Heiko Mell

Im Schnellhefter noch zeitgemäß?

Sind Bewerbungen im Schnellhefter noch zeitgemäß? Bisher haben wir immer Schnellhefter verwendet und fanden dies auch logisch sowie praktisch. Andere vertreten die Meinung, dass Klemmhefter und Bewerbungsmappen zeitgemäßer wären und man Schnellhefter nicht mehr verwenden würde.

Antwort:

Der Bewerber reicht seine Unterlagen zur Prüfung ein. Diese wird in der Regel von einem Profi durchgeführt, der oft bis ständig so etwas lesen darf oder muss, wie Sie wollen.Szenenwechsel: Ein Auto fährt zur Hauptuntersuchung („TÜV“). Der Fahrer hat extra eine neue durchsichtige Decklackschicht auf die sorgfältig aufbereitete Oberfläche seines Fahrzeugs aufbringen lassen und poliert noch auf dem Hof der Prüfstelle jedes Stäubchen gnadenlos weg. Aus einem Kofferradio, das eine schmucke Cheerleaderin vorwegträgt, klingt die Lieblingsmusik des Prüfers. Eine rote Schleife aus Seidenpapier umschmeichelt die Konturen des Autos.

Der Prüfer ist Fachmann mit langjähriger Praxis. Er amüsiert sich über den Aufwand, lässt die rote Schleife abnehmen – und widmet sich intensiv dem Unterboden des Fahrzeugs, seinen Bremsen und seinen Abgaswerten. Man kann garantieren, dass ein nur auf Äußerlichkeiten gerichteter Aufwand des Fahrzeughalters keinen einzigen Pluspunkt bringt, eher gilt das Gegenteil.

Zurück zur Bewerbung: Bei Profis gewinnt man nichts mit der Verpackung, man überzeugt nur durch den Inhalt. Ist der kritisch zu sehen, rettet eine Mappe mit Goldprägung auch nichts mehr. Eher im Gegenteil.

Gefordert werden von der „Verpackung“: Sauberkeit, ein seriöses Erscheinungsbild, erkennbare Sorgfalt bei der ganzen Aufbereitung. Flecken, geknickte Deckblätter, Kaffeereste oder – sehr beliebt – das Preisschild hinten noch draufgelebt sind der angestrebten Wirkung abträglich.

Die „modernen“ dreiflügeligen Pappmappen sind viel weniger interessant für den Leser als Schreibwarenhersteller denken, aber der Profi nimmt sie gottergeben hin.

Am besten ist ein schmiegsamer Plastikordner mit durchsichtigem Deckblatt – ohne Register, ohne Anlagenverzeichnis, ohne Plastikhüllen um jede einzelne Zeugniskopie. Ob die einzelnen Blätter nun geheftet, geklemmt oder sonst wie festgehalten werden, ist nicht entscheidend.

Nun, die Bewerbungsleser sind auch bloß Menschen. Ich kann nicht garantieren, dass es nicht einen einzigen gibt, der für aufgeklebte Blümchen einen Pluspunkt vergeben würde.

Und natürlich ist „Originalität“ beim Bewerber gefragt. Aber zwei Studiensemester weniger gebraucht, zwei Auslandssemester mehr geboten als andere, Arbeitgeberzeugnisse mit mehr Lob als die Mitbewerber und einen erfolgreicheren, zielführenderen Werdegang als der Rest vom Bewerbungsstapel – das ist originell genug. Selbst die „Kreation“ eines Lebenslaufes, den man auf Anhieb versteht und der keine wesentliche Frage offen lässt, darf schon als originell gelten.

Kurzantwort:

Wer sich bewirbt, möchte sich gern von der Masse der Mitbewerber abheben. Keinen Anlass zur Kritik zu geben, reicht dafür völlig aus. 90 % der anderen nämlich geben (diesen Anlass).

Frage-Nr.: 2378
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-12-18

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