Heiko Mell 02.01.2016, 01:30 Uhr

Ich war der Bundeswehr nicht gewachsen

Ich war im vergangenen Jahr im Grundwehrdienst der Bundeswehr tätig. Von der „Außenwelt“ (also Familie, Freunde, Partnerin) hatte ich solchen Druck im Hintergrund, dass ich mich dem Druck der Bundeswehr nicht mehr wirklich anpassen konnte.

Dann kam noch die richtig weite Ferne hinzu: (ich war über 600 km von meinem Heimatort entfernt). Ausbilder, Kameraden und und waren zum Teil so komisch, dass diese mit Sicherheit einem das Leben zur Hölle machen konnten. So schätze ich diese zumindest ein.

Nach langem Hin und Her war ich nach rund drei Wochen dieser psychischen Belastung nicht mehr gewachsen, so dass ich im Tauglichkeitsgrad von T2 auf T5 umgestuft und somit vom Wehr- sowie Zivildienst befreit wurde.

Wie kann ich dies nun in meinem Lebenslauf benennen?

Antwort:

Wenn Sie, wie es üblich ist, zwischen Schule und Studium bei der Bundeswehr waren, dann können Sie die paar Wochen schlicht überspringen. Selbst wenn Ihnen insgesamt mehrere Monate fehlen, kümmert sich niemand um eine solche Lücke.

Wenn Sie sich später bewerben, können Sie einfach schreiben (im Lebenslauf) „Wehrdienst: befreit“. Im Bereich der schriftlichen Bewerbung reicht das. Fragt jemand im Vorstellungsgespräch nach Details, sagen Sie schlicht: „Eingestuft nach T5.“ Wird weiter nachgefragt, wäre es sehr gut, Sie könnten an dieser Stelle irgendwelche der üblicherweise genannten mechanischen Probleme nennen („Rücken“, „alte Sportverletzung am Knie“). Bewerber mit psychischen Problemen, egal wann die akut waren, mag niemand. Die wahre Geschichte mit „Ich war der Bundeswehr nicht gewachsen“ ist einer Einstellung durch ein Unternehmen nicht förderlich, vorsichtig gesagt. Da wäre es besser, Sie könnten angeben, gleich bei der Musterung nach T5 eingestuft worden zu sein.

Zwar soll man immer nur die Wahrheit sagen – aber es ist Ihr Berufsleben und Ihr Risiko. Mit der „Wahrheit“ in diesem Fall stellt Sie niemand ein.

Zur Sache selbst: Alles verstehe ich nicht. Wieso können Freunde und die Familie „Druck machen“, wenn man zur Bundeswehr einberufen wird? Bei der Freundin ist mir das schon verständlicher – aber wenn sie die Trennung für ein paar Wochen nicht akzeptieren kann, sollten Sie sich ohnehin eine andere suchen. Ihre Partnerin muss vermutlich noch mehr „aushalten“ – im Leben.

Was immer die Ausbilder und Kameraden sind, auf die man bei der Bundeswehr trifft, richtig „komisch“ sind die eigentlich nicht. Und die Geschichte mit der „Hölle“ muss man ja wohl differenziert sehen: Sie haben nicht geschrieben, dass man Ihnen diese „Hölle“ bereitet hat – Sie schätzen die Situation wohl nur so ein, dass dies möglich gewesen wäre. Und Sie sind vor lauter Angst vorher weggelaufen (Achtung: Wer beispielsweise – dort oder woanders – „gemobbt“ werden würde, sollte sich stets fragen, womit gerade er das herausfordert).

Von den selbstverständlich immer möglichen Ausnahmen abgesehen, ist die Bundeswehr eine Institution, die so aufgebaut ist, dass ein durchschnittlich stabiler junger Mann damit zurechtkommen kann. Oder anders ausgedrückt: Die dort üblichen Belastungen entsprechen grundsätzlich denen, die man im Leben auch an anderen Stellen aushalten muss. Ich bin (immerhin) Vater eines Hauptgefreiten d. R., und ich frage sehr viele Männer in Vorstellungs- und Karriereberatungsgesprächen auch kurz nach ihren Erfahrungen bei der Bundeswehr: Die Aussagen schwanken zwischen „hat mir was gebracht, möchte ich nicht missen“ und „vertane Zeit, wir haben nur herumgegammelt“ – aber nicht eine Schilderung ging in die Richtung Ihrer Geschichte.

Ich habe auch noch nie(!) von Ihrem häuslichen „Druck“ wegen der Bundeswehr gehört (Ausnahme: „Freundin war sauer“).

Fazit: Erkennen Sie, dass Sie das Problem sind oder doch mit sich herumtragen. Sie sind offensichtlich weniger stabil als andere, stehen weniger gut Belastungen durch und laufen früher vorsichtshalber weg. Ob man dagegen etwas tun kann, weiß ich nicht. Aber Sie sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass Sie diese Schwäche im Vergleich mit dem Durchschnitt haben. Das sollte auch Basis Ihrer langfristigen Berufsplanung sein.

Für Zweifler: Dies ist eine Karriereberatung. Ein wenig „oberhalb des Durchschnitts“ sind die Anforderungen im hier relevanten Bereich schon. Wer Karriere machen will, läuft gern ein wenig, z. B. abends im Wald. Aber niemals davon – vor Problemen, die alle anderen irgendwie meistern.

Kurzantwort:

Die Wehrpflichtarmee eines demokratischen Staates ist ganz bewusst so aufgebaut, dass auch der Durchschnittsmensch mit den dort zu erwartenden Belastungen zurechtkommen kann. Gelegentlich vorkommende Ausnahmen rufen sofort Politik und Justiz auf den Plan, werden also aufgearbeitet und abgestellt.

Frage-Nr.: 2286
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-01-28

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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