Heiko Mell

Ich sehe „ausländisch“ aus

Ich bin Student des Maschinenbaus an der TH … Ich beende zz. das achte von geplanten elf Semestern. Schon seit über einem Jahr lese ich mit Begeisterung Ihre Beiträge und habe schon jetzt das Gefühl bekommen, die Arbeitswelt besser verstehen und einschätzen zu können.

Ich bin Sohn einer Brasilianerin und eines Deutschen und daher sehe ich entsprechend ausländisch aus (mit dunklerer Haut- und Haarfarbe). Dennoch habe ich eine recht „deutsche“, „bürgerliche“ Erziehung genossen, ich bin in Deutschland geboren und fühle mich auch eher Deutschland als Brasilien verbunden. Wehrdienst habe ich hier auch geleistet. Zudem ist Deutsch meine Muttersprache und somit fehler- und akzentfrei.

Des Weiteren habe ich einen einwandfreien Lebenslauf vorzuweisen, hatte in der Schule gute Noten, bin im Vergleich zu meinen Kommilitonen relativ jung, habe mehrfache, mehrjährige Auslandserfahrung und beherrsche mehrere Sprachen. Ich komme im Studium ordentlich voran und habe auch außeruniversitäre Aktivitäten zu bieten.

Trotzdem habe ich gewisse Sorgen, dass ich in den Augen von Personalchefs oder von Vorgesetzten „nur“ als Ausländer gesehen werden könnte. Vor allem, bevor die Gelegenheit da ist, sich besser kennenzulernen. Auch wenn es von allen Seiten sicherlich die eindringlichsten Beteuerungen gibt, dass es keine Benachteiligung von nicht-deutschen Bewerbern oder Angestellten gibt (niemals gab!), hege ich die Sorge, dass ich in irgendeiner Weise benachteiligt werden könnte.

Mache ich mir hierbei zu viele Gedanken und sorgt mein Migrationshintergrund sowie mein Aussehen für keinerlei Nachteil? Und falls doch, was könnte ich dagegen tun?

Antwort:

Ihr Hauptproblem ist, dass Sie glauben, ein Problem zu haben. Das lähmt Sie und macht Sie unsicher. Wenn Sie mit diesen Ängsten im Kopf an das Thema „Stellensuche/Karrieregestaltung“ herangehen, besteht die Gefahr, dass sich Ihre „Prophezeiung“, genährt durch Ihr eigenes Verhalten, auch noch erfüllt. Daher müssen Sie Ihr Denken verändern.

Sehen Sie, ich bin eigentlich sehr „deutsch“ (darf man das noch sagen? Ich entscheide: gerade noch). Name, Aussehen, Sprache, Persönlichkeit, Familiengeschichte, alles unterstreicht das. Niemand könnte oder würde das in Zweifel ziehen. Aber auch ich erfahre in diesem Land Ablehnungen. Nicht alle Leser lieben mich, nicht alle Unternehmen stehen Schlange, um meine Kunden zu werden. Ich erleide Niederlagen wie jeder andere auch. Selbst Bewerbungen von mir wurden schon zurückgewiesen. Das ist normal, es gehört zum Leben.

Würde ich aber die fixe Idee irgendeiner speziellen Belastung (auf den Glauben daran kommt es an, nicht auf die Fakten) mit mir herumtragen, dann bestünde die Gefahr, dass ich jedes negative Erlebnis auf dieses Kriterium zurückführe („bloß weil ich … bin“). Das müssen Sie als das eigentliche Problem sehen. Ich halte es für viel gravierender als eine mögliche konkrete Ablehnung wegen Ihrer speziellen Gegebenheiten, an die ich nicht einmal glaube.

Ich will dennoch versuchen, Sachargumente auf zwei wesentlichen Feldern zu liefern, weil Ihnen mit beruhigenden Versicherungen allein nicht gedient sein wird:

a) Sie: deutscher Vorname, deutscher Nachname, geboren in einer deutschen Weltstadt; bis dahin keine Auffälligkeiten (eine völlig wertneutral gemeinte Bemerkung).

Dann geben Sie an: Staatsbürgerschaft „deutsch/brasilianisch“. Ich will richtig verstanden werden: Niemals würde ich behaupten, etwas davon sei kritisch und müsse versteckt werden! Aber Ihnen, der Sie das mit sich herumtragen, was der Laie einen Komplex nennen würde, rate ich, die gesamte Staatsbürgerschaft wegzulassen. Es gibt keine Verpflichtung, sie zu nennen. Und jeder Leser wird denken: deutsch. Nicht ganz so sauber, aber in den Augen vieler Betrachter sicher auch kein allzu großer Verstoß gegen die guten Sitten, wäre es, nur die deutsche Staatsangehörigkeit zu nennen und die brasilianische wegzulassen. Aber Sie sollten dann diese Teilinformation im Vorstellungsgespräch „beiläufig“ nachschieben – so dass der künftige Arbeitgeber bei der Vertragsunterzeichnung „alles“ gewusst hat. „Deutsch“ wäre ja nicht falsch, es käme halt nur noch etwas hinzu.

Es folgen in Ihrem Lebenslauf zwei Schulen in Deutschland und ein internationales (gutes!) Abitur in GB. Bis dahin: alles toll, kein Anzeichen irgendeines Problems, wie Sie es sehen.Dann ein Grundwehrdienst bei der Bundeswehr mit nachfolgendem, noch nicht abgeschlossenem Studium an einer renommierten deutschen TH, zusätzlich ein Auslandspraktikum und zwei Semester Auslandsaufenthalt an einem zum Studium passenden Institut, beides in einem europäischen(!) Land.

Bis dahin unterscheiden Sie sich in nichts von einem typischen deutschen Bewerber; wenn Sie meiner Anregung folgen, taucht bisher der Begriff „Brasilien“ überhaupt nicht auf.

Dann haben wir noch die Sprache: Lassen Sie „Deutsch: Muttersprache“ weg. Sie sind mit Ihrem Werdegang so deutsch, da klingt das albern. Dann dürfen Sie natürlich „Portugiesisch: fließend“ angeben – warum sollen Sie nicht Portugiesisch sprechen? Bei „Französisch“ steht ja auch „fließend“. Aber lassen Sie den Erklärungsbegriff „zweite Muttersprache“ bei der portugiesischen Sprache weg.

Jetzt sind Sie fast da, wohin Sie wollten: nicht auffallen, „bevor die Gelegenheit da ist, sich besser kennenzulernen“.

Bleibt das Foto. Sie haben zwar Ihren Lebenslauf, aber kein Bild mitgesandt. Trotz Ihrer Bedenken sollten Sie Bewerbungen ein Foto beilegen. Aber es muss unter diesen Aspekten ja kein übergroßes farbiges Hochglanzbild sein, das ganz allein auf einer Seite prangt. Schwarz-weiß, klein, harmlos oben rechts in einer Ecke des Lebenslaufs, das reicht völlig. Damit handeln Sie völlig korrekt, verstecken sich nicht etwa, heben aber auch nichts hervor, was Ihnen nicht als Ihrem Anliegen förderlich erscheint.

b) Die Deutschen und ihre Ausländer: Zum Glück muss das keine umfassende Abhandlung werden, ich kann mich auf das konzentrieren, was unseren Fall tangiert.

Mit allem, was man mit sich herumträgt, könnte man auf Ablehnung stoßen: von der Haarfarbe über die Religion, die Landsmannschaft, den Vornamen(!) bis hin zur besuchten Hochschule. Dazu kann auch ein Ausländerstatus oder – was hier besser trifft – ein ausländischer Touch im Aussehen gehören.

Aber: Wenn es deshalb eine Ablehnung bei manchen Positionen in manchen Firmen geben sollte, dann erstens keinesfalls pauschal gleichermaßen alle Ausländer betreffend und keinesfalls gegenüber Menschen, die in Deutschland geboren sind, die deutsche Staatsangehörigkeit haben, akzentfrei Deutsch sprechen, einen „typisch deutschen“ Namen haben – und nur ein wenig dunkler (beispielsweise) aussehen. Ich rede hier ausschließlich über die denkbare Benachteiligung eines entsprechend „betroffenen“ Akademikers auf dem Arbeitsmarkt. Und zweitens gibt es sicher prägende Herkunftsländer, deren Staatsbürger jeweils gar nicht, kaum oder vielleicht doch benachteiligt werden. Es wäre falsch, das zu leugnen. Fest steht jedoch, dass mit Sicherheit niemand pauschale Vorbehalte gegen Brasilien und die von diesem Land geprägten Menschen hat.

Sehr geehrter Einsender, ich wollte vor allem Ihnen helfen, so gut ich es konnte. Daher habe ich ausführlich begründet, dass Sie grundsätzlich keinen Anlass zu Bedenken haben. Gehen Sie selbstbewusst an die Bewerbungsphase heran und fixieren Sie sich nicht auf Ihr vermutetes Problem wie das Kaninchen auf die Schlange – das lähmt Sie nur. Sie kommen mit ein wenig – erlaubter – „Kosmetik“ problemlos durch die Phase der schriftlichen Bewerbung (was Ihnen wichtig war) und Sie werden auch im direkten Gespräch sicher nicht mehr Probleme bekommen als „typisch deutsche Kandidaten“, ich verspreche es Ihnen.

Und Sie, liebe nicht betroffenen Leser, werden mir zustimmen, dass dies ein sehr heißes Thema war mit äußerst schwierigen Fallen an vielen Stellen. Ich hätte es kürzer machen können mit dem knappen Hinweis, dass es keinerlei Benachteiligung von Ausländern auf dem Arbeitsmarkt gibt, aber das wäre unwahr gewesen. Und ich hätte schlicht sagen können, dieser Einsender wäre mit Sicherheit nicht betroffen, aber das hätte er als reine Beruhigungspille gesehen und nicht geglaubt, es hätte ihm nicht geholfen.

Bleibt der Ausblick auf die Zukunft: Die Globalisierung sprengt auch in diesem Bereich Grenzen. Nicht nur bei Vertriebspositionen, sondern vermehrt bei klassischen Projektingenieuren und -managern stoße ich auf Kunden, die schon bei der Definition des Anforderungsprofils sagen, „durch andere Kulturen geprägte“ Bewerber seien ausdrücklich willkommen, vorausgesetzt, sie sprächen fließend Deutsch.

Es gibt sogar gelegentlich die aberwitzige Konstellation, dass ausdrücklich ein Ausländer gesucht wird, aber man das nicht in die Anzeige schreiben darf, denn das benachteiligt die deutschen Bewerber.

Kurzantwort:

1. Wenn man sich ganz fest einbildet, man habe ein Handicap, an dem man vermutlich im Bewerbungsprozess scheitern werde – dann wird man scheitern.

2. Wann immer ein Bewerber mit ausländischem Hintergrund deswegen auf Probleme stoßen könnte: Das perfekte Beherrschen der deutschen Sprache, ein Studium in Deutschland und die deutsche Staatsangehörigkeit helfen sehr. Demgegenüber kann das bewusste oder als demonstrativ empfundene Herausstellen von Details, in denen der Bewerber „anders“ ist, das Gegenteil bewirken.

Frage-Nr.: 2444
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-11-19

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