Heiko Mell

Abschreckendes Beispiel

Ich bin Mitarbeiter der zentralen Forschung eines Kfz-Herstellers. Mein Vorgesetzter hat mir den Tipp gegeben, Ihnen dieses Anschreiben einer Bewerbung eines Studenten um eine Praktikantenstelle bei uns im Haus einmal zuzuschicken – als abschreckendes Beispiel dafür, wie man es auf jeden Fall nicht machen sollte.

Wenn auch nicht alle Bewerbungen ganz so schlimm ausfallen wie diese hier, so gibt sie doch einen Einblick, welche eklatanten Fehler heutzutage auch von angehenden Hochschulabsolventen in Bewerbungen leider immer noch gemacht werden.

Antwort:

Danke dafür. Ich habe zwei schlechte Nachrichten für unsere Leser:

a) So schlimm sind Bewerbungen von Studenten und fertigen Akademikern oft tatsächlich. In der Branche der Personalprofis weiß man: Wer viele Bewerbungen liest, verliert den „Glauben an die Menschheit“, wie immer man den definieren wollte.

b) Der einfache (korrekte) Abdruck des Originaltextes hilft absolut nicht! Wer so denkt und schreibt, versteht einfach nicht, was daran komisch und/oder „tödlich“ (im Hinblick auf das angestrebte Ziel) sein soll. Und er lernt nichts dazu. Also habe ich die wichtigsten „Eckpunkte“ des Briefes nummeriert und werde sie kommentieren.

„Sehr geehrte Damen und Herren,

auch wenn ich Kraftfahrzeugtechnik nicht zu den Vertiefungsrichtungen meines Studiums gewählt habe (1), heißt das nicht, dass ich mich nicht für Automobiltechnik interessiere (2). Der Grund es nicht zu wählen war vielmehr, dass mich die Luft- und Raumfahrttechnik mehr interessierte (3), weil mir darüber weniger bekannt war (4). Ich habe mir jedoch bereits das Script der an der Universität angebotenen Vorlesung ‚Kraftfahrzeugtechnik II, Vertikal- und Querdynamik“ besorgt (5), um grundlegendes Wissen auf diesem Gebiet schaffen (6) zu können.

Mein Interesse für dieses Praktikum wurde vor allem dadurch geweckt, dass die Messwerte, die später beurteilt werden sollen, selbst ‚erfahren“ werden können, wobei auch Fahrmanöver geplant sind, die man im öffentlichen Straßenverkehr besser nicht vollführt (7).

Was mich neben meinen Referenzen für dieses Praktikum qualifiziert, sind meine gute Beobachtungsgabe, mein gutes Gespür und mein gutes technisches Verständnis. Soll heißen, ich merke es durchaus, wenn ein Auto über die Vorderachse schiebt und weiß auch, warum es das tut.

Ein Bewerbungsfoto werde ich demnächst hochladen (8), einen zusätzlichen Lebenslauf halte ich für überflüssig (9).

Bitte nehmen Sie zur Kenntnis (10), dass ich im Zeitraum vom … bis … in Urlaub bin und keine Fragen beantworten kann. Ansonsten (11) stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Weil die Beschreibung des Praktikums recht knapp ausgefallen ist (12), möchte ich Sie bitten, mir nähere Informationen zukommen zu lassen.

Über die Einladung zu einem persönlichen Gespräch würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen …“

Steigen wir also in die Details ein:

Zu 1: Die Bewerbung ist ein Verkaufsprospekt in eigener Sache. Es handelt sich um ein Instrument der Werbung – so heißt ja auch der harte Kern des Begriffs „Bewerbung“. Man wirbt nicht für etwas, indem man als allererste Aussage aufführt, was man an eigentlich wünschenswerter Qualifikation alles nicht mitbringt. Grundregel: Erst einmal positive oder wenigstens sachlich-neutrale Informationen, dann die Einschränkungen.

Zu 2: Die zentrale Information, man interessiere sich für Automobiltechnik, wurde in extrem „künstlerisch-gedrechselter“ Form etwas affektiert wirkend in eine doppelte Verneinung gepackt – ohne jeden Grund. Das ist nicht die klare Sprache eines Ingenieurs.

Zu 3: Hier steht erst einmal: Euer Fachgebiet (Autos) war für mich 2. Wahl, etwas anderes hat mich mehr interessiert.

Zu 4: Die Begründung ist albern – man studiert nicht etwas, weil man von dem betroffenen Gebiet nichts weiß (das gäbe ein hübsches Paket an Studienfächern pro Person).

Zu 5: Das ist ein „netter Versuch“, der aber nur begrenzt überzeugt, wenn mit der Ausschreibung ein Student der Kraftfahrzeugtechnik angesprochen wird.

Zu 6: Ich besorge mir ein Vorlesungsscript und schon „schaffe(!) ich grundlegendes Wissen“ – warum dann noch Vorlesungen besuchen, Klausuren schreiben und Examina ablegen? Wie schon bei den Punkten zuvor, rufen nicht nur die geschilderten Fakten, sondern vor allem die Art der Formulierung, der Ton der Aussage Widerstand hervor (das wird noch schlimmer).

Zu 7: Das klingt nach „verhindertem Rennfahrer“.

Zu 8: Das ist aber nett („demnächst“) und ungeheuer zuvorkommend von einem kleinen potenziellen Praktikanten gegenüber einem „der“ deutschen Großkonzerne.

Zu 9: Spätestens hier hört der Spaß auf. Der Verdacht, es trete jemand völlig unangemessen weit über Gebühr arrogant und/oder impertinent auf, wird Gewissheit.

Zu 10: Diese Formulierung ist wunderbar geeignet für

a) Kriegserklärungen,

b) juristisch relevante Kampfansagen an Prozessgegner und andere Intimfeinde und

c) als Zeichen höchster Erregung in privaten Mitteilungen an Beschwerdeempfänger. Sie eignet sich nicht für Bittgesuche (Bewerbungen können durchaus so gesehen werden – jedenfalls sind sie das eher als etwa Gnadenerweise).

Zu 11: Das ist reine Umgangssprache, ungeeignet für Geschäftskorrespondenz (als solche sind Bewerbungen einzuordnen).

Zu 12: Das ist Kritik am inserierenden Konzern, verbunden mit einer Bitte um Nachbesserung. Von alters her weiß die Menschheit: Es ist nicht besonders klug, jemanden zu kritisieren und dann auch noch Wünsche an ihn zu richten, wenn ich etwas von ihm erbitte. Unbeantwortet bleibt die Zentralfrage: Was will dieser Kandidat hier eigentlich? Außer am Steuer eines Testfahrzeuges einmal „die Sau rauszulassen“? Er passt doch fachlich gar nicht zum Interessenspektrum des angeschrieben Konzerns (Kfz-Technik). Man sucht keine Praktikanten, um dringende fachliche Probleme durch Studenten lösen zu lassen, sondern um Kontakte zu potenziellen späteren Mitarbeitern zu knüpfen.

Und nun mache ich den Versuch, ein Beispiel zu geben, was man in diesem Fall hätte schreiben können. Das soll keine perfekte Problemlösung sein – die es nicht geben kann, weil beim Empfänger Menschen mit individuellen Einstellungen sitzen.

„Sehr geehrte Damen und Herren,

als angehender Dipl.-Ingenieur der Universität … bewerbe ich mich um das von Ihnen offerierte Praktikum.

Ich bin gerade auch an der praktischen Seite der Kraftfahrzeugtechnik sehr interessiert. Die dargestellte Möglichkeit, später zu beurteilende Messwerte selbst ‚erfahren“ zu können, reizt mich in ganz besonderem Maße. Ich sehe hier eine sonst eher seltene Chance, theoretische und praktische Elemente dieses Metiers miteinander verbinden zu können.

Ich glaube, mir eine gute Beobachtungsgabe, ein gutes Gespür für Zusammenhänge und ein breites technisches Verständnis zuschreiben zu können. Vertiefte Fahrpraxis, seit einiger Zeit mit eigenem Fahrzeug erworben, liegt vor.

Sie werden meinem Lebenslauf entnehmen, dass ich im Studium die Vertiefungsrichtung Luft- und Raumfahrttechnik gewählt habe (wozu sicher auch jugendlich-romantische Vorstellungen von bemannter Raumfahrt zur Zeit des Abiturs maßgeblich beigetragen haben). Ich habe mich jedoch seit längerem dafür entschieden, meinen späteren Berufsweg im Automobilsektor zu suchen, diesem Bereich gilt heute mein besonderes Interesse. Einen Fachgebietswechsel im Studium habe ich bewusst nicht vollzogen; ich wollte Begonnenes zu Ende führen und Zeitverlust vermeiden. Ich glaube aber, viele technische Grundlagen meiner Studienrichtung in die Automobiltechnik einbringen zu können. Zusätzlich beschaffe ich mir beispielsweise Vorlesungsmanuskripte der Fahrzeugtechnik und arbeite sie durch.

Ein Praktikum gerade in Ihrem Hause wäre in diesem Zusammenhang eine große Chance für mich. Bitte gehen Sie davon aus, dass ich mich ganz besonders für einen Erfolg bei dieser Tätigkeit einsetzen würde.

Mit freundlichen Grüßen

Max Mustermann

PS: Vom … bis … bin ich im Ausland, habe aber selbstverständlich sichergestellt, dass mich Nachrichten per E-Mail erreichen.“

Ich garantiere nicht den Erfolg, aber als schlechtes Beispiel wäre es ungeeignet.

Frage-Nr.: 2307
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-04-15

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