Heiko Mell

Entscheiden Chefs logisch?

Mich interessiert, wie häufig es bei Personalentscheidungen rational und professionell zugeht.

Derzeit bin ich noch Doktorand ohne Berufserfahrung, meine Bewerbungserfahrung hält sich daher in Grenzen.

Mir kommen einige Aussagen von Ihnen in den Sinn, nach denen „Bewerber damit überfordert wären, im Rahmen solcher logischer Überlegungen zu handeln“ (es ging um den Zusammenhang der heutigen Position mit der Zielposition in einem Bewerbungsverfahren) oder „Unternehmen und Bewerber einander ebenbürtig sind“ (schlampige Bewerbungen und langsame/desorganisierte Bearbeitung dieser Zuschriften durch die Unternehmen).

Allein schon diese beiden Aussagen ergäben ein recht negatives Bild. Dazu kommen etwa die Überlegungen, nach denen die Fachabteilungen bei der Stellensuche teils stur an unsinnigen Stellenbeschreibungen/Anforderungsprofilen festhalten, so dass Personalabteilungen häufig schon resigniert haben, da sie zur Umsetzung der Vorgaben verpflichtet sind.

Daher frage ich Sie: Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Chefs ein, die es schaffen, bei Personalentscheidungen im Rahmen logischer Überlegungen zu handeln? Wie hoch ist der Anteil der Personalentscheidungen, die unterm Strich rational und richtig getroffen werden?

Antwort:

Sie stehen vor dem Eintritt in die Berufswelt, von der Sie in der Praxis noch kaum etwas gesehen haben – und nun machen Sie sich Sorgen. Vermutlich ja auch um diesen Aspekt: Wenn das System unvollkommen ist, wie groß ist dann die Gefahr, dass meine Talente übersehen werden, meine Persönlichkeit falsch eingeschätzt wird und meine berufliche Entwicklung somit Schaden nimmt?Ich finde, ein Berufseinsteiger darf sich nicht nur solche Gedanken machen, er sollte sich sogar so intensiv wie möglich mit diesen Fragen beschäftigen – es tappen eher zu viele junge Leute orientierungslos in die Praxis hinein, ohne auch nur zu ahnen, wie diese Welt da draußen „funktioniert“.

Jetzt komme ich Ihnen einmal mit beruhigender Logik: Es gibt jenes oft zitierte „System“ unseres Berufslebens, das irgendwie beschaffen ist und in das Sie hineinwollen. Und nun befürchten Sie, die Einstiegshürden könnten so falsch beschaffen oder aufgestellt sein, dass vielleicht die ungeeigneten Kandidaten durchkommen, während geeignete (wie eventuell Sie) nicht passieren dürfen. Das, da kann ich Sie sehr engagiert beruhigen, ist absolut nicht der Fall. Das System hat Einstiegshürden (im Bewerbungsprozess) geschaffen, die im Rahmen des Möglichen sicherstellen, dass überwiegend nur Kandidaten ins System geschleust werden, die auch ins System und zu ihm passen. Und dass nicht allzu viele aussortiert werden, die eigentlich gut gepasst hätten (null Fehler gibt es nicht, bei Autos nicht und nicht bei Personalentscheidungen).

Dieses Prinzip gilt auch für neue Mitglieder bei jedem Taubenzüchterverein und jedem Golfclub. Und so wie dort ohne das zustimmende Kopfnicken des allmächtigen Präsidenten niemand hineinkommt, könnte in diesen Institutionen auch kein Mitglied langfristig glücklich werden und gar in Ämter aufsteigen, auf dem der Blick des Präsidenten nicht wohlwollend ruht.

Wenn Sie also grundsätzlich in unser System hineinpassen, dann finden Sie auch irgendwo eine Ihnen offenstehende Eingangstür. Es gibt ja nahezu unendlich viele davon. Sie dürfen sich nur nicht stur auf eine einzige festlegen.Und da wir gerade die Logik strapazieren: Das bedeutet, dass der Bewerbungs-/Auswahlprozess des Systems ebenso perfekt oder unvollkommen ist wie das System selbst. Worauf Sie sich verlassen können – Abweichungen im Detail, bedingt durch Zufälle einer- und menschliche Unzulänglichkeiten andererseits, stets inbegriffen.

Etwas anspruchsvoller ausgedrückt: Das System ist unvollkommen. Es verfügt über ein adäquates Bewerberauswahlsystem. Kritik daran ist möglich, aber letztlich nicht weiterführend. Wer etwas verändern wollte, müsste das System auf den Prüfstand stellen, weniger den (kleinen) Teilbereich „Bewerbung/Einstellung“. Am meisten erreicht dieser Systemveränderer, wenn er andere (bessere) Menschen schafft, denn das System ist von und für die real existierenden Menschen geschaffen worden. Oder (mein Lieblingsausspruch): Gebt mir bessere Menschen, dann gebe ich euch ein besseres System.

Da wir gerade dabei sind: Wie fallen denn nun Personalentscheidungen in Wirtschaftsunternehmen? Nun, sie fallen zu 98% nach rein sachlichen, logischen Überlegungen. Jedenfalls sind die zuständigen Entscheidungsträger zutiefst davon überzeugt. Aus übergeordneter, neutraler Sicht stimmt das häufig nicht – aber was ist eine solche Sicht, wer definiert sie, wer legt Maßstäbe fest, beurteilt Entscheidungen?

Im System ist nun einmal definiert, dass praktisch alle das Unternehmen betreffenden Entscheidungen durch die Eigentümer (Inhaber, Aktionäre, Gesellschafter) getroffen werden können. Sie entscheiden, was dem Wohl des Unternehmens dient, Fehlentscheidungen ausdrücklich inbegriffen und erlaubt. Und sie legen fest, wer als Vorstand/Geschäftsführer im Hause ihren Willen umsetzt. Diese Leute wiederum dürfen und sollen die nachgeordneten Chefs ernennen, die ihr Vertrauen haben. Diese Chefs wiederum entscheiden im Bewerbungsprozess.

Wie alle Menschen in der genannten Kette – und wie auch die Bewerber andererseits – sind diese Chefs mit allen Formen menschlicher Unzulänglichkeit ausgestattet. Das wissen sie aber teils nicht, teils tun sie es schulterzuckend ab. Jedenfalls, ich habe viele von ihnen dabei erlebt, entscheiden sie in tiefster Überzeugung, alles nur nach objektiven Maßstäben, im Rahmen sachlicher Erfordernisse zu tun – und weil es eben „richtig“ sei. Und es gibt keinen systemkonformen Maßstab, nach dem man „falsch“ als Urteil aussprechen könnte. „Falsch“ definiert wiederum allein der jeweilige Vorgesetzte, der das uneingeschränkt darf. Wer von außen her riefe, das sei alles zutiefst unvollkommen, dürfte das zwar tun, fände aber im Rahmen der geltenden Regeln keine Möglichkeit, das überzeugend zu beweisen. Sie dürfen den Bundeskanzler als Fehlbesetzung einstufen, denn Sie wählen ihn zumindest indirekt. Sie dürfen die Einstellung von Herrn Meier als Entwicklungsingenieur als falsch bezeichnen, wenn Sie sein Chef oder dessen Chef sind. Wenn „andere Leute“ Herrn Meier für eine Fehlbesetzung halten, ist das kein Urteil, sondern bloß eine Meinung.

Auf Ihre zuletzt abgedruckte Frage gibt es also keine Antwort. Außer dieser: Praktisch alle Entscheidungsträger glauben, nahezu ausschließlich rational und richtig zu handeln. Was nicht alle Bewerber so sehen. Die aber sind ihrerseits fest davon überzeugt, sich rational und richtig … Was wiederum die Bewerbungsempfänger nicht … Verstehen Sie, warum ich finde, beide Seiten seien einander würdig?

Kurzantwort:

Alle betrieblichen Entscheidungsträger glauben, in Personalfragen, insbesondere bei Einstellentscheidungen, ausschließlich rational, logisch und richtig zu handeln – und es gibt keinen offiziellen Maßstab, nach dem man ihnen das Gegenteil beweisen könnte.

Frage-Nr.: 2574
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-08-22

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