Heiko Mell

Wie gut bin ich wirklich?

Ich bin Student im fünften Semester einer der größten Maschinenbaufakultäten einer TU in Deutschland. Hin und wieder schreibe ich Bewerbungen für Praktika oder Stipendien und jedes Mal muss ich meine Fähigkeiten bewerten. Nur – wie gut bin ich wirklich?

In den letzten Semestern engagierte ich mich in der studentischen Vertretung und sammelte einiges an Erfahrungen in Diskussionen und Verhandlungen mit Professoren und Assistenten. Mittlerweile würde ich behaupten, mein Deutsch ist verhandlungssicher.

Mein Englisch hingegen ist es sicherlich nicht. Ich verbrachte zwar bereits zehn Monate in Neuseeland, in denen ich mir die englische Sprache so weit aneignen konnte, dass ich mich im Alltag fließend unterhalten kann. Jedoch werde ich niemals mein Englisch als „verhandlungssicher“ einstufen, angesichts des Wissens um die Komplexität einer Verhandlung in der deutschen Sprache.

In der Schule lernte ich vier Jahre Französisch, könnte mittlerweile aber in einer französischen Bäckerei nicht einmal mehr ein Brot kaufen. Meine Französischkenntnisse führe ich nicht mehr auf.

Große Bedeutung in meinem Bereich hat CAD-Software. Die Ausbildung an unserer Uni in diesem Bereich ist miserabel. Ich kann nach den kaum zwanzig Stunden, die ich mit Catia arbeiten durfte, nicht behaupten, diese Software zu beherrschen. Mit Pro Engineer arbeitete ich in einem Praktikum sechs Wochen lang, in meiner Freizeit zeichnete ich ein komplexes Bauteil in Solid Edge. Wie gut bin ich also und was würden Sie empfehlen, im Lebenslauf aufzuführen?

Antwort:

Es ist immer problematisch oder höchst unbefriedigend, wenn sich ein Bewerber selbst bewertet oder beurteilt. Vergessen Sie also für die Formulierung in Anschreiben und Lebenslauf die ohnehin nur schwierig zu beantwortende Frage „Wie gut bin ich?“, sondern denken Sie darüber nach, welche Fakten Sie dem Bewerbungsleser jeweils liefern können, die ihm eine solide Orientierung ermöglichen. Die Suche nach Normbegriffen für Qualifikationen geht ins Leere, da längst nicht alle Schreiber und schon gar nicht alle Leser von Bewerbungen sie kennen und benutzen – und damit immer wieder aneinander vorbeireden würden. Auf dieser Basis:

1. Wer in üblicher Form mit der Muttersprache aufgewachsen ist, gibt generell keine weitere Information zum Grad seiner Kenntnisse in dieser Sprache. Ausnahme: Journalisten, Krimiautoren, Werbetexter u. ä.

2. „Verhandlungssicher“ ist lediglich ein Superlativ für Kenntnisse in einer Fremdsprache. Mit dem Verhandeln-Können an und für sich hat das konkret nichts zu tun. Es bedeutet: „Mein Englisch ist so gut, dass ich damit auch komplizierte Verhandlungen mit zahlreichen wichtigen sprachlichen Nuancen erfolgreich durchstehen könnte.“ Es bedeutet grundsätzlich nicht: „Ich kann sehr gut verhandeln, bringe andere auf meine Linie und lasse mich nie über den Tisch ziehen.“ Wenn Sie das sagen wollen, bringen Sie es z. B. zusätzlich unter „Sonstiges“ im Lebenslauf unter: „Erfahren in der erfolgreichen Abwicklung internationaler Vertragsverhandlungen über Aufträge im Anlagenbau mit Einzelwerten bis 50 Mio. EUR.“

3. Bei allen Kenntnissen (Sprachen und Fachliches) ist es hilfreich zu erklären, wo Ihre diesbezügliche Qualifikation herkommt. Beispiel:

„Englisch: Leistungskurs bis zum Abitur, heute täglich genutzte Konzernsprache, regelmäßige Geschäftsreisen in die USA, Standardsprache bei Meetings/Präsentationen;

Französisch: Schulbasis, verschüttet;

Catia: Grundwissen aus ca. 20 h Ausbildung;

Pro Engineer: Anwendung während eines sechswöchigen Praktikums.“

Vermeiden Sie Selbstbeurteilungen („Eigenlob“) wie „sehr gut“. Wie gut Sie wirklich sind, sagt Ihnen später Ihr Chef.

Frage-Nr.: 2487
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-05-19

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