Heiko Mell

Entlassen, geklagt, gewonnen, selbst gegangen und immer noch entlassen

Frage: (Anmerkung: Dies ist ein international geprägter Fall. Die Frage erreichte uns auf Englisch, wir haben sie „mit Bordmitteln“ übersetzt – hatten allerdings den Eindruck, Englisch sei irgendwie auch nicht die Muttersprache des Einsenders. H. Mell)
Ich schreibe auf Englisch, obwohl mein Deutsch gut ist. Aber diese Angelegenheit übersteigt meine Kenntnisse. Sie können gern in Deutsch antworten.

Während meiner Vorstellungsgespräche gibt es immer einen dunklen Punkt, den ich nie lösen kann: Während meiner Karriere in einem einzigen Unternehmen hatte ich ein großes Missverständnis mit meinem Chef über ein Projekt. Das brachte uns in eine Konfliktsituation, in der das Management entschied, mich und zwei andere Mitarbeiter zu entlassen. Folglich verklagte ich die Firma und gewann, wollte aber nicht in der Gesellschaft bleiben und ging.

Später prüfte ich das Arbeitszeugnis und sah, dass dort immer über einen entlassenen Arbeitnehmer geschrieben wurde.

Ich fand später einen neuen Job. Aber im Vorstellungsgespräch hatte ich das Gefühl, ich kann diesen Punkt nicht lösen. Ich weiß nicht, wie ich das im neuen Unternehmen erklären soll.

Die Frage ist immer die gleiche: Warum haben Sie das Unternehmen gewechselt? War es eine eigene Kündigung oder eine Entlassung?

Antwort:

Jedes Detail habe ich nicht verstanden, das fragliche Arbeitszeugnis liegt mir nicht vor und ich weiß nicht so richtig, warum Sie dem Unternehmen, bei dem Sie den neuen Job gefunden haben, jetzt noch irgendetwas erklären wollen oder müssen – der Vertrag müsste doch längst unterschrieben sein.

Vielleicht haben Sie beim neuen Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch ja auch so getan als sei alles in Ordnung, Sie würden beim vorigen Arbeitgeber „auf eigenen Wunsch“ ausscheiden (also selbst kündigen). Und jetzt befürchten Sie Probleme, wenn Sie das fragliche Zeugnis des früheren Arbeitgebers beim neuen nachreichen müssen.

Am besten gehen wir den Fall – auch im Interesse anderer Leser – grundsätzlich an. Und da gilt (auch wenn sich manches davon gegenseitig widerspricht):

1. Man soll im Vorstellungsgespräch stets die Wahrheit sagen. Tut man das nicht, trägt man ein sehr großes Risiko (nach erfolgter Einstellung), das bis zur Entlassung gehen kann.

Dabei erwarten Firmen, dass im Gespräch nicht nur ihre Fragen wahrheitsgemäß beantwortet werden, sondern dass Sie möglichst auch ungefragt solche Details nennen, die für den potenziellen neuen Arbeitgeber von Bedeutung im Einstellprozess sein können.

2. Die für Gerichtsprozesse oder allgemein für spezialisierte Juristen relevante Frage, was Sie laut Recht und Gesetz angeben müssen und wo Sie ggf. sogar lügen dürfen, nützt Ihnen in der Praxis wenig. Der neue Arbeitgeber ist sehr enttäuscht, wenn er etwas über Sie erfährt, das Sie bei der Einstellung verschwiegen haben und das eventuell zu kritischen Überlegungen Anlass gegeben hätte. Er ist auch dann enttäuscht („stocksauer“), wenn Sie eine Rechtsvorschrift ausgraben, nach der Sie dieses oder jenes hätten verschweigen dürfen. Er lässt es sich nicht verbieten, stocksauer zu sein. Er akzeptiert höchstens, dass er sich als Begründung für Ihre eventuelle Entlassung etwas anderes einfallen lassen muss. So ist die Praxis.

3. Es ist denkbar, dass man bei Darstellung der wahrheitsgemäßen „Umstände“ kaum Chancen auf eine Einstellung hat. Die betroffenen Bewerber versuchen dann oft, nicht die volle Wahrheit zu sagen, damit ihre Einstellchancen zu verbessern und dafür ein gewisses Risiko gemäß 1. und 2. in Kauf zu nehmen.

4. Die Regel für Mitarbeiter lautet nicht: Du sollst hinterher dies oder jenes über die Katastrophe erzählen. Sie lautet hingegen: Du sollst bestimmte Katastrophen während der Beschäftigung vermeiden. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

5. In Ihrem Fall sieht die „Wahrheit“ so aus:Sie hatten massiven Ärger, große Differenzen mit Ihrem Chef. Oder er hatte Grund, Ihnen massives Fehlverhalten bei Ihrer Arbeit vorzuwerfen. Ihre Fehler waren aus der Sicht des Chefs so gravierend, dass er einen Grund sah, Sie zu feuern. Das macht man erfahrungsgemäß nur in schweren Fällen.

Ihr „Missverständnis“ („misunderstanding“) klingt sehr verharmlosend. Entlassen wird man nur wegen äußerst schwerwiegender Vorwürfe – man lässt es als vorsichtiger Angestellter nie so weit kommen.

Dieser Punkt ist ein sehr kritischer Aspekt, der Ihre Chancen auf Einstellung irgendwo deutlich mindert. Anders ausgedrückt: Sie brauchten eine „verdammt gute Geschichte“, die Sie über Ihre Rolle dabei erzählen müssten – und Schlechtes über frühere Chefs dürfen Sie nach einer anderen Regel auch nicht vorbringen.

Massiven Ärger mit Chefs hat man als Angestellter einfach nicht, so das Ideal.

6. Dann haben Sie geklagt. Das ist Ihr gutes Recht. Es ist nun wieder das Recht von Arbeitgebern, sich sehr zu ärgern, wenn sie von ihren Angestellten „verklagt“ werden. Sich zu ärgern kann, siehe oben, nicht gesetzlich verboten werden.

Neue Arbeitgeber mögen generell keine Bewerber, die gegen ihre früheren Chefs vor Gericht gezogen sind. Das zieht sich quer durch die Gesellschaft: Schon sieben Reihenhausbesitzer mögen keinen neuen achten, von dem sie wissen, er hat an seinem früheren Wohnsitz gegen seine Nachbarn geklagt – obwohl man dort untereinander gleichberechtigt und das Verhältnis viel unabhängiger ist als zwischen Chef und Mitarbeiter. Nur Juristen gehen mit dem Klagegegner anschließend Bier trinken, für Privatleute bedeuten „Gericht“ und „Brief vom Anwalt“ irgendwie Krieg.

Neuen Arbeitgebern ist es gleichgültig, dass Sie gegen die Firma XY geklagt haben, sie befürchten aber, Sie würden es wieder tun und dann natürlich gegen die neuen Chefs.

7. Sie haben den Prozess gewonnen. Schön. Das entlastet Sie leider nicht von dem Vorwurf, vor Gericht gegen Ihren eigenen Arbeitgeber vorgegangen zu sein (was man sich sehr genau überlegen sollte). Wie das Verfahren ausging, ist praktisch ohne Belang. Allgemeine Einstellung dazu: Man weiß ja, dass Arbeitsgerichte stets auf der Seite der Arbeitnehmer stehen – man kennt ja auch im eigenen Haus solche Fälle.

8. Eigentlich müssten Sie also jedem (potenziellen und wirklichen) neuen Arbeitgeber eingestehen:

– ich hatte Krach mit meinem Chef (sehr schlecht),

– er hat mir gekündigt (sehr kritisch, wenn es aus den erwähnten Gründen geschieht),

– ich habe gegen meinen Arbeitgeber geklagt (sehr bedenklich),

– ich habe den Prozess gewonnen (unerheblich),

– ich habe dann selbst gekündigt, laufe aber mit einem Zeugnis herum, in dem nicht das drinsteht, sondern eine Arbeitgeberkündigung (absolut unglaubwürdig).

Wenn Sie das alles erzählen, sind Sie erledigt.

Sie brauchen also vor allem anderen ein Zeugnis, das die Trennung „auf eigenen Wunsch“ bescheinigt und weder von der arbeitgeberseitigen Kündigung, noch vom Prozess spricht. Das müsste zu schaffen sein. Reden Sie mit Ihrem damaligen Anwalt, der sollte das hinbekommen.

Und dann sind Sie ein Angestellter, der zwar vermutlich nur ein mittelprächtiges Zeugnis hat, bei diesem Arbeitgeber aber nach eigener Kündigung ausschied. Und dann könnten Sie tun, was andere Bewerber auch tun (jeder Gebrauchtwagenverkäufer lässt sein „Auto“ so gut aussehen wie irgend möglich): Sie reden nicht über Ärger mit dem Chef, nicht über Klagen und Prozesse, natürlich nicht über die arbeitgeberseitige Kündigung. Sie haben dann ein Zeugnis, das Ihre Version deckt, diese wird niemand bezweifeln. Solange niemand nach den kritischen Punkten fragt (und das wird nicht der Fall sein), lügen Sie nicht, Sie lassen bloß etwas weg. Und dann hoffen Sie, dass es gut geht. Eine Chance ist da. Ein Risiko bleibt.

Ich betone, dass dieses Vorgehen nicht so ganz korrekt ist und Unwägbarkeiten beinhaltet. Dem steht die „Sicherheit“ gegenüber, beim Erzählen der vollen Wahrheit keinen Job zu bekommen, jedenfalls keinen vorzeigbaren. Und vermeiden Sie eine Wiederholung dessen, was da im alten Unternehmen „passiert ist“.

Kurzantwort:

Natürlich ist es „erlaubt“, den Arbeitgeber auf dem Rechtsweg zu Handlungen zu zwingen, die seinem eigenen Willen zuwiderlaufen. Aber potenzielle neue Arbeitgeber mögen keine Bewerber, die gegen ihre alten Chefs vor Gericht gezogen sind. Das gilt es abzuwägen.

Frage-Nr.: 2300
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-03-18

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