Heiko Mell

Stolzer Vater – guter Mensch?

Ich studiere Maschinenbau mit wirtschaftswissenschaftlichem Zusatzstudium und stehe kurz vor dem Abschluss. Vor einigen Wochen kam unser erster Sohn zur Welt, und ich frage mich, inwiefern ich dies bei Bewerbungsgesprächen zum Jobeinstieg erwähnen sollte (auf Nachfrage oder einfach so). Einerseits zeugt es von Verantwortungsbewusstsein und Verlässlichkeit, andererseits könnte man mir auch unterstellen, dass ich dadurch nicht mobil und weniger leistungsfähig bin.

Antwort:

Sie sind jetzt sehr stolz auf Ihren Sohn – und das dürfen Sie auch. Auch ich gratuliere Ihnen. Aber, daran werden Sie sich gewöhnen, die übrige Menschheit nimmt Ihren Nachwuchs überwiegend eher gelassen zur Kenntnis. Das gilt grundsätzlich auch für (künftige) Arbeitgeber, vor allem, soweit es um Väter geht.

Fangen wir einmal mit dem an, was Sie am Anfang Ihres letzten Satzes sagen: Rechnen Sie eher nicht mit einem Bonus wegen „erwiesenen Verantwortungsbewusstseins“ und „demonstrierter Verlässlichkeit“. Letztlich beweist ein Kind eher gar nichts. Es gibt höchst unterschiedlich veranlagte Eltern – manche behandeln ihre Kinder so, dass man sich wünscht, ihnen wäre rechtzeitig vorher die „Vermehrungslizenz“ entzogen worden. So schön und wichtig Kinder für Staat und Gesellschaft sind – der Arbeitgeber sieht darin eher keinen Nutzen für sich und eben auch keinen Qualifikationsbeweis bei seinem (potenziellen) Mitarbeiter.

Sofern sich ein Bewerbungsempfänger überhaupt mit Ihrem Vater-Status beschäftigt, könnte er sogar noch zu der Überlegung neigen, der Zeitpunkt sei von Ihnen nicht so furchtbar optimal gewählt worden Aber einen Vorwurf macht er Ihnen daraus nicht. Und dass auch junge Väter öfter einmal unausgeschlafen zum Dienst antreten, gilt als eines der hinzunehmenden Risiken des Lebens.

Also haben Sie als Bewerber wegen Ihres Sohnes erst einmal keine besonderen Vorteile – und Sie treten gerade als Berufsanfänger im Wettbewerb gegen kinderlose, überwiegend ledige Bewerber an. Es wird erwartet, dass Sie mit denen problemlos konkurrieren können (Bereitschaft zu Dienstreisen mit und ohne Übernachtung, zu Überstunden, zu eventuellen Einsätzen an anderen Standorten, ggf. zu befristeten Auslandseinsätzen).

Sagen wir es pauschal einmal so: Im beruflichen Bereich geht es vorrangig um Ihre beruflich relevante Qualifikation. Ihr Privatleben ist – sofern es nicht belastend in die Berufsausübung hineinspielt – grundsätzlich Ihre Privatsache. Das alles schließt nicht aus, dass es viele verständnisvolle Vorgesetzte im Lande gibt, die junge Eltern nach Kräften unterstützen und zumindest viel Verständnis für sie aufbringen. Aber: Meist bezieht sich das auf Mitarbeiter, die schon so zwei bis drei Jahre hervorragende Arbeit für diesen Chef geleistet hatten, bevor dessen Verständnis für eine gewisse Belastung im Privatbereich des Angestellten gefordert wurde. Bei der Bewerbung ähnlich qualifizierter Berufsanfänger ist es also nicht undenkbar, dass ein Arbeitgeber dem kinderlosen Kandidaten den Vorzug gibt. Es kommt dabei auch auf den zu besetzenden Arbeitsplatz an.

Wenn Sie sich frei bewerben und Ihren Lebenslauf selbst gestalten können (Gegenbeispiel: Sie müssen eine vorgegebene Maske oder einen Fragebogen ausfüllen), dann geben Sie unter „Familienstand“ korrekt an „verh. (1 K.)“. Dass das ein Sohn ist und wie der heißt, hat in Bewerbungen nichts zu suchen!

Und dann gibt es natürlich noch Varianten (die Sie nicht wählen müssen, aber eventuell könnten):

– Woher sollen Sie als Noch-Student wissen, was ein „Familienstand“ ist und was eine Personalabteilung da lesen will? Schließlich ist das keine exakte Wissenschaft! Wenn Sie also angeben: „Familienstand: verh.“, so ist das m. E. weder falsch, noch Basis für spätere massive Vorwürfe. Erst „verh., o. K.“ wäre gelogen und indiskutabel.

– Woher sollen Sie als Noch-Student wissen, dass oder ob man überhaupt einen „Familienstand“ angibt? Wenn Sie die ganze Zeile einfach weglassen, machen Sie nicht wirklich etwas falsch. Deswegen wird Ihre Bewerbung nicht im Vorfeld aussortiert – und wer etwas dazu wissen will, kann ja im Vorstellungsgespräch fragen.

Achtung: Ich sage nicht, Sie sollten sich etwa Ihres Sohnes schämen und ihn verleugnen. Sie sollen weiter stolz auf ihn sein, keine Frage. Aber die Bewerbung ist ein Verkaufsvorgang, da darf man schon einmal taktisch geschickt vorgehen. Es gilt, jeweils die nächste Hürde zu nehmen: Wer erst einmal ins Vorstellungsgespräch hineinkommt, hat Chancen. Wer vorher hinausgeflogen ist, hat keine mehr, jedenfalls nicht in diesem Fall.

Kurzantwort:

Es männlicher Berufseinsteiger mit Frau und Kleinkind sollte mit unterschiedlichen Reaktionen von Bewerbungsempfängern rechnen, wenn er seinen Familienstand korrekt angibt. Es gibt aber auch „Hilfslösungen“.

Frage-Nr.: 2401
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-04-09

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