Heiko Mell

Wo bleiben Praktika u. Ä.?

Würden Sie Praktika und Tätigkeiten als studentische Hilfskraft während des Studiums unter „Berufserfahrung“ oder „Ausbildung/Studium“ aufführen? Ich habe diesbezüglich verschiedene Meinungen bekommen.

Antwort:

Der Lebenslauf ist Kernstück der Bewerbung, seine Beurteilung durch den Leser ist die wesentliche Entscheidungsbasis für die weitere Behandlung der gesamten Unterlagen. Anschreiben und Zeugnisse runden das Bild ab – können aber eine eventuelle negative Vorprägung durch den Lebenslauf (der von Profis häufig zuerst gelesen wird) nicht mehr „kippen“.

Die wichtigsten Anforderungen an den Lebenslauf sind

– Klarheit,

– Verständlichkeit (auch hinsichtlich der Chronologie),

– hinreichende Informationsdichte,- schnelle, problemlose Erfassbarkeit durch den unter Zeitdruck stehenden Leser, der in der Regel weniger als eine Minute Zeit pro Bewerbung hat, zumindest im ersten Durchgang (in dem aber schon die Spreu vom Weizen getrennt wird).

Ich kann das auch anders ausdrücken: Der Lebenslauf soll bei einem relativ flüchtigen Lesen/Überfliegen alle gewünschten Informationen liefern und keine Fragen offenlassen!

Bilden wir einmal ein schlechtes Beispiel:

Auf Seite 1 fehlen zwischen Schule und Studium etwa zwei Jahre. Auf Seite 3 oder 4 steht dann ganz am Schluss „Wehr-/Zivildienst“ – damit ist die Frage nach der Lücke zwar beantwortet, aber der Leser hat sich bis dahin schon intensiv über den Bewerber geärgert.

Die wichtigste Regel: Der Verfasser des Lebenslaufs ist „Herr der Rubriken“. Die zweite: Kombinieren und/oder nennen Sie die Rubriken so, dass eine chronologische Verfolgung des Werdeganges durch den Leser problemlos möglich ist. Mit diesen beiden Regeln und unter Beachtung der oben aufgelisteten Anforderungen lösen Sie nahezu jedes Problem.

Beispiel dafür: Jemand hat zwei Semester studiert, dann hat ihn die Bundeswehr eingezogen, danach hat er weiter studiert. Lösung: Er schafft die Rubrik „Studium/Wehrdienst“. In der bringt er chronologisch das ganze Chaos unter – und hat gleich eine gute Erklärung für das insgesamt vermutlich etwas längere Studium.

Zu Ihrer Frage: Als „Berufserfahrung“ gelten solche Tätigkeiten, die nach abgeschlossener Ausbildung stattfinden, z. B. kann es auch Berufserfahrung als Facharbeiter nach einer Lehre, aber vor dem Studium geben. In solch einem Fall kreieren Sie dafür einfach eine Rubrik „Berufspraxis vor dem Studium“, dann ist alles korrekt (und diese Rubrik überspringt der Leser später, weil es dort eben nicht um die im Mittelpunkt seines Interesses stehende „Berufspraxis nach dem Studium“ geht, wie dann die entsprechende andere Rubrik lauten müsste).

Ihre Praktika usw. sind also keine Berufserfahrungen im klassischen Sinne. Bilden Sie einfach eine Rubrik „Praktika und Nebentätigkeiten während des Studiums“, setzen Sie diese hinter das Studium und führen Sie dort die einzelnen Phasen auf. Mit steigender „richtiger“ Berufspraxis (nach dem Studium) verliert diese Praktika-Rubrik dann an Wert und kann irgendwann später deutlich reduziert werden oder ganz entfallen.

Kurzantwort:

Der Bewerber ist „Herr der Rubriken“ des Lebenslaufs. Diese sind so zu formulieren und anzuordnen, dass den Interessen des Empfängers gedient wird und dass sich möglichst beim Lesen keine offenen Fragen ergeben.

Frage-Nr.: 2403
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-04-16

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