Heiko Mell

Auftreten wichtiger als Unterlagen?

Frage (Jubiläums- Einsendung): Mich stört, dass dem Auftritt im Vorstellungsgespräch mehr Gewicht als den Bewerbungsunterlagen gegeben wird. Der Eindruck im Vorstellungsgespräch ist wesentlich subjektiver.
Für mich ist die Gewichtung zwischen Gespräch und Unterlagen in der heutigen Form eine der Hauptursachen von nichtoptimalen Stellenbesetzungen.

Antwort:

Ich glaube, Sie gehen von nicht ganz richtigen Vorstellungen aus. Sie denken vermutlich so:

Da arbeitet man zehn Berufsjahre engagiert und erfolgreich, hat vorher mit überzeugenden Resultaten studiert und vielleicht noch promoviert, verfügt damit über Unterlagen „vom Feinsten“ – und dann entscheiden wenige Minuten im Gespräch über Sieg oder Niederlage. Wenn mich der Arbeitgebervertreter im Vorstellungsgespräch spontan nicht leiden kann – oder einen Mitbewerber mehr mag -, dann sind die zehn Jahre Praxis nichts mehr wert, der persönliche – subjektive(!) – Eindruck dominiert alles.

So einfach aber ist das nicht!

Lösen wir uns vorübergehend vom Bewerbungsprozess und springen wir hinein in den beruflichen Alltag. Und da gilt als „ehernes Gesetz“: Ein guter Entwicklungsingenieur ist nicht etwa jemand, der gute Entwicklungsarbeit leistet – weil überhaupt nicht allgemeinverbindlich definiert werden kann, was als „gut“ anzusetzen ist. Nicht eine neutrale Expertenkommission entscheidet darüber – so wie auch ich als Kunde mir von keiner Kommission in die Beurteilung meines Autos hineinreden lasse. Wenn mir der Wagen nicht gefällt, dann zeige ich mein Höchstmaß an Verachtung: Ich wechsele die Marke. Genau so entscheidet jeder Arbeitgeber selbst, ob seine Mitarbeiter etwas taugen. Diese Beurteilung delegiert er an deren Vorgesetzte. Die entscheiden ein bisschen subjektiv, ein bisschen am Urteil ihres eigenen Chefs und/oder an dem der Kontaktabteilungen intern bzw. der Geschäftspartner orientiert. Aber sie entscheiden verbindlich.

Daher gilt: Ein guter Mitarbeiter ist jemand, den sein Vorgesetzter dafür hält. Den Satz kennen Sie schon, ist er systemimmanent und gilt unumstößlich.Was ist aber dann ein guter Bewerber? Das ist ebenfalls jemand, den der suchende Vorgesetzte dafür hält. Wer den Job will, muss diese Hürde nehmen. Wer Angestellter werden oder sein möchte, hat das zu akzeptieren.

Nun sieht der beurteilende Vorgesetzte in der täglichen Praxis bei seinen schon vorhandenen Mitarbeitern jeweils zwei Aspekte, die fachliche Arbeit und die Persönlichkeit mit all ihren Eigenschaften und Fähigkeiten. Beides beurteilt er einzeln und führt das zu einem Gesamturteil zusammen. Beides hat großen Anteil an dieser „Gesamtnote“ – eine extrem schlechte Teilbewertung entweder der fachlichen Arbeit oder der Persönlichkeit führt zum Aus. Denn es nützt nichts, wenn ein Entwicklungsingenieur tolle Ideen hat und sein CAD-System kreativ beherrscht, aber faul, unzuverlässig, Widerworte gebend und teamunfähig ist.

Und dieses Prinzip überträgt man auf die Bewerberauswahl. Etwas vereinfacht gesehen übernehmen die Unterlagen des Kandidaten den Part „fachliche Qualifikation“. Schön, es gibt ein paar Zeugnisse auch mit Aussagen zu Persönlichkeitsaspekten – aber man weiß ja, wie die entstehen, und aus den letzten sieben oder acht Jahren hat er bei ungekündigtem Arbeitsverhältnis keines. Aber man sieht, welche Position in was für einem Unternehmen er innehat(te), welche Tätigkeiten er aus(ge)führt (hat) – und man sieht aus alten Zeugnissen und Werdegangverlauf (Beförderungen/Zuständigkeitserweiterungen), wie bisherige Arbeitgeber die Arbeit des Kandidaten beurteilt haben.

Nun, dieser Beurteilung der fachlichen Arbeit durch andere (frühere Chefs) vertraut man – die Maßstäbe dafür sind überall ähnlich. Nur von der Persönlichkeit möchte man sich denn doch ein eigenes Bild machen.

Also gilt: Beim Bewerber prüft man Unterlagen + persönlichen Eindruck. Da das Auswerten der schriftlichen Bewerbung unaufwändig ist, während das persönliche Kennenlernen extremen Aufwand auf beiden Seiten erfordert, hat man ein rationelles Verfahren entwickelt: Erst werden die Unterlagen ausgewertet – wer als Bewerber das nicht übersteht, ist „draußen“, seine Persönlichkeit wird gar nicht mehr bewertet. Der Rest wird eingeladen (ca. 5 bis 10 Kandidaten). Wer den persönlichen Eindruck nicht übersteht, ist nun ebenfalls „draußen“. Kandidaten mit schlechten Unterlagen kommen also nie zur Einstellung – wer den Vertrag bekommt, hat beide Hürden erfolgreich genommen.

In der Theorie ist das ein sehr gutes Verfahren, direkt „falsche“ Besetzungen dürfte es danach nicht mehr geben. Es gibt sie dennoch, weil der Unterlagen-Auswerter, der Arbeitgebervertreter im Gespräch und der Bewerber Menschen sind – die Fehler machen, einer „Tagesform“ unterliegen oder deren Qualifikation/Erfahrungshintergrund ungenügend ist. Aber das Prinzip überzeugt, wird und kann nicht aufgegeben werden, auch wenn es Schwächen hat. So gibt es Bewerber, deren Unterlagen sind besser als ihre wahre Qualifikation: Um Geld bei der Abfindung zu sparen oder einen Kündigungsschutzprozess zu vermeiden, schönen Firmen z. B. Zeugnisse oder bescheinigen statt des arbeitgeberseitigen Rauswurfs artig ein Ausscheiden auf eigenen Wunsch.

Und es gibt Kandidaten, deren persönlicher Eindruck ist besser als es dem tatsächlichen Hintergrund entspricht. Wenn einer davon auch noch geschönte Papiere hat, droht tatsächlich eine Fehlentscheidung.

Aus Ihrer Frage, geehrter Einsender, geht ein wenig die Furcht hervor, persönlich im Gespräch nicht besonders überzeugend zu sein. Das aber ist in einer Marktwirtschaft ein deutlicher Nachteil. Jeder weiß: Im Bewerbungsfall gibt es – wie beim Abitur – eine schriftliche und eine mündliche „Prüfung“. Und wer mit Glanz und Gloria bestehen will, muss in beiden Varianten überzeugen. Wer als Bewerber „im Mündlichen“ nicht gut ist, hat ein Handikap – aber auch eines im betrieblichen Tagesgeschäft. Auch dort muss jeder sein Anliegen immer wieder überzeugend „verkaufen“ – im Team, gegenüber dem Chef, beim Vorstand, beim Projekt, bei Kunden oder bei Lieferanten. Wer das kann, schafft auch die „mündliche Prüfung“ im Bewerbungsprozess.

Es sei an ein Grundprinzip der Marktwirtschaft erinnert: Ein mittelmäßiges Produkt in brillanter Verpackung verkauft sich generell besser als ein brillantes Produkt in mittelmäßiger Verpackung. Das gilt ebenso im „Supermarkt des Berufslebens“. Man hat auch für seine eigene Persönlichkeit besser keine „mittelmäßige Verpackung“, ggf. arbeite man daran. Vor allem aber bekämpfe man nicht dieses Grundprinzip. Das ja auch in anderen Lebensbereichen gilt: Ein brillanter politischer Kopf, der bei den Leuten nicht ankommt, wird nie Bundeskanzler.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2317
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-05-27

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