Heiko Mell

Fragt der Bewerbungsempfänger den alten Arbeitgeber?

Ich bin 52, war als Fertigungsleiter tätig, bin derzeit arbeitslos.

Ist die Nachfrage eines potenziellen neuen Arbeitgebers beim alten Arbeitgeber denkbar oder üblich? Wie ist die Vorgehensweise bei Personalberatungsfirmen?

Antwort:

Wir müssen hier strikt trennen zwischen den beiden Gegebenheiten „Bewerber steht im ungekündigten Arbeitsverhältnis“ und „Bewerber ist arbeitslos“.

a) ungekündigt: Der Bewerber hat ein großes, verständliches Interesse daran, dass sein heutiger Arbeitgeber nichts von seinen Bewerbungen erfährt. Dieses Interesse ist allgemein anerkannt. Hinzu kommt: Es ist ja nicht sicher, dass der Bewerber wirklich wechseln will. Vielleicht testet er ja nur seinen Marktwert.

Der Bewerber hätte in jedem Fall große Nachteile zu befürchten, erführe sein Arbeitgeber von der Bewerbung (in manchen Firmen ist eine Kündigung „Hochverrat“, die Bewerbung gilt als Vorbereitung dazu).Kein Bewerbungsempfänger, ob Personalabteilung oder -berater, darf bei diesen Gegebenheiten den heutigen Arbeitgeber anrufen und damit die Information weitergeben: „Ihr Mitarbeiter bewirbt sich.“Im Regelfall kann man damit rechnen, dass alle Bewerbungsempfänger verantwortungsvoll mit der Situation umgehen und nicht anrufen.

Diese Sicherheit, es werde in der Hinsicht nichts „passieren“, steigt mit der räumlichen und sachlichen Entfernung des potenziellen neuen Arbeitgebers vom alten. Ein paar hundert Kilometer dazwischen, eine etwas andere Branche – und die Sicherheit, dass der heutige Arbeitgeber nicht angerufen wird, beträgt (fast) 100%.

Etwas kritischer ist es bei abgeschiedener regionaler Lage (großstadtferne Provinz) und großer räumlicher Nähe zwischen Bewerbungsempfänger und heutigem Arbeitgeber: Inhaber, Geschäftsführer, Personalleiter kennen sich, man spielt Golf oder Tennis miteinander, die Ehepartner pflegen Kontakte, die Kinder besuchen dieselbe Schule. Hier gibt es immer wieder einmal die Versuchung, vorhandene Informationskanäle zu nutzen – die Sicherheit der Geheimhaltung beträgt weniger als 100%.

Hintergrund: Jeder Bewerbungsempfänger fürchtet, er könne mit diesem Bewerber eine „Pflaume“ einstellen. Schlechte Leistungen, Aufsässigkeit, notorische Faulheit, viele Krankmeldungen und – bei Führungskräften – fehlende Managementqualitäten stehen dabei an der Spitze der Skala. Wer den alten Arbeitgeber kennt, könnte daher versucht sein, die Hemmschwelle zu überwinden.

b) arbeitslos (der Begriff „arbeitssuchend“ gefällt mir wegen mangelnder Klarheit nicht, denn auch der ungekündigte Bewerber sucht eine Arbeit, wenn auch „nur“ eine andere): Der Bewerber hat kein entsprechendes Schutzbedürfnis mehr, er ist bereits „draußen“.

Auch in diesem Fall dämpfen räumliche und sachliche Entfernung zwischen beiden Arbeitgebern die „Gefahr“ eines Anrufs, aber gerechnet werden muss damit, wenn auch nicht zu 100%. Wenn die Unterlagen des Bewerbers auch nur den geringsten Zweifel aufkommen lassen, dass beim alten Arbeitgeber alles in bester Ordnung war, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Nachfrage.

Achtung: Bewerbungs-Misserfolge müssen keineswegs auf ungünstigen Aussagen Ihres alten Arbeitgebers beruhen. Allein die Kombination von 52 Jahren und Arbeitslosigkeit reduziert Ihre Chancen, auch wenn alles andere in Ordnung ist.

Kurzantwort:

Der ungekündigte Bewerber hat einen allseits respektierten Anspruch auf vertrauliche Behandlung seiner Bewerbung gegenüber seinem heutigen Arbeitgeber; der arbeitslose Bewerber hat den nicht, er muss mit Nachfragen beim „alten“ Arbeitgeber rechnen.

Frage-Nr.: 2529
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-12-16

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