Heiko Mell

Bellen oder nicht bellen, das ist hier die Frage

Ich stehe kurz vor dem Abschluss meiner Dissertation und beschäftige mich derzeit mit meinem Einstieg in die Wirtschaft. Auf der Karriereseite der Firma XY habe ich eine für mich sehr interessante Ausschreibung gefunden.

Aus der Anzeige sind alle Details, die mich vorab interessieren könnten, ersichtlich. Ist es in diesem Fall trotzdem üblich (und vielleicht höflicher), sich vor Absenden der Unterlagen telefonisch bei dem angegebenen Ansprechpartner zu melden, um sich im Anschreiben auf das Telefonat beziehen zu können? Oder ist dies unnötig, da ja zu diesem Zeitpunkt von meiner Seite aus keine wichtigen Fragen bestehen?

Antwort:

Sollte ein berufserfahrener Leser ob des Themas den Kopf schütteln, so kann ich ihm versichern: Viele Anfänger bewegt so etwas tatsächlich. Ich verstehe auch, warum das so ist: Ganz sicher raten diverse Bücher zum Anrufen (der Rest rät zum gegenteiligen Verhalten) und insbesondere manche Berater fordern in ihren Stellenanzeigen geradezu nachdrücklich zum vorherigen Anruf auf. Aber der Reihe nach, zunächst zur Überschrift:

Ich habe oft das Gefühl, letztlich doch irgendwie unvollkommen zu sein, vielleicht kennen Sie das. Insbesondere glaube ich, mitunter zu wenig internationalen Touch zu verbreiten, wenn man sich die aus der Globalisierung ergebenden Anforderungen vor Augen hält. Und da hatte ich dann die oben nachzulesende Idee.

Der Grundaufbau geht natürlich auf Shakespeare zurück (Hamlet: „Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage: Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern …“). Und „bellen“ hat nicht etwa mit Hunden zu tun, sondern es ist holländisch und steht für anrufen. Ich glaube, das reicht wieder für ein paar Beiträge.

Zum Vorab-Anruf:1. Was der Inserent will, muss er bekommen. Steht da etwa: „Rufen Sie unbedingt vorher an“, dann tun Sie ihm den Gefallen. Was er damit bezweckt, ist seine Sache. Mir fallen drei mögliche Absichten ein:

a) Wenn 100 Bewerbungen auf dem Tisch liegen, wäre es schon hilfreich, wenn man daneben eine Liste hätte, in der viele dieser Bewerbernamen stünden und jeweils daneben Bemerkungen wie „spinnt“, „faselt dummes Zeug“, „schwätzt, dass die Schwarte kracht“, oder auch „unorganisiert“ u. Ä. m. Dann könnte man so 50 bis 60 Bewerbungen gleich aussortieren. Man müsste sich nur bei jedem Anrufer einige Notizen machen. Mir wäre das zu aufwändig (und man ist nie sicher, dass die Leute unter ihrem richtigen Namen anrufen), aber immerhin.

b) Viele potenzielle Bewerber raffen sich eher zu einem Telefonat auf als zu einer schriftlichen Bewerbung („mal unverbindlich darüber plaudern, dann kann man weitersehen“). Wenn diese Anrufer dann am Telefon hören, sie und ihre Qualifikation seien hier interessant, dann wollen sie auch weitermachen und schicken ihre Bewerbung. Also hören sie. Denn: Für manche Berater ist es von besonderem Interesse, 100 statt 50 Bewerbungen pro Anzeige zu bekommen, auch manche Kunden reagieren darauf positiv. Natürlich kann man dem Kunden gegenüber auch argumentieren, man siebe schon am Telefon vor und erspare allen Beteiligten den unnötigen Aufwand, sich mit ungeeigneten schriftlichen Bewerbungen herumschlagen zu müssen (ich jedoch kalkuliere 5 bis 10 Minuten pro anrufendem Bewerber ein, bin aber in ca. 30 Sekunden mit einer vor mir liegenden Mappe fertig, wenn der Absender überhaupt nicht in Frage kommt).

c) Im (positiven) Sinne einer Dienstleistung des Beraters für seine Kunden ist es natürlich ein legitimes Argument, auf den Telefonservice gegenüber den potenziellen Bewerbern hinweisen zu können. Das kann und will das eigentlich suchende Unternehmen nämlich keinesfalls bieten, schon gar nicht außerhalb üblicher Bürozeiten. Also wirbt der Berater mit „mehr“ Marktansprache und Service als es bei einer klassischen Stellenanzeige des Unternehmens unter dessen Namen der Fall wäre.

2. Steht da im Inserat nichts über ausdrücklich erwünschte vorherige Anrufe, auch wenn eine Telefonnummer abgedruckt ist, dann haben Sie es mit dem „Telefonbuch-Effekt“ zu tun. In Telefonbüchern stehen auch Telefonnummern – und das bedeutet nicht (nicht), dass man da überall anrufen soll. Sondern die Nummer steht da für den Fall(!), dass Sie aus irgendeinem Grund(!) dort anrufen möchten. Um es kurz auszudrücken: kein Grund – kein Anruf.

Fällt Ihnen eine berechtigte Frage ein, dann haben Sie einen Grund. Und rufen an.

3. Im Regelfall ist der zuständige Mitarbeiter, der in einer Stellenanzeige namentlich genannt wird, ein hart arbeitender, von Terminen gehetzter und intern viel gefragter Mensch. 95 % seines Tuns widmet er anderen Dingen, für den Rest bis hin zur 120 %-Auslastung steht er Anrufern zur Verfügung. Dabei ist er froh über jeden, der nicht anruft. Besonders froh ist er über jeden, der nicht anruft, weil

– er wissen will, ob die Anzeige drei Tage nach dem Erscheinen noch aktuell ist (sie ist, in den ersten drei Wochen fällt keine endgültige Entscheidung),

– er wissen will, ob seine E-Mail-Bewerbung angekommen ist (eine neue „Seuche“, die offenbar auf der Furcht basiert, das neue Medium sei absolut unzuverlässig – dann jedoch sollte man ihm keine Bewerbungen anvertrauen),

– er Fragen stellt, die man sich nach sorgfältigem Lesen des Inserats selbst hätte beantworten können,

– er Fragen stellt, auf die es zu diesem Zeitpunkt noch keine Antworten geben kann („Sie suchen eine ABC-Qualifikation, ich habe jedoch BCD, soll ich mich damit bewerben, würden Sie das tolerieren?“ – die Antwort hängt von der jetzt noch unbekannten Anzahl und Qualifikation der Mitbewerber ab),

– er Fragen stellt, auf die es zwar Antworten gibt, die sich aber heute niemand mehr klar zu geben getraut („nehmen Sie auch Frauen für den Job; habe ich mit 55 noch gute Chancen?“).

4. Wir stehen in täglichem Kontakt mit den Mitarbeitern betrieblicher Personalabteilungen. Viele von denen stöhnen über anrufende Bewerber, manche haben schon den Abdruck ohne die offenbar suggestiv wirkende Telefonnummer erwogen, einige veröffentlichen bereits Inserate ohne diese Angabe.

5. Es gibt durchaus auch Personalleute, die sagen, gelegentlich telefonierten sie ganz gern mit Bewerbern. Aber: Nie habe ich davon gehört, dass man es einem Bewerber negativ angekreidet hätte, wenn er nicht vorher zum Hörer griff.Ganz gewiss gilt: Im Normalfall macht sich der angerufene Mitarbeiter des Personalwesens keine Notizen am Telefon – und er hat beim Lesen der späteren Bewerbung den eventuellen Anruf sowie den Namen des Anrufers längst vergessen.

6. Sie beschreiben den Idealfall: Das Inserat war so informativ, dass im Vorfeld keine Fragen offen bleiben – und Sie passen so gut zu den Anforderungen, dass sich auch dort kein Bedarf an Vorabklärung ergibt. So soll es sein! Also schreiben Sie direkt.

7. Übrigens ergab vor Jahren schon eine interne Auswertung unseres Hauses, dass die späteren Spitzenkandidaten einer Ausschreibung in der Regel nicht vorher angerufen hatten. Schließen Sie daraus, was Sie wollen.

Kurzantwort:

Bei Stellenanzeigen bedeutet die bloße Angabe einer Telefonnummer keineswegs, dass Sie vor einer Bewerbung dort anrufen sollen. Eher im Gegenteil: Alle Beteiligten freuen sich bzw. sollten sich freuen, wenn der Text des Inserats völlig klar ist und die Qualifikation des Bewerbers ebenso klar auf der Linie der Anforderungen liegt.

Frage-Nr.: 2293
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-02-25

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