Heiko Mell

Nach 12 Jahren ohne Führung …

Ich habe einen Uni-Abschluss und bin seit zwölf Jahren bei einem mittelständischen Unternehmen der XY-Branche angestellt. Es ist meine dritte Anstellung in fast zwanzig Berufsjahren.

Aufgrund äußerer und innerer Umstände sind Änderungen an den Arbeitsbedingungen eingetreten, die für die meisten Mitarbeiter entweder Gehaltseinbußen von 20% oder unbezahlte Arbeitszeitverlängerungen von bis zu 25% bedeuten. Bislang sprachen das sehr gute Betriebsklima und die in der Branche nicht selbstverständliche faire Überstundenregelung für viele Mitarbeiter dagegen, zu vergleichbaren Unternehmen zu wechseln, die bis zu 30% mehr zahlen.

Doch jetzt ändert sich das Geschäftsmodell des Unternehmens sukzessive zum Personalverleih hin. Das Betriebsklima hängt vom entleihenden Betrieb ab. Das wiederum ist meist schlecht, denn die Kunden kommen erst auf uns zu, wenn es „brennt“. Deshalb habe ich mich entschlossen, dem Vorbild vieler Kollegen zu folgen und eine neue Anstellung zu suchen.

Was mich von den Kollegen unterscheidet, ist meine deutlich längere Dienstzeit. So muss ich einem Bewerbungsempfänger vor allem folgende Dinge erklären:

1. Warum merke ich erst nach zwölf Jahren, dass ich vom meinem derzeitigen Arbeitgeber weg möchte?

2. Warum liegt mein Gehalt auf dem Niveau eines Facharbeiters? Ich würde am liebsten mein derzeitiges Gehalt verschweigen – ist das möglich? In einem Vorstellungsgespräch könnte ich das überzeugend darlegen. Doch dazu muss es erst einmal kommen.

3. Über die derzeitigen Zustände kann ich ja nicht schon im Bewerbungsschreiben klagen. Negatives ist bekanntlich das Letzte, was ein Bewerbungsempfänger lesen will.

4. Ich hätte übrigens kein Problem, bei ähnlich guten Umständen, wie sie bei uns bis vor zwei Jahren noch herrschten, zum vergleichbar niedrigen Gehalt einzusteigen. Würde das überwiegend als fehlendes Selbstwertgefühl negativ oder als Realismus positiv aufgenommen?

Antwort:

Problem Nr. 1 gibt es gar nicht, das nimmt Ihnen doch schon einmal eine Last von den Schultern. Sagen wir es einmal so: Sie könnten natürlich schreiben, nach zwölf Jahren der Tätigkeit merkten Sie nun allmählich, dass es Ihnen dort nicht gefiele. Dann hätten Sie Ihr Problem durchaus. Aber so werden Sie ja nicht argumentieren, hoffe ich.

Jeder weiß, dass heute alles einem rasanten Veränderungsprozess unterliegt. Das gilt für innere Strukturen ebenso wie für nach außen gerichtete Marketingkonzepte. Vereinfacht formuliert: Jederzeit kann sich, z. B. auch nach 12-jähriger Dienstzeit eines Mitarbeiters, die Unternehmenspolitik ändern – die neue Ausrichtung macht dann eventuell das Arbeiten für diesen Angestellten nicht mehr so interessant wie früher. Wie gesagt: ganz normal, kein Problem. Die zwölf Jahre Dienstzeit bei diesem Unternehmen sind noch nicht wirklich „schlimm“.

Zu Nr. 2: Das Gehalt als „Preis“ Ihrer angebotenen Arbeitskraft ist in Bewerbungen generell ein Thema von großer Bedeutung. Für den, der davon leben muss ebenso wie für diejenigen, die entsprechend zahlen sollen. Immer(!) will ein Bewerbungsempfänger wissen, was der Bewerber denn „kostet“ – auch dann, wenn dazu nichts in der Anzeige steht. Spricht die Anzeige vom Gehalt, wäre es sogar sehr(!) unhöflich, diesem Wunsch nicht zu entsprechen.

Aus der Sicht des Bewerbungsempfängers geht es beim Gehalt für diese eine Position nicht etwa nur um die damit verbundenen Kosten – ein Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern gerät noch nicht in Not, nur weil der 1.001. Betriebsangehörige doppelt so viel verdient wie vorgesehen. Aber die innerbetriebliche Relation, der Vergleich dieses Gehalts mit Kollegen, mit Nachbarabteilungen und dem Einkommen der Chefs wirft dann Probleme auf. Daher muss die Einkommensvorstellung eines Bewerbers in den Rahmen passen, der im Unternehmen existiert, der je nach Sachlage sehr fix oder auch flexibel ist – und den das Unternehmen im Normalfall nicht preisgibt. Der Weg ist also dieser: Das Unternehmen hat seine Vorstellungen (den „Rahmen“), nennt diese aber nicht, will von Ihnen Ihre Vorstellungen hören und schaut dann, ob Sie dort hineinpassen.

Sie können immer (gleichgültig, wie die Anzeige das formuliert) entweder Ihr heutiges Einkommen oder Ihre Gehaltsvorstellungen nennen. Mit Letzteren vermeiden Sie es ggf., vom Leser der Bewerbung spontan als „verdächtig billig“ oder „für uns unbezahlbar/viel zu teuer“ eingestuft zu werden.Beispiel: Der Bewerbungsempfänger hat für die ausgeschriebene Position einen „Rahmen“ von ca. 68.000 – 75.000 Euro, dieser ist ausgerichtet auf die gesuchte Qualifikation, die Lage auf dem Arbeitsmarkt und auf innerbetriebliche Relationen.

a) Sie verdienen heute 65.000 Euro. Lösung: Sie geben Ihr Ist-Gehalt an, alles ist in Ordnung, man bietet Ihnen etwa 72.000 Euro an – und alle sind glücklich.

b) Sie verdienen heute schon 79.000 Euro. Geben Sie das an, sind Sie vermutlich „draußen“ (zu teuer). Lösung: Nennen Sie stattdessen eine „Gehaltsvorstellung“ von beispielsweise 77.000 Euro, lädt man Sie vermutlich erst einmal ein, Sie können dann erklären und argumentieren.

c) Sie verdienen heute 55.000 Euro. Das ist fast schon „verdächtig billig“, es besteht die Gefahr, wegen vermutlich unzureichender Qualifikation abgelehnt zu werden. Lösung: Sie nennen 65.000 Euro als Gehaltsvorstellung, das wird als ziemlich passend empfunden, Sie werden eingeladen, können wenigstens erklären und argumentieren (mit allen damit verbundenen Risiken).

Fazit: Die Einkommensvorstellung ist flexibler, vermeidet in kritischen Fällen die Kollision mit eventuell vorhandenen Grenzen und hilft Ihnen mitunter, erst einmal eine Stufe weiter zu kommen. Nachteil: Da Sie den Rahmen des suchenden Unternehmens nicht kennen, können Sie sich auch total verschätzen und Ihre Chancen verringern statt verbessern. Und Sie verlagern Ihre eventuellen Probleme nur nach „hinten“, ins Vorstellungsgespräch. Dort müssen Sie Ihr heutiges Einkommen nennen und dann auch erklären, warum Sie so viel mehr oder weniger als Vorstellung genannt hatten. Besser ist es stets, marktgerecht bezahlt zu werden und das Ist-Gehalt einfach zu nennen.

Zu Nr. 3, Schilderung der Zustände beim heutigen Arbeitgeber im Anschreiben:Nicht „erlaubt“ wäre etwa: „Das Betriebsklima ist schlecht, Mitarbeiter werden gemobbt, die Chefs sind autoritär und fachlich unfähig.“ Das ist üble Nachrede und völlig unsachlich.

Erlaubt und zu empfehlen (eine Begründung für Ihren Wechselwunsch wird in jedem Fall erwartet) wäre hier etwa: „Ich habe in diesem Unternehmen immer sehr gern gearbeitet. Meine Aufgaben bin ich mit viel Freude und Engagement angegangen. Von meinen Vorgesetzten bekam ich viele positive Rückmeldungen. Leider hat sich die Geschäftsleitung zu einer strategischen Neuausrichtung entschlossen: Wir verändern uns zunehmend zum Personalverleih hin, die Mitarbeiter werden mehr und mehr bei unterschiedlichen Kundenbetrieben eingesetzt. Damit sind besondere Umstände und Gegebenheiten verbunden, die zusätzliche Belastungen und Einschränkungen mit sich bringen. Ich würde gern wieder im gewohnten klassischen Arbeitsumfeld erfolgreich tätig sein. Bei der von Ihnen ausgeschriebenen Position sprechen mich besonders die … und die … an.“

Zu 4: Das wird schwierig, ja praktisch unmöglich! Sie können das Arbeitsumfeld, die Tätigkeitsbedingungen, das Betriebsklima vorher und von außen nicht hinreichend genug „abklopfen“ und analysieren! Mit etwas Pech fallen Sie auf schöne Worte herein oder definieren Sie „ideale Umgebung“ anders als Ihre potenziellen Chefs – und finden sich hinterher bei halbem Marktgehalt und doppelter Gesamtbelastung wieder.

Wie immer die Super-Umstände beim heutigen Unternehmen vor zwei Jahren ausgesehen haben: Gehen Sie davon aus, dass Sie so etwas nie wiederfinden, die Wahrscheinlichkeit und der Zeitgeist sind dagegen. Und: Um zu überleben, musste sich Ihr Unternehmen radikal ändern und seine Mitarbeiter verleihen – das alte Konzept war nicht dauerhaft erfolgreich, andere Unternehmen sind da auch schon angekommen.

Sie sollten diese Idee vergessen – und Sie dürfen auch im Gespräch Ihr niedriges Gehalt nicht mit „paradiesischen“ Arbeitsumständen erklären. Die Reaktion des Zuhörers: Er hält Sie für „unrettbar verdorben und Standard-Leistungsansprüchen nicht mehr gewachsen“.

Ich glaube, Sie waren einige Jahre auf einer „Insel der Glückseligen“ beschäftigt. So etwas hält nie ewig. Stellen Sie sich darauf ein, dass das vorbei ist und dass Sie in Zukunft unter Standardbedingungen Standardansprüchen unterworfen sein werden. Erfreulicher Ausblick: zu Standardkonditionen.

Kurzantwort:

1. Auf eine Änderung der Arbeitsumstände beim Arbeitgeber darf der Angestellte mit Bewerbungen nach draußen reagieren, auch nach vielen Dienstjahren.

2. Irgendwo zu arbeiten, wo wegen „paradiesischer“ Arbeitsumstände sehr wenig bezahlt wird, ist gefährlich. „Normale“ Gehälter bei „normalen“ Bedingungen sind die bessere Basis, um auf Dauer zu überleben.

3. Aus allen bekannten Paradiesen ist es zu Vertreibungen gekommen. Warum sollte sich das plötzlich ändern?

Frage-Nr.: 2486
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-05-19

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