Heiko Mell

Krankheitsbedingte „Delle“ im Lebenslauf

Ich bin 44 und habe nach dem Studium zum Dipl.-Ing. (FH) zunächst 3,5 Jahre in vollem Umfang eine entsprechende technische Stelle bekleidet. Dann wechselte ich gesundheitsbedingt für zwei Jahre in ein sehr spezielles geisteswissenschaftliches Studium und habe dann wieder acht Jahre etwas eingeschränkt und ziemlich fachfremd gearbeitet.

Seit zwei Jahren will ich mich wieder verbessern und habe die Stellensuche begonnen (für meinen technischen Beruf als Dipl.-Ing.), da ich jetzt wieder fit bin und mich noch jung genug fühle, etwas zu wagen. 170 Bewerbungen waren bereits erfolglos, da mein Werdegang, so nehme ich an, einen Karriereknick aufweist und ich weder die fachliche Nähe zur Theorie eines Absolventen habe, noch mich in der Maschinenbauwelt erfolgreich etablieren konnte.

Sie haben sicher einen guten Rat für mich.

Antwort:

Mehr wissen wir nicht über Sie, vor allem nicht über die Art Ihrer achtjährigen „eingeschränkten“ Tätigkeit. Ich entnehme einer Anmerkung von Ihnen, dass es sich um nichts gehandelt hat, was typisch für einen Dipl.-Ing. wäre. Ihr fachfremdes Zweitstudium (extrem fachfremd) hat sicher zu keinem Abschluss geführt, ich habe es zu Ihrem Schutz nicht konkret benannt.Sie haben aus der Sicht des Bewerbungsempfängers mehrere Probleme:

a) Sie waren derart stark gesundheitlich angeschlagen, dass Sie dadurch völlig aus der beruflichen Bahn geworfen wurden. Sie haben zu einem ungewöhnlich klingenden Zweitstudium gegriffen: Das aber war doch auch irgendwie Arbeit – hätten Sie stattdessen nicht einen Qualifizierungskurs für Ingenieure besuchen können? Wie dem auch sei: Eine derart „schlimme“ Krankheit stimmt jeden Bewerbungsempfänger zutiefst misstrauisch (Rückfallgefahr, Persönlichkeitsformung durch die lange Auszeit, heutige Belastbarkeit etc.). Es gilt: Im Zweifel gegen den Bewerber – und die Zweifel sind massiv.

b) Ihre letzte „richtige“ Ingenieurtätigkeit ist zehn Jahre her – damit ist Ihre entsprechende Qualifikation nicht mehr gegeben.

Beides addiert sich in fataler Weise – die 170 vergeblichen Bewerbungen unterstreichen das. Weitere Bemühungen dieser Art würden nur wieder zu Absagen führen – die Bewerbungsempfänger müssen so reagieren, die Regeln sind so gestaltet. Also können Sie in der bisherigen Art und Weise nicht weitermachen.

Natürlich habe auch ich für einen so weit neben den Standards liegenden Fall keine Patentlösung. Nach bestem Wissen empfehle ich folgende Strategie:

1. Lassen Sie das für Ingenieure extrem „auffällige“ Zweitstudium, das ohnehin keinen Abschluss fand, ganz weg. Entweder haben Sie auch in dieser Zeit „etwas eingeschränkt gearbeitet“ oder es war ein „krankheitsbedingter Ausfall“, den Sie zur Begründung der fachfremden Tätigkeit ohnehin angeben müssen.

2. Unbedingt für den Bewerbungsleser befriedigend darstellen müssen Sie die Krankheit. Wenn der Leser auch nur den Verdacht hat, es könnte zu Rückfällen kommen oder die Geschichte sei „unklar“, lässt er vorsichtshalber die Finger von Ihrer Bewerbung.

Sofern es sich jedoch um eine „mechanische“ Erkrankung handelt, die beispielsweise durch Operation und Nachbehandlung ausgeheilt ist, könnte man sie offen benennen.

Handelt es sich jedoch um eine psychische Erkrankung, sollte man mit der Wahrheit vorsichtiger umgehen – sie wirkt extrem abschreckend auf medizinische Laien.

In jedem Fall (zwingend) ist ein Hinweis darauf, dass die Krankheit vollständig ausgeheilt und dass lt. Aussagen der Ärzte keine Rückfallgefahr besteht. Am besten wäre es, Sie könnten schreiben, dass ein medizinisches Gutachten dazu vorliegt, das Sie entweder beifügen oder bei Bedarf vorlegen.

3. Dennoch bleibt aus der Krankheit und aus den zehn Jahren nicht ausbildungsgerechter Tätigkeit in den Augen des Empfängers ein großes Risiko – das er keinesfalls übernehmen will. Sie sollten also schreiben, dass Sie sich dessen bewusst und gern zu einer befristeten Anstellung, einer zunächst auf freiberuflicher Basis aufgebauten Beschäftigung o. Ä. bereits seien.

4. Ihre alte Ingenieurqualifikation ist praktisch „tot“. Sie müssten eine Tätigkeit deutlich darunter anvisieren – in der Sie erst einmal beweisen, dass Sie einen Achtstundentag problemlos durchstehen und sich wieder in einen entsprechenden Betriebsablauf integrieren können. Wenn Sie dort überzeugen, ist ein allmählicher Aufstieg in die Nähe qualifizierterer Tätigkeiten möglich.

5. Alternativ zu 4. könnten Sie eine begrenzte Zeit investieren, um eine zu einem Ingenieur passende Spezialqualifikation zu erwerben (von SixSigma über 3D-CAD bis hin zum Qualitätswesen; das sind willkürliche Beispiele). Dann könnten Sie versuchen, auf dieser Basis als eine Art Anfänger neu einzusteigen. Aber Sie müssen die Qualifizierung erfolgreich abgeschlossen haben, wenn Sie sich bewerben. Schauen Sie einmal in Stellenanzeigen, welche Zusatzqualifikationen bei Einsteiger-Ingenieuren derzeit gesucht sind.

6. Wichtig ist auch noch die Beurteilung in jenem Arbeitszeugnis über die ersten 3,5 Jahre. Es ist zwar jetzt alt, sollte aber dennoch möglichst gut sein.

Kurzantwort:

Wer durch eine Krankheit für Jahre aus der Bahn geworfen wurde, hat nicht nur diese Zeit verloren, er wird auch noch unter dem Status anfangen müssen, den er vor der Krankheit gehabt hatte.

Frage-Nr.: 2435
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-09-29

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