Heiko Mell

Nach Absage noch einmal probieren?

Ich befinde mich in fester Anstellung, fand eine Stellenausschreibung („Leiter XY“), die ich als „passend“ empfand und habe mich beworben. Die Entscheidung fiel negativ aus (Absage ohne Vorstellungsgespräch).

Nun stelle ich fest, dass diese Stelle (sogar unter identischer Kennnummer) nach etwa drei Monaten erneut ausgeschrieben wurde. Ich nehme an, die damalige „Nummer eins“ hat die Stelle nicht einmal angetreten, denn diese drei Monate dürften mindestens seiner Kündigungsfrist bei seinem bisherigen Arbeitgeber entsprechen.

a) Was ist mit den anderen (vermutlich) fünf bis zehn Bewerbern, die es ins Vorstellungsgespräch geschafft hatten? Würde man in so einem Falle, also nach so relativ kurzer Zeit, den Zweitplatzierten noch einmal ansprechen oder würde man komplett neu ausschreiben? Vermeidet man die Ansprache der schwächer Platzierten, weil es peinlich ist oder hat man die Hoffnung, wieder einen Bewerber zu finden, der besser ist als es die Nummern zwei bis zehn gewesen wären? Steht dies im Verhältnis zum Aufwand für ein Haus mit weniger als 500 Beschäftigten?

b) Ich halte mich noch immer für die ideale Besetzung dieser Stelle. Aber damals kam ich nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch. Scheine also aus der Sicht des Suchenden doch eindeutig ungeeignet zu sein. Andererseits: Zwischen meiner Bewerbung und der Absage lagen drei Wochen. Hatte man mir nur aus Höflichkeit nicht sofort abgesagt oder war ich vielleicht auf dem ersten Platz derer, die damals nicht in die engere Auswahl kamen – könnte nun jedoch in die engere Auswahl vorstoßen? Soll ich noch einen Anlauf nehmen?

Antwort:

Selbstverständlich kann niemand von außen her sagen, was in diesem Einzelfall passiert ist, dies als notwendige Vorbemerkung. Aber wenn man allgemeine Erfahrungswerte zugrunde legt, dürfte man der Lösung nahekommen. Ich halte, geehrter Einsender, das Grundmodell für falsch, auf dem alle Ihre Überlegungen aufbauen. Also will ich versuchen, dem eine etwas realistischere Betrachtung entgegenzustellen:

Um nach Vorstellungsgesprächen zehn säuberlich nach Rangfolge geordnete ernsthafte Kandidaten übrigzubehalten, müssten Sie etwa zwölf bis fünfzehn Vorstellungsgespräche führen. Etwa ein Bewerber von zehn (in Ausnahmefällen ist die Quote etwas besser) qualifiziert sich für die Einladung zu einem solchen Gespräch. Das würde ca. 120 – 150 schriftliche Bewerbungen bedingen – die bekommt ein mittelständischer Inserent heute bei speziellen Ingenieurpositionen nicht einmal annähernd.

Also vergessen Sie Ihre zehn säuberlich aufgereihten Kandidaten! Praxis ist, dass Arbeitgeber mit einigermaßen gutem Gewissen etwa drei Kandidaten im Feld der Bewerber finden, die eine Einladung rechtfertigen. Da das sehr wenige sind (von denen dann einer nie kommt, während ein anderer unerfüllbare Forderungen stellt), „quält“ man die Anzahl der Einzuladenden bewusst und gezielt auf etwa fünf bis sechs hoch – man fühlt sich dann besser.

Und nur allzu oft ist schließlich und endlich keiner dabei, den man einstellen könnte. Vielleicht war in Ihrem Fall ein Kandidat so gut, dass man ihn genommen hätte. Aber genau den – das ist ein Naturgesetz – wollten all die anderen Arbeitgeber mit entsprechenden freien Stellen in Deutschland auch. Und schließlich unterschrieb dieser begehrte „Spitzenkandidat“ woanders.

Nun also ist die Nr. 1 „gestorben“ – und schon eine ernsthaft in Frage kommende Nr. 2 gibt es fast nie, von den Nummern 3 bis 10 ganz zu schweigen. Denn: Neben der Nr. 1 sieht eine mögliche Nr. 2 fast immer „ziemlich alt“ aus. Sie, die Nr. 2, fällt halt ab, hat Nachteile. Fällt Nr. 1 aus (der Bewerber sagt ab), ist nur noch jemand verfügbar, der „deutlich schlechter“ ist als die alte Nr. 1.

Und, so denkt der potenzielle Chef, was soll ich mit einer zweitklassigen Lösung? So ist der „Zweitplatzierte“ meist ohne konkrete Chancen und eher „der Beste der Ungeeigneten“ als „Stellvertreter des Siegers“ mit Berechtigung zum Nachrücken.

Also schreibt man neu aus, sucht – und findet oft – eine neue Nr. 1, die objektiv durchaus auch schlechter sein kann als die Nr. 2 aus dem ersten Durchgang. Diese neue Nr. 1 hat jedoch nie gleichzeitig mit den alten Nrn. 1 und 2 in einem Raum gestanden, ist nicht abgewertet durch den Vergleich mit dem damaligen Sieger (an den man sich inzwischen nur noch verschwommen erinnert). Das sei unlogisch, meinen Sie? Na und? Hat Ihnen jemals jemand ein durch und durch überzeugendes, logisches, gerechtes System versprochen? Also.

Nun müssen wir noch die drei Monate erklären, die inzwischen vergangen sind. Da ist zunächst die von Bewerbern immer wieder kritisierte lange Bearbeitungsdauer in jeder einzelnen Prozessphase. Mal kommt der eine Entscheidungsträger nicht zum Bewerbungslesen, der andere hat keine Termine für Gespräche frei, der dritte ist gerade in Urlaub. Dann stehen von fünf eingeladenen Bewerbern zwei nicht wie gewünscht zur Verfügung, einer ist auch in Urlaub – die Angelegenheit „zieht sich“. Bis man sich endlich zum zweiten Gespräch und dann zum Vertragsangebot entschlossen hat, woraufhin der Spitzenkandidat erklärt, dass er nun doch nicht will, vergehen locker drei Monate.

Jetzt bleibt noch Ihr Empfinden, trotz erhaltener Absage eigentlich doch der Richtige zu sein. Die Erklärung dürfte ganz einfach sein: Vermutlich sieht der Inserent das völlig anders.

Sehen Sie, zunächst beurteilt der Bewerber selbst, ob er die ausgeschriebene Position haben möchte (ja) und ob er sich die umrissenen Aufgaben fachlich zutraut, ob er sie lösen könnte (in Ihrem Fall auch ja). Der potenzielle Arbeitgeber jedoch prüft, ob nach den allgemein üblichen Maßstäben eine mögliche Eignung dieses Bewerbers vorliegt. Dabei werden u. a. betrachtet: Alter, Ausbildung/Studium mit Examensnoten, Berufspraxis nach Art und Umfang, passende Fachqualifikation, Dienstzeiten pro Arbeitgeber/Wechselhäufigkeit, Zeugnisse, Begründung des angestrebten Wechsels, Hineinpassen der angestrebten Position in die gesamte erkennbare Laufbahnplanung, Gehalt, Eintrittsdatum.

In vielen dieser Fragen fehlt es dem betroffenen Bewerber an der Fähigkeit zur Selbstkritik bzw. zur realistischen Einschätzung der Stärken und Schwächen, die aus seinen Unterlagen hervorgehen. Was für viele Kandidaten neu ist: Ein Fachmann, dem Sie die Anzeige einer völlig fremden Firma und Ihre (negativ beschiedene) Bewerbung vorlegen, kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sagen, warum der Bewerbungsempfänger so entschieden hat, wo er ungeklärte Fragen und unbewiesene Qualifikationsdetails gesehen hat. Leider liegt Ihrer Einsendung nichts weiter bei, sonst könnte ich die Frage vermutlich beantworten, schließlich schreibe ich ständig solche Gutachten, auch über fremde Bewerbungen.

Aber stets gilt die Empfehlung: Wenn Sie auf eine Bewerbung um eine konkret ausgeschriebene Position ohne Einladung zur Vorstellung eine Absage bekommen, ist bei erneuter Ausschreibung dieser Position eine zweite Bewerbung sinnlos. Die nochmalige Prüfung Ihrer Unterlagen würde zum identischen Ergebnis führen.

Übrigens: Es gilt als nicht empfehlenswert, Bewerbern kurzfristig nach Eingang ihrer Unterlagen eine Absage zu erteilen. Die Kandidaten mögen das nicht und regen sich auf. Also lässt man negativ beurteilte Unterlagen etwa vierzehn Tage liegen, dann glaubt der Bewerber an einen ernsthaften Entscheidungsprozess und akzeptiert den Bescheid.

Und jetzt noch eine Kleinigkeit: Am Schluss Ihrer Frage a heißt es: „“Steht dies im Verhältnis zum Aufwand …?“ Die Antwort müsste korrekt lauten: Ja, es steht im Verhältnis. Weil rechnerisch irgendwie alles zueinander „im Verhältnis“ steht. Was Sie jedoch meinen, ist etwa: „Steht dieser Aufwand in einem angemessenen Verhältnis zum Resultat?“ Und das lässt sich von außen her nicht beurteilen.

Kurzantwort:

1. Der Zweitplatzierte in einem Bewerberfeld ist auch bei Ausfall des Spitzenkandidaten weitgehend chancenlos und eher „Bester der weniger Geeigneten“.

2. Hat ein Bewerber ohne Einladung zum Vorstellungsgespräch eine Absage bekommen und erscheint die Stellenanzeige noch einmal, lohnt sich eine erneute Bewerbung nicht.

Frage-Nr.: 2496
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-06-30

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