Ist Qualifikation in Zentimetern messbar?

Als Ingenieur des zweiten Bildungsweges bin ich jetzt schon sehr viele Jahre als …leiter eines mittelständischen Unternehmens tätig. Eine Kündigung arbeitgeberseits ist nicht zu befürchten. Allerdings gibt es in der Inhaberfamilie keinen Hinweis auf eine Nachfolgeregelung. In verschiedenen Betrieben mit ähnlichen Gegebenheiten ist es plötzlich zu Betriebsverkäufen gekommen. Damit verbunden war immer auch eine drastische Veränderung der Personalstruktur. Ähnliches befürchte ich nun auch in unserem Betrieb.Um auf diesen Fall vorbereitet zu sein, hatte ich mich bereits zweimal beworben (eine Bewerbung führte bis zum Vorstellungsgespräch, scheiterte aber am Gehalt). Die zweite Bewerbung (Absage) füge ich bei. Kürzlich bekam ich auf eine erneute Bewerbung vier Wochen später eine Absage. Ich war schon etwas enttäuscht, hatte ich doch zumindest die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch erwartet.Der Suchende hatte in seiner Anzeige durch Angabe seiner Mobil-Nummer die Möglichkeit gegeben, ihn auch persönlich anrufen zu können. Das habe ich aber nicht getan. Hatte er den Anruf erwartet und mein Verhalten zum Ausschlusskriterium gemacht?

Antwort:

Am besten fange ich ganz harmlos an und beantworte erst einmal Ihre Schlussfrage: Nein, diese Art der „Bestrafung“ für das Nichtanrufen bei angegebener Telefonnummer ist grundsätzlich nicht üblich. Generell ist die Angabe einer solchen Nummer ein Zugeständnis an Bewerber. Falls diese noch Fragen haben, können(!) sie jemanden anrufen. Damit will man möglichen Bewerbern, die irgendwelche Zweifel haben, die Gelegenheit geben, sich überzeugen zu lassen. Die Telefonnummer ist also ein Serviceangebot für Interessenten.Die spontane Ablehnung einer solchen Zuschrift, wie Sie sie erlebt haben, hat meist Gründe, die im Bereich klarer Fakten und sachlicher Gegebenheiten liegen – oder sie geht auf eklatante Fehler zurück, die man bei den Formulierungen gemacht hat. Zum Glück haben wir ja ein Bewerbungsbeispiel von Ihnen vorliegen:1. Der Kern einer Bewerbung ist der Lebenslauf. Er muss überzeugen. Der Profi liest Anschreiben und Zeugnisse oft nur noch dann, wenn dieses Kerndokument ihn dazu anregt.2. Ihr Lebenslauf umfasst genau eine Seite. Das ist für Alter, Berufspraxis, Bedeutung der Position (Manager der 2. Führungsebene) überraschend wenig.3. Dass Sie Vorname, Alter und Beruf der Ehefrau angeben, ist überflüssig.4. Sie sind fast 50. Das ist auf dem Arbeitsmarkt ein Problem. Bei Führungskräften ist es geringer als bei Sachbearbeitern, aber ein Warnsignal für den Leser ist es fast immer.Vor allem sei man mit 50 vorsichtig bei Neuland, das man als Bewerber betreten möchte. Das gilt für Firmentyp und -größe, Tätigkeit, Branche, Hierarchieebene. Das Grundprinzip: Der Kandidat von 35 verkauft seine schon vorhandene Erfahrung + sein Potenzial für „mehr + größer“, der Bewerber von 50 verkauft, was er schon kann und gemacht hat.5. Was dann kommt, habe ich in über 40 Beraterjahren noch nicht gesehen: Sie listen Ihre Kinder auf, alle schön untereinander mit Name, Alter und Beruf einschließlich einer jüngeren Tochter, die noch Lehrling ist und alleinerziehende Mutter, denn auch deren Kind taucht auf. Diese Information verbraucht auf dem einseitigen Lebenslauf ca. 40 mm Höhe. Das ist für sich allein gesehen irgendwie noch harmlos, auch wenn es niemanden interessiert und es nichts mit Ihrer Qualifikation zu tun hat. Aber: Der „harte Kern“ des Dokuments, nämlich die gesamte berufliche Praxis, besteht aus zwei Zeilen, nimmt etwa 12 mm Höhe ein und sagt- nichts über die Größe des einzigen Arbeitgebers und/oder Ihres Zuständigkeitsbereichs,- nichts über Branche und Tätigkeitsbereich des Unternehmens, Sie nennen nur den Namen und den Dienstsitz der Firma, Schluss.Das Verhältnis beider Informationsmengen (Kinder und Berufstätigkeit) zueinander ist eine glatte Katastrophe.Wer also als Bewerbungsempfänger schnell die Lebensläufe überfliegt, um so die Spreu (80 – 90%) vom Weizen (der kleine Rest) zu trennen, legt Ihre Unterlagen schnell als uninteressant bis merkwürdig zur Seite. Schauen Sie sich auf der Homepage meines Unternehmens den dort frei zugänglichen Musterlebenslauf an.6. Ihr Anschreiben ist eine deutlich bessere Problemlösung – schade, wenn es nach dem Kopfschütteln über den Lebenslauf gar nicht mehr gelesen werden würde. Man erfährt genug über Arbeitgeber und Tätigkeit.Schwachstellen: Sie wollen wechseln, weil Sie „mittel- und längerfristig bei meinem jetzigen Arbeitgeber keine neue Herausforderung“ sehen. Das überzeugt in Ihrem Alter nicht mehr – und da Sie seit Studienende ständig den heutigen Job beim heutigen Unternehmen ausüben, ist das mehrfach unbefriedigend (man entdeckt nicht nach fünfzehn Jahren im selben Job, dass man dort vor keinen neuen Herausforderungen steht). Die Wahrheit wäre einfacher gewesen, etwa so: „In unserem inhabergeführten Unternehmen gibt es keine für mich erkennbare Nachfolgeregelung auf Gesellschafterseite. Daher suche ich eine neue Herausforderung. Mir ist bewusst, dass es Vorbehalte wegen meiner eventuellen einseitigen Prägung durch eine sehr lange Dienstzeit geben könnte. Bitte gehen Sie davon aus, dass ich darauf vorbereitet bin, mich in eine neue Umgebung einzufügen und mich dort anzupassen. Darüber hinaus bin ich sicher, eine Reihe interessanter Erfahrungen und wertvolles Fachwissen mitzubringen.“Und dann tauchen auch im Anschreiben wieder Ihre aus dem Lebenslauf bekannten Kinder auf, jedenfalls die ersten drei. Sie begründen, wie stolz Sie auf Ihren Studienerfolg trotz des schon damals vorhandenen Nachwuchses sind.Bei der sehr langen Kündigungsfrist, die abschreckend wirkt, hätten Sie Optimismus verbreiten sollen, etwa so: „… Monate zum …, ich gehe jedoch von der Möglichkeit eines früheren Eintritts nach Absprache mit meinem Chef aus.“ Schlimmstenfalls haben Sie sich geirrt, Sie haben ja nichts versprochen.7. Bleibt als Kernproblem Ihre heutige A-Leitung und die als B-Leitung ausgeschriebene Position. Sie sind sich ähnlich (wie etwa Fertigung und Instandhaltung), deckungsgleich sind sie nicht. In Ihrem Alter und bei der langjährigen Prägung durch eine immer gleiche Position ist Flexibilität nicht Ihr stärkster Trumpf. Und „B“ kommt in Ihrem Lebenslauf und in Ihrem Anschreiben nicht ein einziges Mal vor. Bewerben Sie sich auf „A“-Positionen – leider ist auch das Metier Ihres Unternehmens recht speziell. Daher meine ständige Mahnung: Sehen Sie zu, dass Sie Jobs ausüben, von denen es nach Art der Firma, der Tätigkeit und der Branche möglichst viele gibt.

Kurzantwort:

Erfolglosigkeit bei Bewerbungen kann mehrere Ursachen haben. Eine falsche oder eine sogar obskure Bewerbungstechnik gehört dazu.
Frage-Nr.: 2514
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-10-21

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