Heiko Mell

Bewerbung ohne Abiturzeugnis

Ihr Tipp in der Antwort zu Nr. 2.483 widerspricht meinem Empfinden zum Teil. Während ich Ihnen bzgl. der Relevanz des Abiturzeugnisses uneingeschränkt recht gebe, kann ich Ihnen nicht zustimmen, dass der noch junge Bewerber es nicht beifügen sollte.

Ich habe bei Bewerbern ohne langjährige Berufserfahrung, die nur das Abitur als solches angeben, immer das Gefühl, dass sie etwas verheimlichen und fordere das Zeugnis immer nach. Und immer wollte der Bewerber tatsächlich eine schlechte Note „verheimlichen“. Kommt danach ein gutes Studium, vielleicht sogar eine gute Promotion, ist die Entwicklung sehr positiv, jemand hat also das Richtige für sich gefunden. Daher würde ich jedem Bewerber in jungen Jahren anraten, das Abiturzeugnis beizulegen und lieber einen schlechten Schnitt mit einem Satz zu erklären. Erst im späteren Verlauf der Karriere ist das Zeugnis dann nicht mehr relevant.

Antwort:

Unsere Beobachtungen stimmen absolut überein: Einser-Abiturienten legen ihr Zeugnis entweder bei und/oder sprechen von der Note im Lebenslauf. Sehr oft bis fast immer sind es tatsächlich schwache Noten, auf die man beim „Nachbohren“ stößt (weil die Bewerbung nichts dazu gesagt hatte).

Aber Sie müssen bei der Beurteilung meines Beitrages auch die mir gestellte Frage sowie die spezielle Situation des Einsenders berücksichtigen. Und dieser Fall hatte es in sich! Die Abiturnote (3,1) hing „wie ein schwarzes Tuch über meinem Leben“, hieß es da.

Und: „Die Note ist nicht zu entschuldigen und ich versuche auch nicht, … mich in dieser Angelegenheit herauszureden.“ Das war für den heutigen Dipl.-Ing. mit 1,6 und künftigen Dr.-Ing. zur alles negativ überstrahlenden „fixen Idee“ geworden. Und nun hatte er große Angst, sich die Marktchancen als frischgebackener Dr.-Ing. mit seinem schlechten Abitur zu ruinieren.

Und diesem förmlich von der Idee einer Art „Schande“ besessenen jungen Mann hatte ich eine Reihe von Ratschlägen gegeben. Darunter als Nr. 5 den Hinweis, er solle seinen (härteren) Weg über die Realschule verdeutlichen, die Abi-Note im Lebenslauf weglassen und das Zeugnis nicht beifügen (aber zur Vorstellung mitnehmen – für den Fall, dass jemand fragt). Und dieser Abschnitt Nr. 5 war auch noch überschrieben „Für Sie speziell der Rat:“, es hieß also nicht „Abiturzeugnisse lege man generell nie bei“.

Natürlich weiß ich, dass unser damaliger Einsender (dem ich eine Last von der Seele nehmen wollte und der garantiert bei jeder Absage „gewusst“ hätte, er „verdanke“ das Scheitern nur dem schwachen Abitur) im weiteren Verlauf des Bewerbungsprozesses eventuell durchaus noch mit der Abi-Note wird herausrücken müssen. Aber ihm winken auch Chancen. Weil es etwa drei Gruppen von Bewerbungsempfängern gibt:

1. Manche künftigen Arbeitgeber fordern ein fehlendes Abiturzeugnis konsequent nach (zumindest bei den Kandidaten, die interessant zu sein scheinen). Dazu gehören Sie.

2. Andere Arbeitgebervertreter erfragen immer (auch bei älteren Bewerbern) die Abiturnote, warten aber bei fehlendem Dokument oder fehlenden Angaben im Lebenslauf bis zum Vorstellungsgespräch, fordern also vorher nichts an. Dazu gehöre ich. Dann steht der Bewerber, so er ein entsprechendes Problem hat, direkt bei dessen Auftauchen im Dialog mit dem potenziellen Arbeitgeber und kann Erklärungen abgeben (die ich mitunter sogar glaube).

3. Viele Arbeitgebervertreter fragen niemals nach der Abiturnote, akzeptieren deren Nichterwähnung im Lebenslauf und wollen auch kein Zeugnis darüber sehen. Ein großer Teil davon hat selbst ein schlechtes (oder gar kein) Abitur oder hat Söhne bzw. Töchter, die sehr schwache Noten mit sich herumtragen. Es ist menschlich verständlich, dass diese Menschen instinktiv die Diskussion über jenes Thema nicht gern anstoßen.Damit, so meine ich, hat der Einsender, dem die Abiturnote wie ein schwarzes Tuch über seinem Leben hin, eine solide Perspektive aufgezeigt bekommen. Natürlich hat er schlicht das Problem überbewertet. Aber hätte ein ausschließlicher Hinweis darauf ihm die Angst genommen? Ich fürchte, das allein hätte nichts genützt.

Da wir aber gerade dabei sind, bleiben wir bei diesem wichtigen Thema: Warum kümmert sich ein Arbeitgeber überhaupt um die Noten des Abiturs (resp. eines anderweitigen Schulabschlusses)? Was sagen diese aus, was kann man daraus schließen?

Erste Feststellung: Isoliert betrachtet, ist der Aussagewert von Schulnoten relativ gering. Man bekommt natürlich Anhaltspunkte, kann gewisse Schlüsse ziehen – aber viel interessanter wird die Geschichte, wenn wir die im Normalfall ja vorliegenden Daten aus dem Studium hinzunehmen:

a) Ein Mensch, der ein Abitur von 3,4 oder so hat, kann schwächer begabt oder faul sein. Beides hätte durchaus unterschiedliche Konsequenzen hinsichtlich der Gesamtbeurteilung.

b) Ein Abitur von etwa 3,4 und ein Studienexamen von etwa 2,1 stehen für eine steigende Tendenz im Leistungsbereich (positiv) – aber es zeigt sich auch, dass als Erklärung für das schwache Abitur nur Faulheit in Frage kommt. Mal war er leistungsunwillig oder desinteressiert, ein andermal wieder nicht. Es hängt von irgendetwas ab. Man darf hoffen, dass es jetzt bei Engagement und Fleiß bleibt – ganz sicher ist das nicht. Vielleicht kommt irgendwann die alte Einstellung wieder? Und dort, wo ein noch deutlich besseres Studienexamen erwünscht ist als 2,1, kommt dieser Bewerber nicht hinein. Der Sprung von 3,4 zu 1,x war einfach zu groß, da war zu viel nachzuholen, das konnte er nicht schaffen. Aber: 2,1 bei positiver Tendenz – das ist schon recht gut und lässt sich vermarkten.

c) Der umgekehrte Fall sieht gar nicht gut aus: Ein gutes Abitur und ein deutlich schlechteres Examen gelten als Warnsignal. Vielleicht hat dieser Mensch das falsche Fach studiert? An der allgemeinen Begabung kann es schließlich nicht gelegen haben …

d) Ein Abitur mit gleichlautender Examensnote, das gibt Sicherheit in der Beurteilung. Man weiß dann in diesem Bereich ziemlich genau, woran man ist: Der Bewerber ist ein Einser-Kandidat oder ein Zweier oder ein Dreier. Was immer dieser Mensch in Zukunft anfängt – wenn es um jenen Teil der Qualifikation geht, der von diesen Noten erfasst wurde, wird er vermutlich so weitermachen. Er war „schon immer“ so.

Natürlich hat das alles nichts mit wichtigen Persönlichkeitsfaktoren zu tun, nichts mit Durchsetzung, nichts mit Führung, nichts mit sozialer Kompetenz, nichts mit Kundenorientierung oder gar Vertriebsbegabung.

Aber: Ein Einser-Kandidat scheitert kaum je am fachlichen Teil einer Aufgabe, ein 3,x-Bewerber spielt besser seine pragmatischen Fähigkeiten aus und strebt lieber nicht in die Leitung der Stabsabteilung Unternehmensentwicklung oder an die Spitze von F+E.

e) Dann bietet ein Abiturzeugnis noch Raum für weitere Betrachtungen: Wurden eher „harte“ oder doch „weiche“ Fächer als Leistungskurse gewählt, streuen die Noten stark oder liegen sie enger zusammen (kann man eher von einseitiger Begabung mit ausgeprägten Stärken und Schwächen oder von universellem, fächerunabhängigem Leistungsvermögen ausgehen)? Wenn man dann noch – soweit bekannt – das Elternhaus in Betracht zieht (konnten die Eltern helfen und fördern oder eher nicht), dann bekommt man weitere Anhaltspunkte.

Was unbedingt gesagt werden muss: Keiner dieser pauschalen Ansätze wird jedem Einzelfall gerecht. Erfahrungswerte aller Art gelten oft bis sehr oft – nie immer. Gerade beim ja sehr früh abgelegten Abitur darf es keinen Automatismus geben wie etwa: „Wer eine schlechte Note in Erdkunde hat, taugt niemals zum …“

Und was man nicht oft genug betonen kann: Die Entscheider in Bewerbungsangelegenheiten sind Menschen, von den genannten Kriterien irgendwie selbst betroffene und stets auch unvollkommene Menschen. Der eine davon ist hochintelligent, und eine Drei irgendwo liegt außerhalb seines Vorstellungsrahmens (gibt es, kenne ich). Beim nächsten ist es eher umgekehrt, er hat Einser-Leute schon in der Schule gehasst.

Der dritte Entscheidungsträger ist vorsichtig und stellt generell nur Kandidaten ein, die seine Vorgesetzten nie als Alternative zu ihm sehen könnten (Durchschnitt ist gut genug). Ein anderer will das Gesamtniveau der Abteilung heben und bevorzugt generell „gute“ Schul- und Examensnoten.

Alle diese Entscheider haben keine identische Ausbildung, sie lesen auch nicht dieselben Lehrbücher. Bleibt als Ausblick: Was beweist ein gutes Abitur? Eigentlich nichts – aber was in aller Welt beweist ein schlechtes? Dann lässt sich so mancher Entscheider schon lieber von guten Noten „nichts“ beweisen. Was man ja irgendwo auch verstehen kann.

Frage-Nr.: 2490
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 22
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-06-02

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