefragt – und bekam sehr unzureichende Antworten wie: „Dürfen wir nicht sagen“, „Können wir nicht sagen“, einmal hieß es „Sie sind überqualifiziert“, „Sie erscheinen uns nicht mehr genug formbar“.

Alle bis auf die letzte Antwort erscheinen mir fadenscheinig – und auch die letzte half mir nicht weiter.

Ich habe es dann aufgegeben nachzufragen, da aus meiner Sicht einfach keine ehrlichen Antworten zu erhalten waren! Nun beabsichtige ich, mich beruflich zu verändern, daher bin ich sehr an den wahren Gründen der damaligen Ablehnungen interessiert – außerdem natürlich auch an einer erfolgversprechenden Strategie für den kommenden Bewerbungsprozess. Daher nehme ich gern jede fachliche Unterstützung und Ihren Rat an!

Vermutlich wird es nicht nötig sein, alle 165 Bewerbungen zu sichten. Ich könnte Ihnen gern zehn typische Fälle vorlegen.

Antwort:

Erfolge bei Bewerbungen sind der Schlüssel zur Sicherung der beruflichen Existenz.

Lassen Sie diese Fundamental-Aussage ruhig einmal „auf der Zunge zergehen“, sie ist es wert. Praktisch ist der Bewerbungserfolg der Wetzstein, mit dem Sie Ihre einzige Waffe im Existenzkampf – jenes „Schwert“, das unsichtbar an Ihrer Seite hängt und auf dem Kündigung steht – scharf und einsatzbereit halten. Ohne Aussicht auf Bewerbungserfolge ist Ihr Schwert stumpf und rostet in seiner Scheide.

Ich weiß nicht, wie jemand, der als Angestellter in der freien Wirtschaft tätig ist, diese unbestreitbare Aussage entkräften will. Gehen wir einmal davon aus, dass ich damit richtig liege.

Dann müsste die Frage nach Gründen für überdurchschnittlich viele Absagen (deutlich mehr als etwa fünf bis sechs pro zehn Bewerbungen) zentrales Anliegen betroffener Bewerber sein. Logisch? Logisch. Und? Es ist jedoch nicht an dem, absolut nicht. Und an diesem Punkt weiß ich nicht mehr weiter, ich verstehe es einfach nicht.

Ich suche noch einmal einen anderen Ansatz: Eine hohe Misserfolgsquote bei Bewerbungen ist schlecht, deprimierend, existenzgefährdend, zermürbend, unbefriedigend. Stellen Sie sich vor, Sie seien Konstrukteur und müssten täglich viele kleinere Bauteile kundenbezogen abändern. Und mehr als die Hälfte aller Ihrer Teile passten nicht. Das wäre ziemlich unschön, nicht wahr?

Diese Quote müssten Sie jedenfalls entscheidend verbessern. Bei Bewerbungen bedeutet das: Um den Erfolg zu optimieren, dürfen Sie ja nicht einfach die bisherige Bewerbung immer wieder neu adressieren – nein. Sie müssen etwas anders machen, den Prozess verändern. Auch das scheint mir nicht diskutierbar.

Gehen wir einen Schritt weiter: Um an einem Prozess etwas mit Aussicht auf Erfolg entscheidend zu verändern (in der Hoffnung, damit auch etwas zu verbessern), müssen Sie wissen, woran Sie bisher gescheitert sind. Also: Wer bessere Bewerbungserfolge als bisher haben will – und viele Bewerber sollten das unbedingt wollen -, muss wissen, warum er bisher keinen Erfolg hatte. Und genau das interessiert ihn in der Regel nicht. Verstehen Sie das?

Ich meine nicht Ihre beschriebenen Anfragen bei den Bewerbungsempfängern. Diese können, wollen oder dürfen Ihnen nicht die Wahrheit sagen. Dort haben Sie allenfalls nach einem Vorstellungsgespräch die Chance, etwas zu erfahren. Wenn Sie gar nicht eingeladen wurden, gibt es beim Empfänger kaum detaillierte Aufzeichnungen über Absagegründe, das lohnt sich für ihn nicht.

Nein, ich meine Folgendes: Ein externer Fachmann, dem Sie Ihre komplette Bewerbung mit der auslösenden Anzeige vorlegen, kann Ihnen mit ziemlicher Sicherheit sagen, warum Sie hier eine Absage erhielten. Das kann er auch dann, wenn er mit diesem ganzen Fall überhaupt nichts zu tun hatte, ja nicht einmal das Unternehmen kennt: Die Prinzipien, nach denen entschieden wird, sind überall ähnlich.

Selbst wenn Sie der Meinung wären, der damalige Bewerbungsempfänger könnte das besser und würde es vielleicht sogar tun, so nützte Ihnen das auch nichts: Jener alte Fall ist abgeschlossen, „tot“. Sie müssten aus der Absage des damaligen Bewerbungsempfängers mühsam herausarbeiten, was Sie bei anderen Fällen, bei anderen Bewerbungsempfängern verändern sollten. Dafür hinreichend konkret würde der „alte“ Bewerbungsempfänger niemals werden, da könnte der fremde Fachmann sogar deutlich hilfreicher sein.

Also müssten die Leute mit den zahlreichen Absagen doch äußerst interessiert daran sein, von einem Fachmann erläutert zu bekommen, warum sie erfolglos waren. Ich wiederhole mich: Sie sind es aber nicht. Beweis dafür: Hier gibt es mehr als genug Einsendungen mit den tollsten, z. T. sehr intimen Fragen. Aber jene von mir so vermisste ist so gut wie nie dabei. Ich halte das für eine verpasste Chance von besonderem Gewicht.

Vielleicht denken die Betroffenen: „Das ist nun einmal so, ich habe diese unveränderbaren Fakten, da kann man sowieso nichts machen. Mich will eben keiner.“ Das ist fast immer falsch. Richtig hingegen ist: Die Bewerbung in dieser Form um genau so eine Position will keiner. So jedenfalls nicht, anders meistens durchaus.

Wenn ein cleverer Gebrauchtwagenhändler einen Ladenhüter hat, dann bleibt er ja auch nicht stur bei seiner bisherigen Strategie: Er inseriert in einem anderen Medium, wirbt mit anderen Aussagen, fordert einen anderen Preis, legt einen Gutschein über 200,- EUR Reparaturkosten bei oder setzt ein leichtbekleidetes Mädchen auf die Motorhaube (nein, das können Sie nicht nachmachen, das ist nur ein Beispiel).

Ich zeige Ihnen hier noch einmal, woran eine Bewerbung scheitern kann:

1. Ja, in sehr seltenen Fällen kommt es durchaus vor, dass bestimmte Fakten die ganze Angelegenheit ziemlich erschweren. Aber: Sehr oft findet ein Fachmann dennoch ein überzeugendes Lösungskonzept. Denn es gibt nicht nur ziemlich unattraktive Werdegänge bei Bewerbern, sondern auch ziemlich uninteressante Jobs bei ziemlich merkwürdigen Arbeitgebern an ebenso merkwürdigen Standorten bei eher zurückhaltend kalkulierten Bezügen. Passen diese Partner nicht ausgesprochen gut zueinander? Ein Gebrauchtwagen mit Unfallschaden („zerrüttet“) bringt ja auch weniger Kaufinteresse, aber manche Käufer sind darauf spezialisiert.

Wie kommt man nun an einen „zerrütteten“ Lebenslauf? Am einfachsten, indem man geltende, mindestens seit neunundzwanzig Jahren allseits bekannte Regeln munter missachtet. Der Typ Mensch, der dazu neigt, neigt dann auch dazu, die Regeln zum Thema „Bewerbung“ munter zu missachten. 50% seiner Probleme kann man in solchen Fällen also relativ einfach lösen. Wenn man dann bei der Bewerbung auch noch „geschickt“ vorgeht, könnte man die Problemlösungsquote weiter verbessern – wenn auch nie auf 100%.

2. Die ausgewählten Positionen, auf die eine Bewerbung zielt, sind die falschen. Sie passen nicht zum bisherigen Lebenslauf, sind viel zu anspruchsvoll oder anspruchslos – das kann gar nicht klappen. Und: Ein nennenswerter Teil der Bewerber erkennt noch nicht einmal, dass es sich bei der ausgeschriebenen Position um einen Berufseinstieg handelt, während sie selbst doch acht Jahre Praxis haben.

3. Die suchenden Unternehmen passen nicht zum Lebenslauf. Am besten ist es, bisher wurde im Werdegang weitgehend ein Firmentyp durchgehalten – und das suchende Unternehmen entspricht diesem (inhabergeführter Arbeitgeber mit 20 Mitarbeitern oder ein Konzern mit 20.000 etc.).

4. Tätigkeit und gern auch Branche des suchenden Unternehmens sollten zum – hoffentlich vorhandenen – „roten Faden“ des Werdegangs passen (Beispiel: „Entwicklung im Bereich Verpackungsmaschinen“ oder „Einkauf im Anlagenbau“).

5. Das Anschreiben ist sprachlich eine Zumutung, sachlich unbefriedigend, kaum informativ und/oder enthält eher kontraproduktive Aussagen.

6. Kern jeder Bewerbung ist der Lebenslauf. Er soll informativ, wahr, dennoch werbend („Bewerbung“) und zielgerichtet sein. Wenn er Probleme erkennbar werden lässt, muss er an der Stelle(!) auch Erklärungen oder Aussagen dazu bieten, niemals darf er den Leser mit Fragen, die er aufwirft, allein lassen (Beispiel: „Wieso verlässt der Bewerber jenen Arbeitgeber nach zehn Monaten lt. Zeugnis „auf eigenen Wunsch“ und ist anschließend ein halbes Jahr lang arbeitslos?“).

7. Zeugnisse: Manche der schlechten kann man gefahrlos weglassen, andere nicht. Im einen oder anderen Fall hilft eine Erklärung in Lebenslauf oder Anschreiben, zumindest zeigt sie, dass man das Problem erkannt hat, Erklärungsbedarf eingesteht und die Regeln anerkennt (Beispiel: Was kann ein Bewerber mit Abitur 1,8 und nachfolgendem Studienexamen 3,2 tun? Er lässt das Abiturzeugnis weg, nennt diese Note auch nicht im Lebenslauf – und ist dann zwar immer noch ein Mensch mit schwachem Examen, für die es ja auch Jobs gibt, aber wenigstens nicht mehr ein Mensch mit dramatisch fallender Leistungskurve).

8. Dann bleibt noch Raum für taktisch ungeschickte Gehaltsangaben, „schädliche“ Formulierungen zum Eintrittsdatum, fehlende Begründung für den angestrebten, aber für den Leser völlig unmotiviert aussehenden Wechsel.So, geehrter Einsender, nun vertrauen Sie mir einmal eine(!), nicht zehn, Ihrer alten Bewerbungen mit der damaligen Anzeige an. Dann sehen wir schon, wo es Ansätze gibt. Zunächst müssen wir herausarbeiten, woran Sie seinerzeit gescheitert sind. Dann suchen wir nach Optimierungen. Die Darstellung aller Details erfolgt wie gewohnt ohne Namensnennung des Bewerbers und der Arbeitgeber.

Und weil ich gerade dabei bin: Noch kenne ich Ihre Lebenslaufdaten nicht und weiß daher auch nicht, wie lange Sie nun schon bei Ihrem so hart „erarbeiteten“ Arbeitgeber sind. Aber was bewegt Sie mit Ihrem „zerrütteten“ Werdegang jetzt zum neuen Wechsel? Vorsicht: Sie tun es immer wieder (H. Mell).

Mir gegenüber begründen Sie dieses Vorhaben mit einem nebenberuflichen Fernstudium, das seit einiger Zeit läuft. Wenn Sie mit Ihren 163 vergeblichen Bewerbungen jetzt weniger als fünf Jahre beim heutigen Arbeitgeber tätig sein sollten: Kloppen Sie das Fernstudium-Diplom in die Tonne (nein, natürlich nicht: Heften Sie es schön sorgfältig ab) und sammeln Sie durch Verbleib beim heutigen Arbeitgeber „unzerrüttete“ Dienstzeiten. Später dann (viel später) könnten Sie wieder zu neuen Ufern streben. Sie haben sich beschwert, es seien von Bewerbungsempfängern „einfach keine ehrlichen Antworten zu erhalten“. Na schön, dies war ein Ansatz dazu.

Kurzantwort:

1. Erfolge bei Bewerbungen sind der Schlüssel zur Sicherung der beruflichen Existenz. Diese Erfolge dauerhaft erzielen zu können, verdient höchste Priorität.

2. Bei häufigen Absagen auf Bewerbungen ist Optimierung des Prozesses angesagt. Als Basis dazu muss man die Gründe für die Absagen kennen. Auch ein völlig außenstehender Fachmann kann diese mit hoher Sicherheit herausarbeiten.

Frage-Nr.: 2631
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 23
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-06-07

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