Heiko Mell

Wie bringe ich meine Erfahrung „rüber“?

Wie genau sollte eine Bewerbung bzw. das Anschreiben dazu für den Energiemarkt (z. B. einen der großen Stromkonzerne) aussehen? Sollte ich eher meine Berufserfahrung hervorheben oder vor allem die Frage nach den gewünschten Attributen (bei einer ausgeschriebenen Stelle) beantworten?

Antwort:

Besondere Bewerbungsregeln für Unternehmen in bestimmten Branchen – soweit Ingenieure betroffen sind – gibt es zunächst einmal nicht. Ob Sie an VW oder RWE schreiben, ob an Siemens oder ThyssenKrupp, ist in der Beziehung ziemlich gleichgültig.

Auf den zweiten Teil Ihrer Frage gibt es eine ebenso einfache wie „raffinierte“ Antwort: Wie Sie schon ahnen, ist jede der beiden Teillösungen unbefriedigend – die Lösung liegt in der geschickten Kombination! Wenn Sie nur stur Ihren Werdegang und/oder Ihre Qualifikation herunterbeten, so wie sich beides nun einmal ergeben hat, dann bekommt der Empfänger zwar einen Überblick über Ihre Fähigkeiten – aber mit dem kann er wenig anfangen:

Den Leser eines Bewerbungsanschreibens interessiert nicht, was Sie alles gemacht haben und was Sie alles können – ihn interessiert nahezu ausschließlich der Teil davon, den er für die konkret ausgeschriebene Position auch gebrauchen kann. Und das will er aufbereitet lesen – und sich nicht etwa aus einem „Informationshaufen“ selbst heraussuchen. Und: Nein, etwas ganz anderes oder „viel mehr“ zu können, macht Sie nicht interessanter, es stört eher. Nur ganz, ganz selten nützt es, wenn der künftige Vertriebsingenieur eines deutschen Unternehmens für Südbayern auch noch drei seltene asiatische Dialekte spricht.

Ein anderer Weg würde darin bestehen (wird durchaus gemacht), alle „Fragen“ der Anzeige einzeln noch einmal aufzulisten und im Detail zu beantworten. Beispiel: „Führung: 1987 habe ich 13, ab 1995 dann 27 und seit 2001 bis heute 31 Mitarbeiter geführt; soziale Kompetenz: Ich habe 6 verschiedene Chefs, darunter 3 Querulanten, unbeschadet überlebt und wurde von meinen Kollegen mehrfach für den Betriebsrat vorgeschlagen.“ Auch das ist unbefriedigend, weil es kein geschlossenes Bild Ihrer Entwicklung und Persönlichkeit vermittelt, sondern einfach einzelne Puzzle-Steine sinnlos nebeneinanderlegt.

Empfehlenswert ist dieses Vorgehen: Man nimmt sich die Anzeige vor und analysiert sowohl die Aufgabenbeschreibung als auch das Anforderungsprofil; beides zusammen(!) beschreibt, wie der Idealkandidat aussehen, was er können sollte. Ein Mensch, der ein Kraftwerk leiten soll, muss ein Kraftwerk leiten können – und nicht nur die exakt im Anforderungskatalog aufgelisteten Kriterien erfüllen. Manches ist so selbstverständlich, dass es gar nicht gesondert erwähnt wird.

Wenn nun Klarheit darüber herrscht, worum es geht, dann schildert man im Anschreiben seine Qualifikation und die wichtigsten Stationen des Werdeganges. Das soll völlig sachlich und unverkrampft klingen – so als würde man immer in dieser Form schreiben. In Wirklichkeit gestaltet man diese Schilderung aber so, dass „zufällig“ alle Reizwörter des Inserats auftauchen, soweit dies möglich ist. Beispiel: Dem Leser der Bewerbung aus dem Fachgebiet A erspart man Studiendetails (Diplomarbeit) aus dem Gebiet Y, einem Leser aus Y aber serviert man viel in Sachen Y. Bei der Bewerbung um eine Linienposition mit erheblichem Führungsumfang schreibt man konkret über Personalführungspraxis (so vorhanden), bei dem Bemühen um eine hochkarätige Stabsposition wäre es kontraproduktiv, 150 geführte Mitarbeiter stolz und ausführlich breitzutreten.

Das bedeutet: Es gibt keine zwei textgleichen Anschreiben. Ziel ist jeweils eine Einschätzung durch den Leser: „Das passt hier ja toll.“ Es ist die Geschichte mit dem Schloss und dem Schlüssel: Die offene Position ist wie ein mehr oder minder kompliziertes Türschloss, die Anzeige ist die „technische Zeichnung“ dazu. Die Bewerbung ist als Schlüssel für dieses Schloss zu sehen. Die beste Beurteilung dieses Schlüssels lautet „passt!“. Hingegen sind Einstufungen wie „toller Schlüssel“, „eindrucksvolle Konstruktion“ wertlos, es geht ums Passen.

Also „feilt“ man als Bewerber in Kenntnis der technischen Zeichnung des Schlosses so lange an seinem „Schlüsselrohling“ herum, bis er so gut passen dürfte, wie das den Umständen nach möglich ist. Das Beispiel zeigt auch die Grenzen: „Drauffeilen“ geht nicht – was an Länge, Breite oder Grundform fehlt, ist nicht beizubringen (man muss dann nach einem anderen „Schloss“ suchen). Aber wenn die Grundmaße stimmen, muss der Schlüssel möglichst so viele „Kerben“ gefeilt bekommen, dass er dem Bild des Schlosses entspricht. Und: Mehr Kerben als lt. Schlosszeichnung gefordert sind, machen die Sache nicht besser. Im Gegenteil: Es steigt die Gefahr, dass der Schlüssel im Schloss klemmt.

Kurzantwort:

Das ideale Anschreiben schildert anscheinend völlig sachlich die Qualifikation des Bewerbers (Erfahrung, Fachkenntnisse, wichtige Werdegangstationen) so, dass sie „zufällig“ zur Aufgabenbeschreibung und zum Anforderungsprofil der Stellenanzeige passt. In Wirklichkeit steckt harte Arbeit dahinter. Und es kann keine zwei textgleichen Anschreiben geben.

Frage-Nr.: 2455
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-01-13

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