Heiko Mell

Promoviert, Ü50, ehemals lust-, jetzt arbeitslos

Ich bin promovierter Maschinenbauer, regional ungebunden, mittlerweile alleinstehend, knapp über 50

(1). Gleich nach der Promotion habe ich bei einem Automobilhersteller angefangen. Der Karriereweg über etwas weniger als zwanzig Jahre

(2) dort war rein fachlicher Natur

(3), d. h. er führte von einem Spezialisten über den Experten hin zu Projektleitungsfunktionen in verschiedenen Changeprogrammen von Kosten- und Prozessthemen vor einem starken fachlichen Hintergrund. Diese Changeprogramme verliefen erfolgreich, und sie liefen aus.

Im Rahmen von Maßnahmen des Personalabbaus, der mich sicherlich nicht zufällig traf

(4), gab es verschiedene berufliche wie private Gründe

(5) für mich, das Unternehmen mit einer ordentlichen Abfindung zu verlassen. Das Zeugnis ist sehr gut

(6), diese Bewertung stimmt inhaltlich für 80% der Dauer des Beschäftigungsverhältnisses – die andere Zeit entfiel auf meine Motivationslöcher bei erfolgloser Suche nach der Sinnhaftigkeit wiederholter „Kostenreduzierungs“-Aufgaben an „ausgelutschten“ Produkten und auf meine Lustlosigkeit aufgrund eines teilweise mit Drohungen führenden Topmanagements.

Bei meiner ersten Stellensuche nach langer Zeit (2a) erwischte uns alle die Depression der Weltwirtschaftskrise: Trotz zahlreicher Bewerbungen und guter Schulung durch eine Outplacementberatung ging nichts mehr. Ich schlug mich im öffentlichen Dienst mit einer Stelle als Lehrer durch, die ich ein halbes Jahr nach Ausscheiden aus dem Konzern antreten konnte. Ich verließ diese Stelle nach einem Jahr

(7) (ich konnte wegen meines Alters nicht beamtet werden, es war kein sicherer Job, später wäre ich kaum wieder vermittelbar gewesen; es war für mich keine Aufgabe bis zum Ende des Arbeitslebens).

So bewarb ich mich erneut, hatte aber nun zwei Handikaps: meinen Ausflug in den öffentlichen Dienst und das Alter. Dann fand ich eine befristete Stelle, die – mit gutem Zeugnis – ausgelaufen ist.Seit einigen Wochen bin ich nun wieder in Sachen Bewerbung unterwegs und hinterlasse dabei eventuell den Eindruck des Jobhoppers oder Unbeständigen, obwohl die Gründe der beiden

(8) Wechsel nach meiner Einschätzung für jemanden, den ich im Rahmen des Bewerbungsprozesses kennenlerne

(9), nachvollziehbar sein müssten. Es würde mich sehr freuen und mir (und den in einer vergleichbaren Situation steckenden Lesern) sehr helfen, wenn Sie auch einen Rat geben könnten, wie ich weiter vorgehen sollte, wo und wie meine Chance auf eine unbefristete Stelle liegen und ob ich gar umdenken sollte.

Antwort:

Vorab: Die in Klammern gesetzten Zahlen sind von mir, sie erleichtern die Zuordnung meiner Anmerkungen zu den Details des Falles. Selbst wenn ich Ihnen, geehrter Einsender, überhaupt nicht helfen könnte, wäre das Abschrecken möglichst vieler potenzieller Nachahmer schon ein erstrebenswertes Ziel (Sie selbst deuten ja diesen Effekt an). Und da sich jede noch so verkorkste Konstellation immer noch als schlechtes Beispiel eignet, fangen wir mit einer kritischen Beleuchtung der Hintergründe und der offensichtlich begangenen Fehler an:

Zu 1: Ein Alter über 50 ist insbesondere für Nicht-Führungskräfte kritisch, auch wenn alle anderen Details problemlos wären. Sie hätten zehn Jahre früher gehen oder alles tun sollen, um jetzt bleiben zu können.

Zu 2: Ab zehn Dienstjahre pro Arbeitgeber ist mit Schwierigkeiten bei Bewerbungen zu rechnen – zwanzig Jahre liegen bereits außerhalb diesbezüglicher Toleranzgrenzen.

Zu 3: Jetzt wird es heikel. Ich fange einmal so an. Wenn Sie weniger geistig rege wären, wäre das alles nicht passiert. So aber haben Sie ein TH-Examen mindestens mit „Gut“ und die Promotion (Noten kenne ich nicht) aufzuweisen. Und natürlich sind „rein fachliche“ Aufgaben für einen solchen Menschen faszinierend und herausfordernd und spannend und alles, was Sie sonst noch wollen. Mindestens für fünf Jahre, vielleicht für zehn.

Aber dann, so ist das System nun einmal aufgebaut, sollte „mehr“ kommen, mehr an Verantwortung, mehr an Führung (hier fehlt sie ganz), mehr an Hierarchie und damit höhere Anforderungen an Taktik, an politisches Geschick. Immer vorausgesetzt, dass man „gut“ ist + Ehrgeiz hat.

Oder aber: Man sieht die aufziehende Problematik, die aus Elite-Ausbildung und immer gleichbleibend ähnlichem Tun nahe der Ausführungsebene resultiert – und steuert berufsphilosophisch gezielt gegen die sonst drohenden typischen Frustrationen an: Man erkennt Ursachen und Gefahren der Situation (abstumpfende Routine), macht seinen Frieden mit sich und der Welt, akzeptiert die aus der eigenen Entscheidung oder Unfähigkeit kommende Beschränkung, tut tagsüber solide seine Pflicht, erwartet aber nicht zu viel vom Job und holt sich seine Befriedigung außerhalb, z. B. im Hobby oder im Verein. Sie geben die Schuld – natürlich – dem Topmanagement. Einer muss es ja gewesen sein.

Ich stelle einmal zwei Aussagen in den Raum. Die eine ist aus meiner Sicht ziemlich gesichert, die andere ist auf Fakten beruhend:

I: Man geht nicht auf Dauer in den Großkonzern, um etwas zu bewegen. Kaum jemand bewegt dort als einzelne Person etwas. Man geht hingegen in den Konzern, um dort etwas zu werden (wer weder etwas bewegen, noch etwas werden will, darf das, aber er liest besser nicht ausgerechnet diese Rubrik).

II. Top-Elite-Unternehmensberatungen (und solche, die den Anspruch haben, dazuzugehören) haben ein Prinzip für ihre Berater: Man wird entweder alle x Jahre befördert oder man muss gehen. Überlegen Sie selbst, welches Prinzip wohl dahintersteckt.

Zu 4: Jetzt waren Sie bei einem Eliteunternehmen der deutschen Industrie. Eines, dem viele junge Ingenieure notfalls (symbolisch) den linken Arm opfern würden, um dort arbeiten zu dürfen (ich weiß, Sie wissen und der Vorstand weiß es, dass auch dort nur mit Wasser gekocht wird). Was zur Folge hat, dass alles, was dort mit Ihnen geschieht, für die Außenwelt „wie in Stein gemeißelt“ ist:

„Die XY AG hat Sie gefeuert? Nach zwanzig Dienstjahren? Und 80.000 Mitarbeiter haben die dort behalten und beschäftigen sie weiter?“ Das ist ein wenig so als hätte Gott vom Berge Sinai gesprochen: „Dieser Mann ist zu entfernen.“ Na gut, zumindest ein bisschen so (der Rat für Serienautoren, niemals etwas Religiöses zu tangieren, gilt nur für solche mit weniger als 25 Jahren Serienerfahrung).

Und überhaupt gehen Sie ungeheuer kapriziös mit dem Thema um (4 und 5): Da hat der Personalabbau Sie getroffen, da gab es diverse Gründe für Sie, das Unternehmen zu verlassen (was nach eigener Initiative klingt), da ist von einer „ordentlichen Abfindung“ die Rede. Ich kenne das Zeugnis nicht und weiß auch nicht, was dort (wie in Stein gemeißelt) über die Umstände des Ausscheidens steht. Wenn man Ihnen etwa „Ausscheiden auf eigenen Wunsch“ bescheinigt hätte, wäre das sehr, sehr schlecht – dann wären Sie ja auf eigenen Wunsch arbeitslos geworden. Wenn eine arbeitgeberseitige Entlassung dort bescheinigt worden wäre, hätten wir wieder den Sinai-Effekt. Das Zeugnis (6) ist also schon äußerst wichtig, gerade in diesem Detail.

Zu 5: Dass man niemals gut beraten ist, aus privaten Gründen den Arbeitgeber zu wechseln, zieht sich durch diese Serie wie die Periode Maria Theresias durch die Geschichte Österreichs.

Zu 2a: Das ist ein Grund für die Empfehlung, nicht erst nach so langer Zeit (also ohne Bewerbungspraxis) auf den Markt zu gehen. Es fehlt die Erfahrung auf allen Gebieten.

Zu 7: Die Geschichte mit dem „Lehrer“ war vermutlich Ihr größter Fehler. Im Lebenslauf (auf den kommt es an und der liegt mir vor) sieht es so aus, als wäre das Ihr Traumziel gewesen. Diesen Job dann ohne neue Position selbst wieder zu verlassen, war ein zusätzlicher schwerer Fehler. Und dass Sie nicht mehr Beamter werden konnten, dürfen Sie überhaupt niemals sagen: Erstens weiß man so etwas vorher – und zweitens mag die Industrie keine Leute, die eigentlich Beamte hätten werden wollen.

Zu 8: Nein, es sind drei Wechsel: Vom Konzern weg, vom Lehrer weg, von der befristeten Stelle weg.

Zu 9: Entscheidend hingegen ist, überhaupt erst einmal jemanden im Rahmen des Bewerbungsprozesses kennenzulernen. Dazu muss der Ihre Unterlagen lesen und Sie einladen. Was das zentrale Problem darstellt. Fazit: Es wird also sehr schwer für Sie, eine der angestrebten unbefristeten, halbwegs angemessenen Stellen zu bekommen. Vorschlag: Konzentrieren Sie sich in Ihren Bewerbungen auf den – von Profis noch vor dem Anschreiben gelesenen – Lebenslauf. Wo der ein Problem ausweist, müssen Sie sofort argumentativ gegensteuern:

– Bauen Sie den Lebenslauf chronologisch („Lauf des Lebens“) auf. Ihr „falsch herum“ (aber dafür amerikanisch) aufgebautes Dokument zeigt als erste Position der wichtigen Rubrik „Beruflicher Werdegang“ gar nichts, also Arbeitslosigkeit seit fünf Monaten. Das ist schlecht. Dann folgt eine befristete Tätigkeit von sieben Monaten. Das ist auch nicht besonders gut. „Danach“ („es ist der Fluch der bösen Tat …“) folgt eine arbeitslose Pause von sieben Monaten. Wiederum „danach“ kommt die einjährige Tätigkeit als Lehrer im öffentlichen Dienst. Das ist die Katastrophe überhaupt. Dann folgt eine neue Arbeitslosigkeits-Lücke von neun Monaten.

Und dann, wirklich erst dann, folgt die einzige tragende Säule Ihres Werdeganges, die fast zwanzigjährige Tätigkeit bei der XY AG. Das heißt, sie folgt auf dem Papier. Ob bis dahin überhaupt noch jemand liest, ist höchst zweifelhaft. Das alles wirkt in der chronologischen Form viel weniger „schlimm“. Weil der Leser erst Ihre Qualifikation, veredelt vom großen Arbeitgebernamen, zur Kenntnis nimmt. Und dann erst die Niederlagen sieht.

– Die erste Frage wirft der Lebenslauf in der empfohlenen chronologischen Form am Ende der XY AG-Zeit auf. Geben Sie in Klammern darunter eine Erklärung ab von zwei bis drei Zeilen, die aber mit der Beendigungsformel im Zeugnis übereinstimmen muss (warum ging das zu Ende?).

– Die zweite Frage ergibt sich bei der Lücke zum nächsten Job (der Lehrertätigkeit). Ergänzen Sie die Erklärung zum Ausscheiden:

„(Mein Ausscheiden bei der XY AG fiel zeitlich mit der von mir in dieser dramatischen Ausprägung nicht vorhergesehenen Wirtschaftskrise von 2009 zusammen, in der es für mich praktisch keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt gab. Ich nahm die nachfolgende Tätigkeit zur Überbrückung an.)“

– Schreiben Sie dann zur Sicherheit unter die folgende Lehrertätigkeit noch kurz:

„(Meine Befürchtungen, ich könnte für diese Tätigkeit weniger geeignet sein, bestätigten sich.)“

– Geben Sie – wie bisher auch – bei der dann folgenden letzten Anstellung die Befristung deutlich an.

– Was Sie dann noch brauchen, ist eine kurze zusammenfassende Darstellung ab Ende der XY AG im Anschreiben. Prinzip: Sie haben eine Katastrophe erlebt, alles seitdem ist Chaos – Sie müssen etwas falsch gemacht haben (wer sonst?). Ich kenne, wie bereits gesagt, die Hintergründe nicht, muss also spekulieren. Z. B. so:

„Gegen Ende meiner Tätigkeit bei der XY AG liefen wichtige Projekte aus, zusätzlich begann sich eine Personalreduzierungs-/Restrukturierungswelle abzuzeichnen. Mein Fehler war, dass ich ein ausgesprochen großzügiges Abfindungsangebot annahm, ohne zu dem Zeitpunkt eine neue Anstellung vertraglich fest vereinbart zu haben. Mehrere mündliche Einstellungsversprechungen wurden in der plötzlich hereinbrechenden Wirtschaftskrise zurückgezogen, in meinem Branchenumfeld ging praktisch gar nichts mehr. Ich nahm dann zwangsläufig auch weniger interessant erscheinende Überbrückungstätigkeiten an, um nicht dauerhaft arbeitslos zu sein. Ich suche nun wieder eine langfristig angelegte Aufgabe, in der ich meine umfassenden Kenntnisse in der Optimierung von Prozessen innerhalb der Kfz-Branche zum Nutzen des Unternehmens umsetzen kann.“

Mit dem Namen der XY AG im Rücken sollten Sie gerade für Zulieferer interessant sein, besonders auch für solche in der Provinz.

Sprechen Sie einmal Unternehmensberatungen an, neben den großen auch die mittelständischen. Mit der Kombination TH-Studium, Promotion und viele Jahre XY AG sollten Sie für die eine oder andere trotz allem interessant sein (ihren Kunden verraten die dann eher nichts über Lehrertätigkeit und arbeitslose Phasen).

Generell müssen Sie vieles probieren, zahlreiche Bewerbungen schreiben, konzessionsbereit sein. Deuten Sie vorsichtshalber an, dass für Sie die Einkommensfrage nicht im Mittelpunkt Ihres Interesses steht (zwanzig Jahre Großkonzern klingen „teuer“).

Kurzantwort:

1. Es ist möglich, in relativ kurzer Zeit gegen mehr „Spielregeln für Beruf und Karriere“ zu verstoßen als man von diesen in ein handliches Buch packen kann.

2. Das berufliche System ist grundsätzlich auf zunehmenden Aufstieg (hierarchischen Fortschritt) ausgerichtet. Mit der bestmöglichen Ausbildung dort einzusteigen, dann aber dieses Grundprinzip ignorieren zu wollen, das kann zu Frustrationen führen, die wiederum Fehlhandlungen verursachen.

Frage-Nr.: 2576
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-09-05

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