Heiko Mell

Sei Korn, nicht Spreu

Frage/1: Ich sehe derzeit keinen akuten Grund, meine Stelle zu wechseln, möchte aber meinen Marktwert testen und verschicke deshalb sporadisch Bewerbungen, meist per E-Mail (wie von den Unternehmen gewünscht).

Leider muss ich feststellen, dass einige Unternehmen keinerlei Rückmeldung geben. Es erfolgt weder eine Eingangsbestätigung, noch erfolgt eine Absage. Die implizit „gesendete“ Nachricht ist natürlich, dass man die ausgeschriebene Position nicht mit mir besetzen möchte, aus welchen Gründen auch immer. Ich bin jedoch der Meinung, dass ein solches Verhalten nicht eben auf gute Manieren schließen lässt – und ja, ich ärgere mich ein wenig darüber.

Frage/2: Die eigentliche Frage ist aber nun: Wie verhalte ich mich, falls ich mich ernsthaft um eine neue Stelle umsehe? (Ich erkenne Ihren guten Willen an: Es heißt tatsächlich „sich bewerben um“ eine Stelle, nicht „auf“. Leider passt das nicht zu „umsehe“, dazu würde „nach einer …“ passen; H. Mell).

Schreibt man nach einiger Zeit erneut eine E-Mail um nachzufragen? Ich bin eigentlich kein Freund dieser Praktik, da man auf der Gegenseite ja einen geeigneten Kandidaten sucht und da sich die persönliche Eignung sicher nicht durch das Senden von Nachfragen erhöht. Andererseits gibt man sich Mühe beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen und kann doch als Gegenleistung wenigstens eine Eingangsbestätigung oder Standardabsage per E-Mail erwarten? Die an mir interessierten Unternehmen schicken ja auch eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, wer hätte das gedacht.

Abschließend möchte ich mich noch für Ihre wertvollen Tipps bedanken, sie helfen mir seit Jahren dabei, einige Dinge im Berufsleben besser zu verstehen und generell gelassener zu handhaben.

Antwort:

Antwort/1: Ich lebe beruflich seit mehreren Jahrzehnten mit Bewerbungen und den dazugehörigen Absendern. Meine Firma ist selbst Adressat solcher Zuschriften bzw. hat und betreut Kunden auf diesem Fachgebiet, die inserieren und dann Bewerbungen bekommen. Ich habe die Zeit beruflich erlebt, in der es nur Bewerbungen per Post gab, habe die ersten E-Mail-Zuschriften gesehen und die Abwicklung von Bewerbungen organisiert, als etwa die Hälfte per Post und die andere Hälfte per E-Mail kam. Ich habe Beschwerden von Bewerbern gehört, als Betroffener gelesen und beantwortet, und ich lese Meinungen dazu in den Einsendungen dieser Serie. Dazu kommen Telefonkontakte mit Bewerbern und einige Tausend Vorstellungsgespräche. Darauf bin ich nicht stolz, das ergibt sich einfach so in meinem Beruf. Daraus nun kann ich folgende Erkenntnis ableiten:

I. Das Unternehmen hat kostenpflichtig inseriert und will Bewerbungen bekommen. Etwa vier bis fünf gute würden völlig ausreichen. Über alle Jahre und konjunkturelle Situationen gesehen, kommen abera) entweder 150 Zuschriften, die aufwendig gelesen, bewertet und in Eignungskategorien eingeordnet werden müssen, von denen jedoch etwa 140 völlig ungeeignet sind, nie eine Chance hatten und über die man größtenteils nur den Kopf schüttelt;b) oder nur fünf Bewerbungen, von denen dann aber – der Prozentsatz ist der gleiche – 4,6 (also alle) ungeeignet sind.

Dann fragen vorrangig die Ungeeigneten ständig sowohl nach, ob ihre Unterlagen angekommen sind als auch „nach dem Stand der Dinge“. Letzteres muss relativ aufwendig recherchiert werden, die Personalabteilung hat diese Information meist auch nicht.

Fazit (niemand spricht das aus): Den einen schließlich eingestellten Bewerber würde man gern von Anfang an in jeder denkbaren Art und Weise betreuen bis hofieren – wenn man ihn sofort als späteren Sieger im Wettbewerb identifizieren könnte. Die anderen hingegen verursachen nur Aufwand, tragen aber kaum zum angestrebten Ziel bei.

Es ist zwar moralisch nicht zu vertreten, Bewerber nachlässig zu behandeln und es ist wegen der Außenwirkung auch unklug, aber es ist wegen der extrem geringen Quote geeigneter Zuschriften zumindest irgendwie verständlich, wenn man aus Kostengründen kaum noch Personal für solche Zwecke hat.

II. Bewerber, die gar nicht wechseln wollen, sondern nur ihren Marktwert testen, verschärfen das Problem. Sie tun zwar etwas sehr Vernünftiges, aber nur aus ihrer Sicht (auch ich rate dazu, es – in Maßen – zu tun).

III. Es gibt bereits suchende Unternehmen, die vorher wissen, dass sie dem Verwaltungsaufwand, der im Zusammenhang mit der Bewerbungsbearbeitung entsteht, nicht gewachsen sein werden und die in die Anzeigen schreiben, sie seien außerstande, Eingangsbestätigungen und/oder Absagen zu versenden. Das ist fair, darauf kann sich der Interessent vorher einstellen.

IV. Das Problem, das Ihrer Einsendung zugrunde liegt, hat es immer gegeben. Früher wurden jedoch relativ aufwendige und tatsächlich irgendwie wertvolle Bewerbungsmappen mit der Post versandt. Die Empfänger hielten etwas in der Hand und erkannten an, dass der Absender am „Schicksal“ seines „Machwerks“ interessiert war und es bei negativem Ausgang zurückhaben wollte. Im E-Mail-Zeitalter hat nur die übermittelte Information noch ihren Wert, der „Datenträger“ (eben früher die Mappe) jedoch nicht mehr: ein vergängliches Flackern am Bildschirm, das ist alles. Dadurch sinkt die Bereitschaft, die Bewerbung besonders sorgfältig zu behandeln.

V. Der Einsatz elektronischer Medien (PC, E-Mail, Internet) hat dazu geführt, dass auch die Bewerber nachlässiger mit ihren Bewerbungen umgehen. Die Daten sind im PC gespeichert, ein Knopfdruck genügt (fast) zur Übermittlung, weg damit. Die E-Mail-Bewerbungen sind in der Qualität (inhaltlich, sprachlich und optisch) deutlich schlechter geworden – was die Bereitschaft der Empfänger fördert, nachlässiger mit ihnen umzugehen: Wie immer, sind beide Parteien „einander würdig“.

VI. Bewerber leben heute von morgens bis abends in der digitalen Welt, von der sie abhängig sind und der sie nicht nur vertrauen, sondern der sie sich ausliefern, nahezu bedingungslos. Mit einer Ausnahme: ausgerechnet ihre E-Mail-Bewerbung, so fürchten sie, könnte verlorengehen. Dann müssten Unternehmen ja auch befürchten, ihre Eingangsbestätigungen könnten niemals ankommen. Also müssten Bewerber wiederum den Empfang derselben bestätigen.

Empfehlung an Bewerber: Glauben Sie einfach daran, dass Bewerbungen nicht verloren gehen, weder per Post, noch per E-Mail. Mit der natürlich immer existierenden Quote derjenigen Fälle, in denen das nicht zutrifft, können wir leben. Bedenken Sie: Bei 149 von 150 eingesandten Bewerbungen (im Beispielfall) war es ohnehin ziemlich gleichgültig, ob sie angekommen sind.

VII. Das alles gilt für unverlangt eingesandte Bewerbungen (Initiativbewerbungen) doppelt.

VIII. Mein Appell an Bewerber:

Akzeptieren Sie die Entwicklungen in diesem Bereich und reagieren Sie gelassen. Vertrauen Sie darauf, dass Ihre Bewerbung angekommen ist. Wenn Sie vier Wochen nach Absendung keine Einladung zur Vorstellung bekommen haben, geben Sie den Fall zu 85% als verloren, nach insgesamt acht Wochen schreiben Sie ihn so ab, als hätten Sie eine Absage erhalten.

Und bei der Gelegenheit: Geben Sie sich bei Bewerbungen mehr Mühe, dann sind positive Reaktionen wahrscheinlicher.

IX. Mein Appell an Unternehmen:

Bewerber sind geradezu fanatisch hinter Eingangsbestätigungen her. Wenn Sie es irgendwie ermöglichen können, versenden Sie solche, auf den Text kommt es nicht an.

Die Versendung von Absagen jedoch ist ein Akt der Höflichkeit. So etwa zwölf Wochen nach dem Haupt-Bewerbungseingang sollten sie spätestens das Haus verlassen. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber geben Sie sich mit dem Text ruhig ein bisschen Mühe – auch wenn es selbstverständlich ein Standardbrief ist, den Sie in allen Fällen textgleich versenden. Obwohl Bewerber das durchaus wissen, widmen sie jeder Absage intensive Aufmerksamkeit. Sie lesen das Schreiben „mit der Lupe“, suchen Trost hier und schöpfen Hoffnung dort. Ich weiß das aus Karriereberatungsgesprächen, in denen mir oft Absagen vorgelegt und dabei interpretiert werden. Für mich steht da nur drin: „Wir wollten Sie nicht haben.“ Der Bewerber jedoch freut sich über alles, was er positiv interpretieren kann.

Sie wollen ja ein gutes Image Ihres Unternehmens auf dem Arbeitsmarkt schaffen. Eine schnell nach Bewerbungseingang geschriebene Empfangsbestätigung und eine nicht allzu spät abgesandte, zwar in Wirklichkeit pauschale, aber warmherzig-positiv klingende Absage sind dabei äußerst empfehlenswert.

Antwort/2: Ich kenne Ihre spezielle Erfolgsstatistik nicht, außerdem habe ich viel Allgemeines schon weiter oben gesagt. Zwei Aspekte sind mir hier besonders wichtig:

a) Ihre Aufrechnung „Man gibt sich Mühe beim Erstellen der Bewerbungsunterlagen und kann doch als Gegenleistung wenigstens …. erwarten“ ist so nicht möglich, beide Bereiche haben nichts miteinander zu tun: Sie geben sich aus höchst egoistischen Motiven heraus Mühe – Sie wollen ja etwas für sich erreichen. Dafür müssen Sie sich auch selbst belohnen.

Es hängt alles an jener Relation zwischen den vielen Bewerbern und dem einen gesuchten, schließlich eingestellten Kandidaten. Für diesen würde der Empfänger der Zuschriften alles tun, um die anderen, so denkt er, habe er nun wirklich nicht gebeten. Übrigens beschweren sich die letztlich eingestellten Bewerber kaum je über schlechte Behandlung, unvollkommene administrative Abwicklung etc. Komisch, nicht wahr?

Daher lautet die zentrale Regel für diesen gesamten Prozess: Das Spiel läuft so, jeder akzeptiert es, auch wenn er dabei unterschiedlich stark mit den Zähnen knirscht: Der Bewerbungsempfänger muss viel „Spreu“ bewegen, um das eine oder andere „Weizenkorn“ zu finden.

Für den Bewerber gilt: Sei Korn, nicht Spreu. Dann lernst du viele Probleme gar nicht erst kennen.

Das so werden Sie eingestehen, ist gut gesagt. Und ich gestehe ein, dass es nicht immer leicht zu realisieren ist. Aber wir stoßen hier auf ein für mich ungelöstes Problem im ganzen Prozess „Bewerbung“:

Wer sich bewirbt, verfolgt ein Ziel. Zumindest dessen erster Teil besteht darin, zum Vorstellungsgespräch geladen zu werden. Gelingt das nicht, ist dieses Bewerbungsvorhaben gescheitert; geschieht das öfter, kann, ja muss, von einer Niederlage gesprochen werden. Danach darf der Bewerber nicht aufhören mit seinen Bemühungen. Er muss es erneut versuchen: andere Position, anderes Unternehmen. Wer eine Absage erhält, muss so lange weitermachen, bis er Erfolg hat.

Wenn das so ist, muss doch eine zentrale Frage für den Betroffenen von höchster Brisanz sein, die Antwort muss sein zentrales Interesse finden: WARUM ERHIELT ICH AUF MEINE BEWERBUNG EINE ABSAGE?

Denn erst mit dieser Antwort in der Tasche kann er sein Vorgehen optimieren und seine Chancen verbessern. Sucht er sich die falschen Positionen aus, argumentiert er falsch oder unvollkommen im Anschreiben, ist sein Lebenslauf eher abschreckend als begeisternd aufgebaut? Eine Bewerbung ist weit mehr als eine „Auflistung von Fakten, die nun einmal so sind und die ich doch nicht ändern kann“. Was versteht der außenstehende Leser nicht, wo erwartet er Begründungen, wo katapultiert sich der Bewerber gedankenlos oder bewusst, aber eben auf falschen Annahmen beruhend, selbst ins Aus?

Die eben zitierte zentrale Frage, von der so vieles abhängt – interessiert ihn in der Regel nicht. Wenn Sie wissen warum, wissen Sie deutlich mehr als ich.

Nehmen Sie diese Serie: Die Einsender stellen Situationen dar, haben Fragen, vertrauen mir Hintergründe an. Aber kaum jemand kommt auf die eigentlich auf der Hand liegende Idee zu fragen: „Anbei die Stellenanzeige und meine Bewerbung. Ich war sehr interessiert, hatte mir Hoffnungen gemacht, erhielt aber eine Absage. Warum?“

Dabei kann ein Fachmann, wenn er diese Unterlagen hat, die Frage fast immer auch dann beantworten, wenn er mit dem ganzen Fall nichts zu tun hatte. Für ihn liegt das ziemlich deutlich auf der Hand, für den bisher erfolglosen Bewerber kann das der Schlüssel zur Lösung sein. Warum fragt er nicht?

Auch für Ihren Fall, geehrter Einsender, gilt das. Sie beklagen sich über ausbleibende Antworten der Unternehmen. Warum schauen wir uns nicht Ihre Bewerbung an und versuchen zu analysieren, was die Empfänger, die nie geantwortet haben, gestört hat?

Kurzantwort:

1. Menschen vertrauen täglich E-Mails. Sie sollten das auch bei Bewerbungen so halten und weder anrufen, ob diese angekommen sind, noch unbedingt Eingangsbestätigungen erwarten.

2. Unternehmen sollten in jedem Fall Absagen versenden. Bewerber leben damit besser als mit der Ungewissheit oder der vermuteten Geringschätzung.

3. Nachlässigkeiten der Unternehmen sind auch eine Reaktion auf rapide abnehmende Sorgfalt der Bewerber. Mehr und mehr denken diese weder vorher nach, noch geben sie sich bei der Bewerbung Mühe.

4. Wer viele Absagen bekommt, sollte sich um die Gründe dafür kümmern. Bewerbungen sind Machwerke – die auch einfach schlecht gemacht sein können.

Frage-Nr.: 2596
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-12-14

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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