Heiko Mell

Kann ich zu viel?

Zurzeit stehe ich in einem zähflüssigen Bewerbungsprozess aus einer einem Studienabgänger ähnlichen Situation. Als langjähriger Benutzer zahlreicher CAE-Berechnungsprogramme bin ich momentan erfolglos auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Denken Sie, dass ich mir mit meinen Softwarekenntnissen selbst im Wege stehe?

Antwort:

Bei Bedarf bin ich jederzeit gern bereit, auch einmal das Genie zu spielen. Hier allerdings stößt selbst ein solches an seine Grenzen. Denn, liebe Leser, mehr ist nicht. Kein Lebenslauf, keine Musterbewerbung, keine Formulierungsbeispiele aus Anschreiben, nichts. Da wäre selbst ein Alleskönner mit einer Antwort überfordert.Aber zwei ziemlich sichere Teilantworten sind dennoch möglich:

a) Wenn Sie den Bewerbungsempfänger jeweils so behandeln und „informationsmäßig“ so abspeisen wie hier mich, dann stehen Sie sich selbst im Wege. Sie haben doch irgendetwas studiert. Da sollte man lernen, Informationen so aufzubereiten, dass der Empfänger etwas damit anfangen kann.

b) Grundsätzlich schaden Kenntnisse nie, gleich welcher Art sie sind. Schaden kann jedoch der Umgang damit.

Sehen Sie, ich habe kürzlich als Geburtstagsgeschenk für eine Freundin den Osterspaziergang aus Goethes Faust auswendig gelernt und auf der Feier vorgetragen (das Lernen war übrigens in meinem Alter eine unerwartet harte Quälerei). Diese Kenntnisse, die ich da nun über das übliche Maß hinaus habe, schaden mir bei eventuellen Bewerbungen grundsätzlich überhaupt nicht. Auch wenn ich den ganzen Faust auswendig dahersagen könnte, wäre das bei keiner Bewerbung in irgendeiner Weise schädlich.

Was ich da kann (oder können würde), weiß ja erst einmal niemand. Und was der Bewerbungsempfänger nicht weiß, macht ihn nicht heiß.Erst wenn ich mein Anschreiben etwa so eröffne, ist mit Ablehnung zu rechnen:“… bewerbe ich mich um die Position des Geschäftsführers Personal. Ich kann Goethes Faust komplett auswendig aufsagen. Außerdem habe ich noch Erfahrungen in …“

Also: Ihre Kenntnisse, welche das auch immer sind, stehen einem Bewerbungserfolg erst dann im Wege, wenn Sie sie unangemessen breitwalzen und unnötig aufdringlich präsentieren. Niemand muss alles aufzählen, was er kann (das möge der Himmel verhüten). Wenn Sie dreizehn CAE-Programme beherrschen, dann versuchen Sie doch einmal, nur jene drei davon zu erwähnen, die in der Anzeige genannt worden waren (gilt für Anschreiben und Lebenslauf gleichermaßen).

Sie haben einfach eine für Außenstehende schwer nachvollziehbare Schwäche in der Informationsübermittlung. Dabei wird gerade von einem Ingenieur nicht mehr verlangt als logisches Denken, sachliche Darstellung und empfängerorientierte Auswahl und Aufbereitung. Niemand verlangt brillante Formulierungen, intelligente Schachtelsätze oder kreative Darstellungen, die den Leiter einer Marketingabteilung geschmückt hätten.

Kurzantwort:

Zu viele (fachlich relevante) Kenntnisse schaden bei Bewerbungen überhaupt nicht, solange man sie bloß hat. Erst wenn man sie unnötig breit oder gar penetrant darstellt, kann man damit „auflaufen“.

Frage-Nr.: 2549
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-03-22

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