Gibt es Fallstricke?

Gibt es Fallstricke, die man als Bewerber schon im Vorstellungsgespräch erkennen sollte?

Antwort:

Es gibt mehrere Antworten darauf. Beginnen wir mit einer einfachen:Nein, denn ein „Fallstrick“ ist ein mit einiger Bosheit gespannter „Strick“, der den anderen Beteiligten ins Verderben führt oder mit dessen Hilfe jemand hereingelegt werden soll. Das, darauf muss ich immer wieder hinweisen, gibt es in der Regel bei Vorstellungsgesprächen nicht. „In der Regel“ meint, wenn in soliden, nicht allzu kleinen Unternehmen die Gespräche von den üblichen Fachleuten geführt werden.Diese Gesprächspartner (HR-Vertreter oder die „Fachvorgesetzten“, also die späteren Chefs) haben ein Problem: Sie brauchen dringend einen weiteren Mitarbeiter. Mit diesem Ziel vor Augen haben sie (gegen „teures Geld“) inseriert, haben sie sich mühsam durch 48 Bewerbungen gekämpft, haben bei dreizehn davon im Vorfeld noch offen gebliebene Fragen geklärt und nun acht zum Einzelgespräch gebeten. Meist sind Arbeitgebervertreter dabei zu zweit. Neben einer sicherheitshalber mit zwei Stunden pro Bewerber anzusetzenden Gesprächszeit ist noch etwas Vor- und Nachbearbeitungszeit einzuplanen, so dass sich allein für diese erste Vorstellungsrunde ein Aufwand von etwa zwanzig (Manager-)Stunden ergibt. Für den sie ihrem Arbeitgeber Rechenschaft schuldig sind. Soweit die Fakten, die nicht vom Tisch zu wischen sind.Daraus ergibt sich, dass die Arbeitgebervertreter in diesem Gespräch, wenn der Kandidat den Raum betritt, nur einen Wunsch haben: Möge er gut sein, am besten sehr gut! Nur dann haben sie eine Chance, ihr Problem zu lösen, dann erst hat sich ihr Aufwand gelohnt.Zu dieser „heißen Hoffnung“ auf Arbeitgeberseite passen keine Fallstricke. Der HR-Vertreter und der künftige Chef haben nichts davon, wenn sie den Bewerber hereinlegen. Sie wären nach einem solchen Schritt ihrem Ziel keinen Schritt näher. Und: Sie wollen am Schluss zwischen drei sehr überzeugend aufgetretenen Kandidaten wählen können – nicht etwa sich die Haare raufen, weil alle acht über etwaige Fallstricke gestolpert sind.Selbstverständlich fragen sie auch einmal etwas „bohrend“ nach oder „hacken“ sie auf einem Thema herum – aber nur, wenn der Lebenslauf oder die Darstellung des Kandidaten Anlass dazu geben und weil sie einmal sehen wollen, wie der Bewerber auf schwierige Fragen oder in Stresssituationen reagiert. Aber stets in der Hoffnung, er möge auch in dieser Lage überzeugen.Daher ein Nein auf Ihre Frage, soweit absichtlich durch Arbeitgebervertreter gelegte Fallstricke angesprochen sind.Ich hatte mehrere Antworten versprochen. Die nächste lautet: Ja, denn „gern genommen“ wird das eigenhändige Aufstellen dieser Fallen durch den Bewerber selbst. „Warum wollen Sie jetzt von Ihrem Arbeitgeber weggehen?“, das ist eine übliche, absolut legitime Frage mit einem ganz simplen Hintergrund: Der Bewerbungsempfänger möchte das gern wissen. Was der Kandidat daraufhin sagt, kann sehr aufschlussreich sein, z. B.: „Ich bin am Aufstieg interessiert. Man hatte bei uns eine entsprechende Position zu besetzen, hat aber nicht mich befördert, sondern meinen Kollegen.“Das ist eine perfekte Lösung des Problems „Liefere eine überzeugende Begründung für deinen Wechselwunsch“; diese hier überzeugt jeden. Abgesehen davon aber hat der Kandidat einen extrem gefährlichen Fallstrick selbst ausgelegt, über den er gleich sehr eindrucksvoll stolpern wird: Der heutige Arbeitgeber, der diesen Bewerber sehr genau kennt, hat bewusst ihn nicht befördert – er wird seine Gründe gehabt haben. Dann will auch der Bewerbungsempfänger ihn nicht einstellen, keine Frage.Oder der Bewerber hat ein schwächeres Arbeitgeberzeugnis vorgelegt. Darauf angesprochen, erklärt er, es hätte zum Schluss Differenzen mit dem Chef gegeben, dieser hätte die falschen Ziele verfolgt und dann auch noch rachsüchtig dieses Zeugnis formuliert. Auch das ist eine perfekte Antwort auf die Frage nach den Ursachen für das schlechte Dokument. Aber auch hier hat der Bewerber einen sehr gefährlichen Fallstrick gelegt, der ihm – symbolisch – das Genick brechen wird: Er hält sich für klüger als seinen damaligen Chef und gibt „Differenzen mit einem Vorgesetzten“ zu – damit ist er genau der Typ, um den Arbeitgeber einen Bogen machen.Man könnte diese beiden Beispiele unter „Fallstricke, gelegt aus aktiver Dummheit des Bewerbers“ einordnen. Zweiflern sei gesagt, dass diese Fälle absolut realistisch und dem täglichen Leben entnommen sind.Aber es gibt, ebenso realistisch, auch noch selbst gelegte Fallstricke aus einer Art „passiver Dummheit“ heraus. Da bewirbt sich jemand um die Position eines Entwicklungsingenieurs. In der Anzeige steht deutlich, es sei eine „Position mit Perspektiven“, in überschaubarer Zeit stehe die Altersnachfolge des Abteilungsleiters an, der jetzt gesuchte Ingenieur mit der umrissenen speziellen Qualifikation habe die klare Chance, bei Bewährung entsprechend aufzusteigen. Im Gespräch steht zunächst die geforderte fachliche Qualifikation im Mittelpunkt – alles bestens. Dann ganz am Schluss fragt jemand nach der beruflichen Langfristzielsetzung. Fachlich anspruchsvoll arbeiten wolle er, sagt der Kandidat, führen lieber nicht. Ende der Bewerbungsaktion und der Geschichte. Ob der selbst gespannte Fallstrick schon in der Bewerbung um die falsche Position oder erst in einer „hier und jetzt“ unpassenden Antwort bestand, ist offen. Aber so hat der Kandidat sich selbst hereingelegt.Und bevor mir jemand schreibt, die armen Bewerber in meinen Beispielen hätten doch alle jeweils nur die Wahrheit gesagt und was denn daran so verwerflich wäre:Der Bewerber agiert in einer Marktwirtschaft und befindet sich in einer Verkaufssituation. Schließlich will er seine Arbeitskraft „verkaufen“, der Preis ist das Gehalt. Und nun stellen Sie sich einen jungen Akademiker vor, der sich für eine Laufbahn im Vertrieb mit täglichem Kundenkontakt qualifizieren will. Da fragt ihn der Arbeitgebervertreter, was er denn glaube, wodurch ein guter Verkäufer sich auszeichne. Und jetzt sagt dieser Kandidat: „Ein guter Verkäufer sagt im Verkaufsgespräch immer nur die Wahrheit.“Jetzt besteht die Gefahr, dass der Arbeitgebervertreter sich totlacht. Natürlich ist auch nicht das Gegenteil richtig, aber ein taktisch geschickter, geschmeidiger und durchdachter Umgang mit der Wahrheit ist in jedem Fall ratsam. Oder anders: Zwischen der reinen Wahrheit und der brutalen Lüge existiert ein großes Feld unterschiedlich schattierter Grautöne. In diesem bewegen wir uns im Standard-Tagesgeschäft. Und zwar alle, besonders wenn wir uns bewerben.

Kurzantwort:

1. Im Vorstellungsgespräch hoffen Bewerber und Arbeitgebervertreter gleichermaßen, der Kandidat möge „gut“ sein und für eine Anstellung infrage kommen.

2. Wenn es im Vorstellungsgespräch „Fallstricke“ gibt, dann legt sie in der Regel der Bewerber selbst aus.
Frage-Nr.: 2539
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-02-02

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