Heiko Mell

Bleiben mir nur die Überlasser?

Vielen herzlichen Dank für Ihre lesenswerte wöchentliche Karriereberatung, die mir seit Jahren mein (Arbeits-)Leben schwerer macht als notwendig.

Nach einem nur „guten“ TU-Abschluss habe ich den Berufsstart in einem mittelständischen Unternehmen gewagt. Es gab immer wieder mal interessante Projekte, und mit Kollegen und Vorgesetzten stimmte die Chemie. Trotzdem bin ich mit dem Unternehmen nie ganz warm geworden, weil mir die Perspektive für eine Weiterentwicklung fehlte.

Nach den Mell´schen fünf Jahren, die nun bald enden, möchte ich auf jeden Fall wechseln, am liebsten in ein größeres Unternehmen (das wäre aber die einzige Verletzung der Mell´schen Regeln – Branche, Tätigkeit, Position etc. sollen beibehalten werden).

Nun habe ich meine ersten Bewerbungen geschrieben und Profile geschaltet – mit durchaus sehr positiven Rückmeldungen. Für einen „Traumjob“ bei einem Konzern scheint es aber nicht zu reichen – jeweils spätestens nach dem ersten Gespräch wurde meine Bewerbung nicht weiter berücksichtigt.

Bei den gleichen Konzernen erhalte ich allerdings problemlos Angebote zur Arbeitnehmerüberlassung über Dienstleister. Zu meiner Verwunderung sind die Konditionen oft sehr gut – dennoch habe ich trotz interessanter Projekte bislang alle Angebote abgelehnt, um den „Schandfleck“ Dienstleister im Lebenslauf zu vermeiden.

Muss ich hier vielleicht meine Einstellung ändern? Ist es inzwischen üblich, auf diesem Weg in einen Konzern einzusteigen? Wie sieht der Dienstleister im Lebenslauf aus, wenn die Anstellung im Konzern aus politischen oder gesamtwirtschaftlichen Gründen nicht möglich ist?

Antwort:

Ich fürchte, ich muss Ihnen (siehe Ende Ihres ersten Satzes) Ihr Leben noch deutlich schwerer machen als befürchtet. Gehen wir der Reihe nach vor:

1. Sie können einen „guten“ TU-Abschluss „nur gut“ nennen, aber das ist nicht gerechtfertigt. Mit einer „2“ könnte man promovieren und/oder Vorstand werden, eine Einschränkung ist nicht angebracht. Sehr oft haben „sehr gute“ Absolventen später mehr Probleme als „gute“.

2. Gegen den Einstieg bei mittelständischen Unternehmen nach dem Studium spricht nichts – außer man hat vor, irgendwann in einen Konzern zu wechseln. Das ist dann nicht unmöglich, aber schwer – Sie erleben es gerade.

Die Regel lautet: Externe Wechsel bei ähnlicher Unternehmensgröße sind problemlos, solche von „oben“ nach „unten“ sind sehr gern gesehen – solche von „unten“ nach „oben“ sind schwer. Das alles gilt bei Dienstzeiten bis zu etwa zehn Jahren beim heutigen Arbeitgeber.

Das Prinzip: Große Arbeitgeber „imponieren“ kleineren, es wird unterstellt, dass der Konzern die modernsten Methoden anwendet – und die härtesten Einstellbedingungen hat. Umgekehrt sagt der große Arbeitgeber, der Bewerber vom deutlich kleineren kenne die speziellen Methoden nicht, nach denen Konzerne funktionieren.

3. Am besten macht man erst gar keine Fehler. Falls doch, korrigiert man sie – dann aber so früh wie möglich.

Sie zitieren meine aus der Praxis abgeleitete Grundregel mit den fünf Jahren pro Arbeitgeber generell richtig. Aber: Ganz speziell für junge Einsteiger nach dem Studium heißt es immer: „In der ersten Position werden problemlos zwei Dienstjahre akzeptiert“ (stand beispielsweise in den 387. „Notizen aus der Praxis“ unter „“Karrierecheck Nr. 8“).

Ich habe oft große Mühe, die jungen Anfänger dazu zu bringen, wenigstens jene zwei Jahre bis zum ersten Wechsel durchzuhalten. Sie jedoch, der Sie eigentlich dringend einen Einstiegsfehler korrigieren müssten, warten doppelt so lange wie erforderlich gewesen wäre.

4. Nun wird es interessant: Sie hatten offenbar hinreichend viele Einladungen potenzieller (Wunsch-)Arbeitgeber, aber nach dem ersten Gespräch gab es Absagen.

Dabei gilt nun: Die Fakten Ihres Werdeganges (Alter, Ausbildung, bisherige Berufspraxis, Details zu bisherigen Arbeitgebern und Tätigkeiten) können Sie beim Erhalt einer Einladung eigentlich(!) als vom Bewerbungsempfänger akzeptiert abhaken. Wenn da nicht „eigentlich“ stünde …

Erste mögliche Einschränkung: Sie machen keine vernünftigen Angaben zum derzeitigen Arbeitgeber. Im vorliegenden Fall des beabsichtigen „Größensprungs in die falsche Richtung“ würde das heißen: Sie geben als Arbeitgeber „Schulze & Co. GmbH“ an – damit hat es sich, Sie liefern nicht die empfohlenen Zahlen zu Branche, Mitarbeiter, Umsatz. Bei der oft unter Zeitdruck erfolgenden Durchsicht der Bewerbungen übersieht der Leser dieses mögliche Problem, hält Schulze & Co. für ein großes Unternehmen („sonst hätte der Mann sich doch bestimmt nicht bei uns beworben“) – und ist enttäuscht (oder fühlt sich getäuscht), wenn er im Gespräch mit Ihnen die Wahrheit erfährt.

Zweite mögliche Einschränkung: Ein vergleichbarer Effekt droht, wenn Sie auch zu den Details der Produkte und Ihrer Tätigkeit keine vernünftigen Angaben in der Bewerbung machen. Auch dann könnte ein gutgläubiger, gestresster Leser unterstellen, Sie lägen vermutlich auf seiner Linie – warum hätten Sie sich sonst beworben?

5. Jetzt eine zentrale Aussage: Wenn Ihre schriftliche Bewerbung hinreichend viele Einladungen zu Gesprächen nach sich zieht, es danach aber praktisch niemals Vertragsangebote, sondern nur Absagen gibt, dann halten Sie, hält Ihr persönliches Auftreten nicht, was Ihre Unterlagen versprachen.

Der Möglichkeiten, den potenziellen neuen Arbeitgeber zu enttäuschen, sind viele:

– der erste Eindruck ist schlecht oder schreckt ab (Aussehen, Auftreten, Kleidung, Haar-/Barttracht, Geruch, Händedruck, die ersten Worte, die Sprache etc.);

– im Verlauf des Gesprächs kann sich herausstellen, dass Sie wichtige fachliche Anforderungen nicht ausreichend erfüllen;

– im Verlauf des Gesprächs kann sich herausstellen, dass der Gesprächspartner mit bestimmten Aspekten Ihrer Persönlichkeit unzufrieden ist (wie Sie über frühere oder heutige Chefs bzw. Arbeitgeber sprechen, welche Motive Sie für bestimmte Schritte anführen, was Sie auf die Frage nach Zielsetzungen/Erwartungen äußern, ob Sie mundfaul sind oder als Schwätzer auffallen, ob Sie dem künftigen Chef hinreichend Respekt entgegenbringen und ob Ihr ganzer Persönlichkeitstyp zu dem Zielunternehmen passt. Ganz einfach gilt sogar: Wenn der potenzielle neue Chef Sie als unsympathisch einschätzt, stellt er Sie nicht ein).

Man kann übrigens nicht pauschal sagen, Sie machten dann etwas „falsch“ im Vorstellungsgespräch. Wenn Sie sich so geben wie Sie sind und die „andere Seite“ herausfindet, dass Sie dort nicht hinpassen, dann ist das doch gut! Eine arbeitgeberseitige Kündigung am Ende der Probezeit wäre viel schlimmer.

6. Nun zum Punkt „möglicher Einsatz bei Konzernen, die mich nicht einstellen wollen, auf dem Umweg über Arbeitnehmerüberlassungs-Firmen“:

a) Nur zur Sicherheit: Ihre Absagen durch Konzerne und die Angebote von Arbeitnehmerüberlassern, Sie genau dort einzusetzen, haben nichts miteinander zu tun! Nicht dass noch jemand die „Verschwörungstheorie“ aufstellt, die Konzerne würden nach Vorstellungsgesprächen bewusst Absagen erteilen, um die Bewerber auf diese Weise in die Arme der Arbeitnehmerüberlasser zu treiben.

Nein, der jeweilige Konzern hat nach Kennenlernen Ihrer Person erklärt: Diesen Mann wollen wir nicht. Gleichzeitig hat er Arbeitnehmerüberlasser gebeten, soundso viele Mitarbeiter mit definierter Qualifikation für einen begrenzten Einsatz zu schicken.

Diesen grob definierten Anforderungen genügen Sie – so wie Sie „auf dem Papier“ ja auch den grundsätzlichen Anforderungen der Konzerne genügt haben. Vielleicht legt der Arbeitnehmerüberlasser im Gespräch weniger strenge Maßstäbe an, vielleicht weiß er auch nicht so genau, wer auf Dauer in den Konzern passt (vielleicht geht es bei der Überlassung auch darum gar nicht).

Dann müssen wir noch Ihren Begriff „Schandfleck“ vom Tisch nehmen: Die großen Unternehmen – eine bedeutende Marktmacht – wollen „überlassene“ Arbeitnehmer, die nicht auf ihrer Gehaltsliste stehen und problemarm wieder nach Hause geschickt werden können. Es haben sich zahlreiche, z. T. recht große Unternehmen im Arbeitnehmerüberlassungsgeschäft erfolgreich etabliert. Und es finden sich viele Arbeitnehmer bereit, beim Überlasser einen Vertrag zu unterschreiben. Damit handelt es sich um eine gängige Praxis. Man kann dazu stehen wie man will, aber „Schandfleck im Lebenslauf“ ist eine solche Beschäftigung nicht.

Über jene Gründe, die Arbeitnehmer zu einem solchen Engagement bewegen, kann ich nur spekulieren. Ich vermute drei wesentliche:

– man findet jetzt oder überhaupt keine anderweitige Anstellung (für diese Gruppe ist die Anstellung ein Segen);

– man schätzt die Besonderheit, öfter einmal bei anderen Firmen eingesetzt zu werden, eine neue Umgebung zu sehen und fachlich neue Anregungen zu bekommen;

– man will unbedingt beim Konzern XY arbeiten, findet aber dort keine Anstellung; man hofft, bei XY schließlich doch in ein direktes Vertragsverhältnis übernommen zu werden (was sich keinesfalls immer erfüllt!).

Vielleicht wäre es „erklärungsbedürftig“, wenn ein Top-Akademiker mit ausgeprägten Karriereambitionen bei seinem Konzern-Arbeitgeber selbst kündigt, um zu einem Arbeitnehmerüberlasser zu wechseln; aber direkte Schimpfworte oder ähnliche Herabsetzungen sollten wir hier vermeiden. Die Arbeitnehmerüberlassung erfüllt eine volkswirtschaftliche Aufgabe. Ob sie für den einzelnen Arbeitnehmer infrage kommt, muss der selbst entscheiden. Er darf natürlich auch sagen: Mich verleiht niemand, entweder der XY-Konzern stellt mich ein oder er muss ohne mich auskommen.

Und zu Ihrer Abschlussfrage: Der überlassene Arbeitnehmer könnte nicht nur aus konjunkturellen oder sonstigen wirtschaftlichen Gründen nicht vom Konzern übernommen werden, sondern auch, weil er „gewogen und zu leicht befunden“ wurde (er hätte dann den Test, den das auch darstellen könnte, nicht überstanden). Lassen Sie sich aber niemals einreden, es ginge nur um eine Art verkappter Probezeit, die anschließende Übernahme sei reine Formsache. Die großangelegte Arbeitnehmerüberlassung ist nicht „erfunden“ worden, um eine Formsache abzuwickeln – der Kunde will vorrangig schnell und schmerzlos seine personelle Kapazität sich verändernden wirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen (nach unten!).

Was Sie nun tun sollen?Die Konzerne haben Sie in Vorstellungsgesprächen kennengelernt und kamen zum Ergebnis, Sie passten dort nicht hin. So etwas gibt es, akzeptieren Sie das. Unter diesen Umständen bringt der Einsatz über einen Arbeitnehmerüberlasser in einem Konzern auch nichts. Suchen Sie sich einen größeren, verantwortungsvolleren Job als heute – bei einem anderen Mittelständler.

Kurzantwort:

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1. Ein mit Arbeitgeberwechseln verbundener Berufsweg lässt sich wesentlich einfacher realisieren, wenn man jeweils in ein gleich großes oder kleineres Unternehmen wechselt.

2. Wenn mehrfach Wunscharbeitgeber nach Kenntnis der Bewerbungsunterlagen Einladungen aussprechen, danach aber Absagen erteilen, dürften die Gründe dafür in der Persönlichkeit des Bewerbers bzw. in seinem Verhalten im Vorstellungsgespräch liegen.

Frage-Nr.: 2552
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-04-05

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