Heiko Mell

Was ist ein „Profil“?

Seit vielen Jahren bin ich begeisterte Leserin Ihrer Karriereberatung. Als Geschäftsführerin im Maschinenbau betreffen mich die Karrieretipps zwar nicht direkt, aber da ich mich um Angestellte und auch Studierende kümmere, wünsche ich sehr, mehr Menschen würden Ihre Rubrik kennen und danach handeln (z. B. die letzten „Notizen aus der Praxis“ zum Thema Zufriedenheit …), so dass ich häufig auf Sie verweise. Außerdem habe ich beim Lesen immer wieder Momente, in denen ich laut „ganz genau“ oder „wie bei uns“ sage und nur hoffen kann, dass gerade niemand zuhört.

Und stellen Sie sich vor – auch ich selbst bin noch lernfähig! Inzwischen habe ich mich nämlich von Ihnen überzeugen lassen, dass das Prinzip des umgekehrt chronologischen Lebenslaufs, das ich seinerzeit aus den USA mitgebracht hatte und stets sehr begeistert angewendet habe, doch gewisse Schwächen hat, v. a. wenn es darum geht, mehrere Aktivitäten parallel darzustellen oder eine Entwicklungslinie aufzuzeigen. Es war nicht leicht, eine alte Lieblingsidee aufzugeben, aber Sie haben recht.

Zu meiner Frage: In letzter Zeit kam mir einige Male die Bitte um ein „Profil“ unter; z. B. in dem Sinn, dass einer meiner Studentinnen gesagt wurde, sie solle für ein Praktikum mal ihr Profil einschicken. Aus meiner Sicht wäre das zunächst einmal ein ordentlich gestalteter Lebenslauf, denn meines Wissens gibt es das Profil nicht als stehenden Begriff im Bewerbungsvorgang. Oder doch? Von Besinnungsaufsätzen zum Thema „das bin ich und das kann ich“ raten Sie ja an verschiedenen Stellen ausdrücklich ab, und ich schließe mich an. Was würden Sie also jemandem raten, der ein „Profil“ verschicken möchte?

Antwort:

Ich könnte jetzt antworten, er solle seinen Wunsch noch einmal überdenken, aber das wäre denn doch ein wenig gewagt. Schreiben wir „muss“ statt „möchte“ ans Ende Ihrer Frage und ich verzichte auf meinen Gag.

Auch ich sehe „Profil“ nicht als fest definierten Begriff aus der Bewerbungstechnik. Aber dann versuchen wir doch einmal eine halbwegs überzeugende Definition. Vielleicht können wir damit nicht nur Bewerbern helfen, sondern auch noch Profilempfänger glücklich machen.

Ein Profil ist eine Art Kurzbewerbung; es enthält die wichtigsten Daten und Fakten, Qualifikationsdetails und weitere für eine erste oberflächliche Bewertung erforderlichen Informationen über den Bewerber. Das bedeutet: weniger lang als die beiden Kernelemente der klassischen Bewerbung (Anschreiben + Lebenslauf); erreicht wird dies durch Weglassen diverser zweitrangiger Informationen, durch Verzicht auf Lückenlosigkeit und durch weniger platzfressend-übersichtlich gestaltete Optik.

Eine klassische Bewerbung soll vor allem vier Fragen beantworten, die der Empfänger stellt und die der Absender resp. die Absenderin beantworten muss – auch im „Profil“:

1. Was ist er/sie?

Die Antwort liegt bei klassischen Bewerbungen in der Kombination aus Studienabschluss und heutiger (oder doch letzter oder dominierender) Tätigkeit im Lebenslauf.

Beispiel: Nach einem schnellen Blick in die entsprechenden Lebenslaufrubriken zieht der Leser die Informationen etwa so zusammen: „Dipl.-Ing. TH, tätig als Entwicklungsingenieur im Verbrennungsmotorenbereich“; ist noch keine Berufspraxis vorhanden, weil der Bewerber noch jung ist, erkennt der Leser vielleicht „Studentin des Maschinenbaus an der TH“ oder „Schülerin der 10. Klasse eines Gymnasiums“.

2. Was kann er/sie?

Die Antwort liegt bei klassischen Bewerbungen in den Unterpunkten (Strich- oder Punktaufzählung), die man in Stichwortform zu den einzelnen Positionen im Lebenslauf aufführt. Denn nur was man gemacht hat, kann man.

Bei Studenten wären demgegenüber Studienspezialisierungen, Schwerpunktfächer und/oder Studienarbeiten oder die Diplomarbeit bzw. frühere Praktika zu nennen.

Bei der Schülerin entfällt der Punkt, es sei denn, sie hat etwas Spezielles zu bieten.

3. Was will er/sie?

Die Antwort liegt bei klassischen Bewerbungen im Anschreiben. Sie (die Antwort) soll Motive, Hintergründe, Zielsetzungen im Zusammenhang mit der Bewerbung umfassen. Der Bewerbungsempfänger will wissen, ob sein Job den Erwartungen und Zielen des Bewerbers entspricht und ob ihn die Motive des Kandidaten überzeugen. Beispiele: „Ich bin in ungekündigter, absolut unbelasteter Position tätig. Mich interessiert es, eine andere Technologie kennenzulernen, um meine fachliche Basis zu verbreitern.“

Oder:“(Wieder zunächst der Satz mit der ungekündigten Position.) Ich möchte jetzt in die Führungsverantwortung hineinwachsen und sehe in der von Ihnen ausgeschriebenen Position eine gute Basis dafür.“

Oder:“Aufgrund wirtschaftlicher Probleme sieht sich mein Arbeitgeber zu drastischem Personalabbau gezwungen. Wegen meiner sozialen Gegebenheiten (jung, ledig, relativ kurze Dienstzeit) muss ich damit rechnen, zu den Betroffenen zu gehören und sehe mich daher nach einer neuen Position um. Dabei reizt mich bei Ihrer Ausschreibung vor allem …“

Oder:“Leider habe ich im Zuge einer Fusion meinen Arbeitsplatz verloren und suche nunmehr eine vergleichbare Position.“Studenten umreißen hier kurz ihren Wunsch z. B. nach einem bestimmten Praktikum.

4. Was kostet er/sie?

Das will man grundsätzlich immer wissen, auch dann, wenn in der Anzeige nicht danach gefragt war. Als Beispiele für Problemlösungen:

„Mein derzeitiges Gesamteinkommen beträgt ca. 70.000 EUR pro Jahr.“ Das reicht erst einmal, auch wenn nach Gehaltswünschen gefragt war.

Oder:“Meine Gehaltsvorstellungen liegen bei ca. 85.000 EUR, entscheidend ist jedoch die Aufgabe.“Bei Studenten, die ein Praktikum wollen oder gar bei Schülern kann auf diesen Punkt verzichtet werden.

Das alles muss – verkürzt, stichwortartig dargestellt auf höchstens zwei Seiten ohne separates Anschreiben – auch im „Profil“ stehen. Gehen wir die Elemente eines üblichen Lebenslaufs einmal unter den Aspekten „Erstellen eines Profils“ durch:

Bild/Foto: kann entfallen;

Persönliche Daten: Geburtsjahr, Wohnanschrift, Telefon, E-Mail bleiben;

Schule: kann bei vorliegender Berufspraxis völlig, bei Studenten ggf. entfallen; in jedem Falle würde reichen: „Schulabschluss: Abitur“ ohne weitere Details (Einser-Kandidaten dürfen „1,2“ dahinter schreiben, falls sie möchten);

Wehr-/Zivildienst: entbehrlich;Berufspraxis: insbesondere bei längerer Praxis kann auf Vollständigkeit verzichtet werden; wenn man eine vorzeigbare heutige Position hat, reicht beispielsweise aus: „ca. 5 Jahre als Entwicklungsingenieur im Getriebebau, weitere 4 Jahr als Teamleiter in der Entwicklung im Bereich des Antriebsstrangs bei einem namhaften Zulieferer;

heute:seit 01.04.2002 Gruppenleiter in der Entwicklung bei der Max Müller und Sohn GmbH, Kiel (Privatunternehmen, ca. 850 MA, Antriebselemente für landtechnische Maschinen); Aufgabenschwerpunkte: … … …“Ist man schon arbeitslos, stünde statt „heute: seit …“ etwa „zuletzt von … bis …“.

Problemlos möglich ist es auch, etwa zwei Positionen detailliert zu schildern.

Der typische Student lässt halt die Rubrik ganz weg oder bringt hier Praktika und/oder studentische Nebentätigkeiten unter.

Danach kann man beispielsweise Rubriken schaffen wie „Hintergrund der angestrebten Veränderung“ und/oder „Zielsetzung“, in der oder in denen die erwähnte Frage 3 kurz beantwortet wird.

Für Studenten und Schüler absolut entfallend, aber bei vorliegender Berufspraxis unbedingt erforderlich ist dann eine Rubrik „Einkommen“ mit Kurzantworten wie „Ist: ca. 70.000 EUR gesamt“ oder „Wunsch: 85.000 EUR gesamt“.

Dann – immer gut bei Formularen oder irgendwie vorgegebenen Standardrubriken – können Sie noch „Besonderheiten“, „Sonstiges“ o. Ä. konstruieren und dort hineinschreiben: „Schüleraustausch: 1 Jahr USA, 1993“ oder „fließend Chinesisch in Wort und Schrift“ oder „Beherrschung von C++“.

Hobbys und Freizeitinteressen lassen Sie grundsätzlich weg. Und sofern das alles auf ein bis zwei Seiten passt, können Sie „Profil“ darüber schreiben und sind fertig. Anlagen gibt es nicht, auch keine Zeugnisse und kein ausführliches Anschreiben.

Achtung: Verschicken Sie das nur auf Wunsch oder bei eventuellen allgemeinen Anfragen – aber nicht, wenn eigentlich eine klassische Bewerbung gefragt ist. Sonst entsteht sofort der Verdacht, Sie hätten bei dem, was Sie weggelassen haben, etwas zu verbergen gehabt.

Soviel dazu. Ihnen, geehrte Einsenderin, danke ich für Ihre positive Einschätzung meiner Arbeit an dieser Serie. Wobei ich bestimmte Defizite meinerseits eingestehe: So verstehe ich eigentlich nicht, dass es nach 25 Jahren immer noch Studenten gibt, die nie von dieser Serie gehört haben. Dass nicht alle Menschen, die wissen, dass es diese Beiträge gibt, sie auch lesen, nehme ich betrübt, aber mannhaft hin. Und dass es bei den Lesern nicht nur Zustimmung, sondern auch – soweit es mich erreicht, deutlich seltener – Ablehnung gibt, muss ich akzeptieren.

Über den chronologischen und den anderen Lebenslauf ist hier alles mehrfach gesagt worden. Als Trost für Unentschlossene: Auch wer deutlich für eine der Varianten votiert, wirft Bewerbungen mit der anderen Variante nicht einfach wegen der in seinen Augen weniger schönen Form weg. Noch bleibe ich dabei: Die besseren Argumente sprechen für die chronologische Form. Ihr größter Nachteil: Amerikanisch ist sie leider nicht.

Frage-Nr.: 2289
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-02-04

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