Heiko Mell

Warum hinter dem Rücken des Chefs?

Mich stört am bestehenden System am meisten, dass ich mich beim normalen Lauf der Dinge hinter dem Rücken meines Arbeitgebers um eine andere/neue Stelle bewerben muss.

Antwort:

Ihr Unbehagen ist völlig berechtigt! Mit Sicherheit legen Sie den Finger auf eine systemimmanente Schwachstelle.

Der „Tatbestand“ ist klar: Man ist als Angestellter gehalten, ein solides Vertrauensverhältnis zum Arbeitgeber, insbesondere zur Person des Vorgesetzten aufzubauen und aktiv zu pflegen. Es ist ein empfindliches „Pflänzchen“, das da mühsam herangezogen wird. Ein bisschen Zugluft, und es lässt die Blätter hängen; ein wenig Frost, und alles ist aus; ein paarmal nicht gegossen, und Sie können sich eine neue Blume suchen. Loyal soll der Angestellte sein, ehrlich, vertrauenswürdig etc. etc.

Was aber gehört alles zur Bewerbungsphase?

a) Da ist zunächst der Wunsch, entweder hier wegzugehen oder zumindest einmal zu schauen, ob andere Mütter nicht auch schöne (resp. schönere) Töchter haben. Das allein ist die Vorstufe zum Hochverrat und wäre ausgesprochen karriereschädlich, würde man es offen verkünden.

Hinzu kommt, dass wer a sagt, auch b sagen muss. Selbst wenn der Chef also zähneknirschend-gutwillig Ihren Neuorientierungswunsch akzeptieren würde/könnte, müsste er doch sofort weiter planen für die Zeit nach Ihnen. Natürlich bekämen Sie, der Sie ja „gehen“ wollen, weder eine der knappen Gehaltserhöhungen, noch die Verantwortung für ein neues Projekt. Das ist schlimm genug. Aber eines Tages müsste der Chef entnervt fragen: „Sind Sie immer noch hier – ich denke, Sie wollten gehen? Nun mal hopp, hopp, Ihr Nachfolger scharrt schon mit den Hufen.“ Und dann finden Sie keinen besseren Job oder entschließen sich aus anderen Gründen zum Bleiben – aber der „Stuhl“, auf dem Sie sitzen bleiben wollen, ist bereits anderweitig vergeben oder angesägt.

Also schon aus diesem Grund geht Offenheit nicht. Sie verlassen nach einem Streit mit Ihrer Frau ja auch nicht die Wohnung und kündigen an: „Ich schaue jetzt einmal, ob ich nicht eine nettere Partnerin auftreibe.“ Der Kenner rät: Schauen Sie heimlich, Sie können sonst nicht mehr zurück.

b) Bloß über eine Neuorientierung zu reden, geht ja noch. Aber das in Bewerbungen schriftlich nachweisbar zu äußern, dann zu fremden Arbeitgebern persönlichen Kontakt zu pflegen, vielleicht sogar Ihren Dienstwagen während der Dienstzeit auf dem Besucherparkplatz der Konkurrenz abzustellen, das ist denn nun wirklich – moralisch gesehen – Hochverrat. Das sind Liebesbriefe an andere Frauen und konspirative Treffen mit denen in deren Wohnung. Das knallt gewaltig, wenn es „zu Hause“ herauskommt – oder wenn man es dem Chef offen sagte.

Beim Misserfolg dieser Bemühungen – hätte man sie vorher angekündigt – einfach schulterzuckend im bisherigen (Arbeits-)Verhältnis weiterzumachen, ginge schlicht nicht. Die Menschen (Chefs, Partner) sind dafür nicht geeignet. Wer den Weg nach draußen gehen will/möchte, muss es heimlich tun. Anders läuft es im bisherigen System nicht.

c) Wer mit seiner Bewerbung erfolgreich war, einen neuen Vertrag hat und den alten kündigt, sagt symbolisch dem Chef: „Siehe, das alles (nach a und b) habe ich heimlich gewollt und getan, jetzt trenne ich mich auch noch von dir – und bitte gib mir unbedingt ein gutes, warmherziges Zeugnis.“

Dass das oft sogar funktioniert, ist bereits ein kleines Wunder. Und beweist, dass auch Chefs mit dem heutigen Verfahren leben können.

Was wäre zu tun, um das schlechte Gewissen des Bewerbers zu beruhigen?

Man könnte als Regel einführen, dass es Standard ist, ist zu kündigen und dann Bewerbungen zu schreiben. Aber ist das praktikabel? Wovon lebt der Angestellte, wenn er nicht sofort etwas findet? Die Arbeitslosenzahlen würden wohl sprunghaft in die Höhe schnellen. Auch entfiele für den Bewerber die beruhigende Gewissheit, aus der Sicherheit einer ungekündigten Position heraus verhandeln zu können.

Fazit: Die heutige Regelung ist unbefriedigend, eine bessere aber nicht in Sicht und fast unmöglich. Wir werden weiter mit dieser Unvollkommenheit leben müssen. Für eine Änderung müsste man das ganze System auf den Kopf stellen.

Frage-Nr.: 2315
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-05-20

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