Heiko Mell

Kündigung im Bewerbungsprozess

Mir wurde aus betrieblichen Gründen gekündigt (3 Monate zum Quartalsende). Ich hatte mich bereits vor Aussprache der Kündigung beworben und habe jetzt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten. Mein Bewerbungsanschreiben enthielt logischerweise noch keine Information zum Thema Kündigung. Soll ich die betriebsbedingte Kündigung direkt im ersten Vorstellungsgespräch erwähnen oder ist es besser, erst einmal nichts dazu zu sagen? Soll ich warten, bis ich gefragt werde („Hat sich an Ihrer Situation etwas geändert?“)?

Ich tendiere dazu, das alles schon im ersten Vorstellungsgespräch auf den Tisch zu legen. Wohl wissend, dass ich dann – praktisch gesehen – kaum mehr eine Chance habe, den Job zu bekommen. Für alle künftigen Bewerbungen gilt doch, dass ich meine jetzige Situation (Kündigung) schon im Anschreiben erwähnen muss, oder? Ich frage danach, weil mein Betreuer bei der Agentur für Arbeit dies verneint hat.

Antwort:

Bei der Absendung Ihrer Bewerbung haben Sie sich korrekt verhalten. Optimal wäre es in solchen Fällen, schon auf die später zu erläuternden „betrieblichen Gründe“ in allgemeiner Form hinzuweisen:

„Im Unternehmen stehen z. T. gravierende Umstrukturierungen an, von denen vermutlich auch mein Arbeitsplatz betroffen sein wird. Daher suche ich eine neue Herausforderung. An der von Ihnen ausgeschriebenen Position reizen mich insbesondere … und …“ Damit wären zwei Vorteile für Sie verbunden:

1. Sie beantworten die Standardfrage: „Warum will der dort weg?“

2. Sie bereiten den Boden vor für eine spätere einfache Überleitung im Vorstellungsgespräch: „Wie ich Ihnen bereits geschrieben habe, standen bei uns Umstrukturierungen an. Ich hatte befürchtet, davon betroffen zu werden. Das ist inzwischen geschehen, ich habe die Kündigung aus betrieblichen Gründen zum … erhalten.“ Der erfahrene Zuhörer wird dann nur noch mit dem Kopf nicken, für ihn passt das alles zusammen (nach Gründen und Details fragt er dennoch, s. u.).

Im Vorstellungsgespräch gilt – ebenso wie bei der Formulierung der schriftlichen Bewerbung, – dass Sie unter keinen Umständen bei der Darstellung von Fakten lügen dürfen. Schon gar nicht so, dass man Ihnen das jetzt oder später nachweisen kann. Damit „überleben“ Sie in der Regel auch ein erstes Vorstellungsgespräch nicht, ohne die Kündigung offenzulegen! Denn es geht nicht nur um die banale Frage, ob sich bei Ihnen inzwischen „etwas geändert“ hat. Der Teufel steckt in ganz anderen Details. Auf folgende Standardfragen, mit denen zu rechnen ist, können Sie ohne Hinweis auf die Kündigung nicht mehr korrekt antworten:

– „Warum wollen Sie dort weg?“ Die einzig korrekte Antwort lautet: „Ich will nicht, ich muss – man hat mir gekündigt.“

– „Welche Kündigungsfrist müssen Sie einhalten?“ Die richtige Antwort lautet: „Mir wurde bereits zum … gekündigt, ein früherer Dienstantritt ist (vermutlich) möglich.“

– „Sind Sie in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis tätig?“ „Nein, man hat mir …“Da die eine oder andere Frage dieser Art mit Sicherheit droht, sprechen Sie im Gespräch am besten gleich bei der Schilderung der Details zur heutigen Position die Kündigung an – sonst warten Sie nur mit steigender Nervosität auf eine solche Frage.

Bei künftigen Bewerbungen gilt für Sie:

a) Von der erhaltenen Kündigung an dürfen Sie sich nicht mehr als „ungekündigt“ bezeichnen, nicht mehr von einer „Kündigungsfrist“ sprechen und nicht mehr formulieren, Sie bewürben sich, weil Sie sich verbessern wollten, weil Sie eine größere Herausforderung suchten o. Ä.

b) Bis etwa zwei (eventuell auch drei oder vier) Wochen vor dem letzten Beschäftigungstag gilt (völlig unerheblich ist, ob Sie freigestellt sind):Sie dürfen im Anschreiben formulieren: „Ich bin als … tätig.“ Im Lebenslauf geben Sie zum heutigen Beschäftigungsverhältnis an: „Seit XX.20XX Müller & Sohn, Entwicklungsingenieur“. Über die Kündigung müssen Sie nichts schreiben – Sie dürfen eben nur nicht lügen – und das tun Sie ja nicht.

Dann sollten Sie im Anschreiben unten etwa formulieren: „Meine Bewerbung erfolgt auch im Zusammenhang mit erheblichen Umstrukturierungen, von denen u. a. meine Position betroffen wurde.“ Das erleichtert wieder die Überleitung zum Thema „Kündigung“ im Vorstellungsgespräch. Falls jemals jemand fragt: Das Wort „auch“ bezieht sich teils auf die ärgerliche Umstrukturierung, teils auf die schon erhaltene, aber noch nicht eingestandene Kündigung und teils natürlich auf die Anzeige mit der einmalig tollen Position in der supertollen suchenden Firma. An diesen Kernsatz können Sie wieder anhängen: „An der von Ihnen ausgeschriebenen Position reizen mich insbesondere …“ Ihr Betreuer von der Agentur für Arbeit lag mit seinem Rat nach meiner Auffassung völlig richtig.

c) So etwa ab zwei (oder auch drei oder vier) Wochen vor dem letzten Beschäftigungstag ist eindeutig klar, dass Sie bei einem eventuellen Vorstellungsgespräch bereits arbeitslos sein werden – und das gewusst haben. In dieser kurzen Phase sollten Sie, ab dem ersten Tag der Arbeitslosigkeit müssen Sie in allen schriftlichen und mündlichen Äußerungen völlig klar die tatsächlichen Umstände nennen:- Anschreiben: „Ich bin noch bis … als … tätig.“ Und weiter unten: „Mir wurde aus betrieblichen Gründen zum … gekündigt.“

– Lebenslauf: „Von XX.20XX bis XX.20XX Müller & Sohn, Entwicklungsingenieur“. Bis zu sechs Monaten nach dem Ausscheiden können Sie sich Zeitangaben mit „arbeitslos“ oder „stellungssuchend“ sparen.Und dann könnten Sie gleich reuevoll zum klassischen „Lebenslauf“ in chronologischer Form zurückkehren. Bei der für modern gehaltenen „amerikanischen“ Form gäbe ja der Lebenslauf als erste Information: „Der Mann ist arbeitslos, tut derzeit gar nichts.“ In der chronologischen Form muss der Leser erst Ihre erfolgreichen beruflichen Positionen durchgehen, bevor er – am Schluss(!) – die bittere Pille schluckt. Dann aber hat er auch etwas über Ihre Erfolge gelesen.

So, das waren alles nur wichtige, irgendwie logisch aufgebaute, aber eher formale Aspekte. Der eigentliche Kern des Themas ist:

– Unterschreiben Sie keinen neuen Arbeitsvertrag, ohne dass der potenzielle neue Arbeitgeber vorher(!) alle arbeitsrechtlich relevanten Details kannte (Kündigung/Aufhebungsvertrag/Freistellung). Ein neuer Arbeitgeber, der Sie unter der Vermutung eines ungekündigten Arbeitsverhältnisses einstellt, wird sehr wütend, wenn er hinterher die Wahrheit erfährt. Das gilt auch dann, wenn er im Vorstellungsgespräch gar nicht gefragt hat und Sie also gar nicht aktiv gelogen haben. Er meint aber, Sie hätten diese wichtige Information von sich aus – auch ungefragt – geben müssen.

– Wenn sich im Bewerbungs-/Vorstellungsprozess herausstellt, dass Ihr bisheriger Arbeitgeber Sie loswerden wollte oder will, geht im Kopf des potenziellen neuen Chefs eine große Warnlampe an. Er wird misstrauisch, fragt engagiert nach Ursachen, die pauschalen „betrieblichen Gründe“ genügen ihm nicht. Er hat Angst, die Kündigung gelte Ihnen als einer nicht mehr akzeptablen Person, als unfähigem Mitarbeiter, als Mensch, der – wie auch immer – „Ärger macht“. Was er sucht, ist die überzeugende Darstellung rein sachlich-organisatorischer Gründe, die gar nichts mit Ihrer Person zu tun haben.

Kurzantwort:

1. Auch wenn der neue Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch nicht konkret gefragt hat, will er wissen, ob Ihnen bereits gekündigt wurde, ob Sie einen Aufhebungsvertrag geschlossen haben.

2. Ein Bewerber, dem bereits gekündigt wurde oder der einen Aufhebungsvertrag unterschrieben hat und dies im Vorstellungsprozess verschweigt, lügt bereits, wenn er z. B. die Frage „Warum wollen Sie dort weg“ mit „Suche nach neuer Herausforderung“ beantwortet (korrekt wäre „Ich will nicht, ich muss“).

Frage-Nr.: 2509
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-09-30

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