Heiko Mell

Eigenartiges Arbeitgeberverhalten

Frage: Ich bin bei … als …-Leiter beschäftigt. Sporadisch bewerbe ich mich, um meinen Marktwert zu testen.
Nach der letzten Bewerbung wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Telefonisch wurde mir mitgeteilt, dass der Firmenleiter erst in zwei Wochen Zeit habe, ein Datum wurde vereinbart. Kurz vor dem Termin wurde ich informiert, dass der Termin um drei Wochen verschoben werden musste, da der Firmenleiter absolut keine Zeit hätte.
Als es dann endlich so weit war, empfing mich die Personalleiterin und teilte mir mit, dass der Firmenleiter in einer wichtigen Besprechung wäre. Wir beide würden beginnen. Nicht ungewöhnlich, dachte ich mir. Im Gespräch wurde mir auch ein potenzieller Mitarbeiter vorgestellt. Die Gespräche waren sehr informativ und ich hatte den Eindruck, dass ich in diese Firma gut passen würde. Als wir auf das Gehalt zu sprechen kamen, wurde mir angedeutet, dass mein jetziges über dem Firmenstandard liegt.

Dann war das Gespräch beendet. Mir wurde mitgeteilt, dass der Firmenleiter leider keine Zeit hätte und ich ihn bei einem zweiten Gespräch kennenlernen würde. Einige Tage später wurde ich angerufen, die Personalleiterin teilte mir mit, dass ich für diese Position nicht durchsetzungsfähig genug sei, sie würden sich anderweitig umsehen.

Ich frage mich, ob der ganze „Zirkus“ mit dem Firmenleiter, der keine Zeit hat usw., auch ein Test war und zum Auswahlprozess dazugehört. Hätte ich mir eine solche Behandlung erbost verbieten sollen? Wird das von einem künftigen Leiter der …-Abteilung einer mittelständischen Firma erwartet?

Antwort:

Wo Menschen tätig werden, ist grundsätzlich nichts unmöglich. Es sind schon Entscheidungsträger, die eine fast unbegrenzte Macht hatten, auf die ausgefallensten Ideen gekommen. Aber das ist eine vorsorgliche Bemerkung, im vorliegenden Fall glaube ich nicht daran. Gehen Sie einmal von folgenden Zusammenhängen aus:

In Ihrer Geschichte gibt es einen Schlüsselsatz, der zum Verständnis führt. Und es gilt auch: Angefangen mit dem Ärger haben Sie und Gleichgesinnte, Ihr „Firmenleiter“ (vermutlich der Inhaber resp. Geschäftsführende Gesellschafter) hat darauf nur reagiert. Dass er das nun hätte eleganter machen können, steht auf einem anderen Blatt.

Also Sie schreiben: „Sporadisch bewerbe ich mich, um meinen Marktwert zu testen.“ Das dürfen Sie, gelegentlich wird das sogar empfohlen, Aber das heißt doch: „Meine Bewerbung war gar nicht ernst gemeint, unterschrieben hätte ich dort ohnehin keinen Vertrag.“Der Arbeitgeber weiß:

a) Ich muss mir irgendwo zwischen fünf und zehn Bewerbungen ansehen, damit – vielleicht, keinesfalls sicher – einer hängen bleibt, den ich anstellen kann. Davon sind hinterher drei zu teuer für mich, zwei gefallen mir nicht, einer will dann doch nicht umziehen, zwei haben nicht die von mir gewünschte Fachqualifikation und einer sagt nach schon unterschriebenem Vertrag wieder ab.

b) Eine offenbar nennenswert große Gruppe von Bewerbern hatte von Anfang an gar nicht vor, derzeit zu wechseln. Sie testet nur ihren Marktwert.Wenn er beides mit einbezieht, kommt er zu dem irgendwo verständlichen Schluss: „Bloß nicht ernst nehmen, diesen Kontakt mit dem einzelnen Bewerber. Die statistische Chance, dass daraus eine Problemlösung wird, ist einfach zu gering.“ Wer will ihm das verübeln?

Also verschiebt er diese Termine, wenn plötzlich irgendein anderes Problem auftaucht oder er geht nicht zum vereinbarten Gespräch, wenn etwas dazwischenkommt, das wenigstens halbwegs wahrscheinlich endgültig gelöst werden kann. Mit dem jeweiligen Bewerber hat das gar nichts zu tun. Und, da bin ich sicher, verspräche man dem Inhaber „Beim heute anstehenden Gespräch kommt es zur Lösung des Problems Neubesetzung der Position des Leiters xxx“, dann würde er erscheinen. So jedoch stuft er das einzelne(!) Vorstellungsgespräch völlig korrekt als ziemlich unwichtig ein.

Gleichzeitig ist er misstrauisch, delegiert Entscheidungen nicht gern. Und behält sich Personalentscheidungen persönlich vor. Vor allem die in der Ebene direkt unter ihm – dort ist der Personalleiter nur noch Kollege und nicht mehr der ideale Allein-Partner für Bewerber.

Lösung: Der Inhaber müsste über seinen Schatten springen und seinen Personalleiter oder einen externen Berater („sind Sie verrückt – was das wieder kostet“) zunächst die Erstgespräche führen lassen. Dann könnte er aufgrund sorgfältiger Berichte und Beurteilungen den Kreis seiner Gesprächspartner pro offener Position auf zwei oder drei begrenzen, hätte weniger Gespräche vergeblich geführt und nähme die verbleibenden Kontakte ernster. Je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir insbesondere die Lösung mit dem Personalberater.

In Ihrem Fall gilt: Wenn Ihnen als Bewerber etwas beim potenziellen neuen Arbeitgeber nicht gefällt, dann ziehen Sie einfach höflich und ohne hämische Bemerkung die Bewerbung zurück. Und: Die Absage, die Sie erhalten haben, ist nicht nur ungewöhnlich präzise – sondern kann auch stimmen!

Dass sich der Inhaber für einen Test auf Durchsetzungsvermögen zur Verfügung stellt, glaube ich nicht. Gedankenlosigkeit ist da schon wahrscheinlicher. Bedenken Sie: Sehr viele Inhaber waren nie Angestellte und haben sich nie beworben. Die wissen gar nicht, wie sich ein Bewerber fühlt.

PS: Wegen des Gehalts hatten Sie vermutlich ohnehin keine Chance. Sie hätten Ihre Ist-Bezüge – wie ich es stets empfehle – in die Bewerbung schreiben sollen. Das hätte Ihnen viel Ärger und Zeitverlust erspart (weil man Sie gar nicht erst eingeladen hätte).

Und: Wenn Sie im Gehalt schon über dem internen Standard liegen, hätten Sie sogar überdurchschnittliche Qualifikationsmerkmale zeigen müssen (z. B. Durchsetzungsstärke), um die „Mehrkosten“ zu rechtfertigen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2312
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-05-06

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