Heiko Mell

Und wenn der Empfänger nie vom Bachelor gehört hat?

Ich bin Student der … und suche nun ein Industrieunternehmen, bei dem ich meine Bachelor-Abschlussarbeit schreiben kann. Nun verzweifle ich langsam, da ich schon mehrere Bewerbungen verschickt, aber noch kein Feedback bekommen habe. Ich hoffe auf Tipps vom Experten.

Unsicher bin ich beim Lebenslauf: ein oder zwei Seiten, tabellarischer Aufbau, Darstellung der Kenntnisse und Fähigkeiten? Sind die im Anschreiben enthaltenen Informationen ausreichend?

Antwort:

Ich fürchte fast, dass Sie mit der Ursachenforschung viel fundamentaler ansetzen müssen. Dafür können Sie die Fragen zum Lebenslauf vergessen, diese Aspekte sind unerheblich.

Also der „fundamentalere“ Ansatz: Versteht der Empfänger spontan(!), also ohne weiteres Nachdenken, ohne Internetrecherche etc., was Sie überhaupt wollen? Haben Sie sich in seine „Welt“ hineinversetzt, benutzen Sie seine Sprache, benutzen Sie ihm vertraute Begriffe? Sie wenden sich an mittelständische Unternehmen und sagen denen im „Betreff“ Ihres Anschreibens, es ginge Ihnen um eine Bachelorarbeit in einem Ressort.

Das ist aus Ihrer Sicht korrekt, keine Frage. Aber es ist denkbar, dass der Adressat schon diese Zeile nicht versteht – und Ihre ganze Anfrage kopfschüttelnd zur Seite legt.

Ich beispielsweise sehe so allerhand. Und das seit mehr als vierzig Jahren. Und weil mich das Thema sowohl interessiert als auch betrifft, weiß ich in etwa, was ein Bachelor ist oder sein soll (wobei immer noch sehr viele Fragen offen sind). Aber trotz mehr als 15.000 persönlich geführter Vorstellungsgespräche und einiger hunderttausend gelesener Bewerbungen (beides läuft unvermindert weiter) kann ich mich nicht erinnern, jemals ein deutsches Bachelor-Zeugnis in der Hand gehalten zu haben.

Und die arme Frau Mustermann, an die Sie Ihre Zuschrift richten, kann mit größter Wahrscheinlichkeit Ihren Zentralbegriff „Bachelorarbeit“ überhaupt nicht sicher zuordnen. Vermutlich sind beispielsweise alle Ingenieure, die dort tätig sind, einfach nur „Dipl.-Ing.“, teils TU/TH/univ., teils FH/BA. Und die haben Diplomarbeiten geschrieben, das kennt man. Entweder kann man dort mit dem Wort „Bachelor“ nichts anfangen oder man weiß zumindest nicht, was eine „Bachelorarbeit“ nun sein soll.

Diesen Aspekt hätten Sie selbst erkennen können – Sie müssen doch wissen, dass Ihr „Bachelor“ ein sehr neuer Begriff ist und dass „da draußen““ viele hunderttausend Dipl.-Ingenieure herumlaufen, die noch auf Jahre hinaus den Begriff des technischen Akademikers prägen werden. Bis sich vielleicht eines Tages der Bachelor und der Master durchsetzen. Es sei denn, jemandem sind bis dahin wiederum neue Begriffe eingefallen, die mit großer „Begeisterung“ eingeführt werden.

Und falls Ihnen das sehr merkwürdig vorkommen sollte: Es ist ja alles noch viel komplizierter und vielleicht noch schlimmer:Ich nehme einmal an, dass Sie an einer Fachhochschule studieren. Deren Absolventen hießen bis gestern noch „Dipl.-Ing. (FH)“. Aber es sind noch Menschen berufstätig (ich gehöre dazu), die haben an den Vorgängerinstitutionen der Fachhochschulen studiert und nannten sich schlicht „Ingenieur“ ohne jeden Vor- und Zusatz. Dann kam als Zwischenlösung der Ing. (grad.)“, der dann erst vom Dipl.-Ing. (FH) abgelöst wurde. Von all diesen Ingenieuren gibt es noch Vertreter in den Betrieben. Was meinen Sie, mit welcher „Hingabe“ diese Menschen die neuesten Veränderungen beim Studium bzw. die Einführung der nunmehr vierten neuen Berufsbezeichnung innerhalb des Berufslebens einer Generation in sich aufsaugen?

Blättern Sie einmal im Stellenteil dieser Zeitung: Die Unternehmen suchen „Dipl.-Ingenieure“, praktisch niemals bis selten Bachelore (was immer der Plural im Deutschen sein mag). Das kann man doch sehen, auswerten und Schlüsse daraus ziehen: Wenn die Firmen derzeit (noch?) nur Dipl.-Ingenieure suchen, dann verwendet man als Bewerber wie Sie möglichst auch Begriffe dieser Art.Sie hätten also besser im „Betreff“ Ihres Anschreibens geschrieben:

„Bewerbung um eine Diplomarbeit zum Abschluss meines FH-Ingenieurstudiums (Bachelorarbeit)“

oder alternativ:

„Bewerbung um eine Bachelorarbeit zum Abschluss meines FH-Studiums (Bachelor of Engineering, entspricht etwa dem Dipl.-Ing. FH)“

Dann schreiben Sie heute: „Diese bisher im Praxissemester, sowie mit den durch das Studium hinzugewonnen Kenntnissen, möchte ich mit dem Abschluss meiner Abschlussarbeit im Bereich … bei der … vertiefen.“

Das ist eines – künftigen – deutschen Akademikers zutiefst unwürdig, soweit die sprachliche Seite betroffen ist. Ich habe schlicht keine Lust, hier Grundbegriffe zu vermitteln. Vertrauen Sie mir – es ist totaler Blödsinn. Könnte man nicht besser machen, müsste man schlechte Beispiele erfinden. Oder eben auch beispielhafte Beispiele. So wie Abschlüsse von Abschlussarbeiten, beispielsweise.

Und einen Absatz später schreiben Sie: „… bietet mir Ihr Unternehmen die Möglichkeit, in einem meiner Interessen und Neigungen liegenden Umfeld zu arbeiten.“ Abgesehen von den erneuten sprachlichen Unzulänglichkeiten (erst mit einem eingefügten „… einem im Rahmen meiner Interessen …“ ergibt das einen Sinn): Die Leute dort sind nicht dazu da, Sie glücklich zu machen und Ihre Neigungen zu befriedigen. Davon hätten sie gar nichts! Da Sie etwas von denen wollen, müssen Sie ihnen den Vorteil aufzeigen, den Ihre Mitwirkung für sie brächte. Etwa so:

„Meine Spezialisierung im Studium lag auf dem Gebiet XXX. Hinzu kommen entsprechende erste praktische Erfahrungen durch meine Tätigkeiten im Praxissemester im Bereich YYY bei ZZZ GmbH. Ich würde jetzt gern in meiner Bachelorarbeit ein Thema aus diesem Gebiet bearbeiten, das auch für Sie interessant ist. Dabei hoffe ich sehr, Anregungen für Prozessoptimierungen zu finden, die Ihnen anschließend selbstverständlich zur Verfügung ständen.

Ich bin sicher, in einem persönlichen Gespräch gemeinsam mit Ihnen Ansatzpunkte für eine Themenfestsetzung finden zu können.“

Sie dürfen einfach nicht erwarten, dass man Ihr Anliegen wohlwollend zu Kenntnis nimmt, wenn Sie es derart unvollkommen aufbereiten. Da wendet sich der Leser mit Grausen.

Auch vermeintliche Kleinigkeiten zählen: Es heißt eben nicht „Ich bin überzeugt das …“, sondern „Ich bin überzeugt, dass …“ Es klingt für den halbwegs damit vertrauten Menschen wie die Frage eines Zuschauers beim Fußballspiel: „Warum schmeißt der den Ball nicht einfach mit der Hand ins Tor?“

PS. Ich will Sie nicht ärgern. Ich will Ihnen hingegen zeigen, warum Sie mit Ihren Bemühungen erfolglos geblieben sind. Weil nämlich die Leser sich über Sie geärgert und vielleicht gar nicht verstanden haben, was Sie eigentlich wollten.

Kurzantwort:

1. Wer ein Anliegen hat, muss das zunächst einmal so „hinüberbringen“, dass es für die Zielperson verständlich ist. Dafür reicht intensives Nachdenken.

2. Wer ein Anliegen hat, muss eine seinem Status (hier: Akademiker) entsprechende Form des sprachlichen Ausdrucks wählen. Im Urwald reicht „Ich Tarzan, du Jane“, sonst eher nicht.

Frage-Nr.: 2280
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-12-18

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