Heiko Mell

Zeitdifferenz rund um die Diplomarbeit

Ich schließe gerade mein Studium ab und stoße auf folgendes Problem:

Ich habe die Diplomarbeit lt. Zeugnis eines Unternehmens bei diesem „erstellt“ – die Ergebnisse werden ausdrücklich gelobt, es ist von einer „spürbaren Verbesserung der Herstellungen von …teilen“ die Rede.

Auch andere Kriterien werden in diesem Zeugnis, das mir gleichzeitig auch noch ein Praktikum bescheinigt, erkennbar positiv gewürdigt.

Ich würde dieses Dokument also eigentlich gern meinen Bewerbungen beifügen. Aber: Die Diplomprüfung hat tatsächlich erst sehr viel später nach dem im Firmenzeugnis beschriebenen Zeitraum stattgefunden. Konkret: Das Firmenzeugnis datiert vom November 2006, das Zeugnis über die Diplomprüfung datiert vom Oktober 2007. Ich habe danach ein Zweitstudium aufgenommen, deshalb bin ich erst jetzt in der Bewerbungsphase. Ist die Zeitdifferenz verdächtig, soll ich das Zeugnis des Unternehmens lieber weglassen?Die Zeitdifferenz kommt dadurch zustande, dass ich für meine Diplomarbeit aus gesundheitlichen Gründen etwa 1,5 Jahre benötigt habe, während das Unternehmenszeugnis nur über die im Praktikantenvertrag vereinbarte Zeit ausgestellt wurde.

Antwort:

Eine gesundheitliche Belastung, die so gravierend ist, dass sie einen Bewerber zu einer einjährigen Verlängerung der eigentlich für Diplomarbeiten vorgesehenen Zeit zwingt, hat man besser nicht! Nicht die Zeitdifferenz ist also „verdächtig“, sofern Ihnen dazu im Bedarfsfall eine andere Erklärung einfällt, sondern das gesundheitliche Problem wäre es. Vor allem denkt der Bewerbungsempfänger sofort an Wiederholungsgefahr, unterstellt er mangelnde Belastbarkeit – und sieht er sich vielleicht lieber unter den Mitbewerbern um.

Ich will hier keine Horrorvision des Berufslebens zeichnen: Arbeitgeber gehen allgemein sehr verständnisvoll mit den Krankheiten bereits bei ihnen beschäftigter Mitarbeiter um. Da muss schon sehr viel zusammenkommen, bevor die Kündigung wegen Krankheit droht. Aber die Arbeitgeber halten sich so weit wie möglich von Bewerbern fern, die irgendwelche speziellen Anzeichen für ein mögliches hohes Krankheitsrisiko zeigen. Das hat nichts mit Schnupfen beim Vorstellungsgespräch zu tun – aber längere Ausfälle oder größere gesundheitliche Belastungen in der jüngeren Vergangenheit werden gern als Indiz für weitere Ausfallrisiken genommen.

Dabei sind zwei Aspekte zu beachten:

a) Die Einschätzung wird meist von medizinischen Laien vorgenommen (Mitarbeiter des Personalwesens, Fachvorgesetzte),

b) „mechanische“ frühere Erkrankungen gelten als eher harmlos, wenn sie ausgeheilt sind (Beispiel: Knochenbrüche o. Ä.), andere Krankheiten jedoch schließen in den Augen von Laien unterschiedlich große Wiederholungsgefahr ein.

Konkret zu Ihrem Problem:Es ist recht wahrscheinlich, dass die Zeitdifferenz nicht auffällt – geht es doch dabei um ein früheres Erststudium, während Sie sich jetzt dann auf der Basis des anspruchsvolleren Zweitstudiums bewerben. Fällt die Differenz dennoch auf, sollten Sie besser eine harmlose Erklärung dazu haben. Trauen Sie sich das nicht zu, dann lassen Sie das Praktikantenzeugnis besser weg, auch wenn es schade wäre.

Anmerkung: Auch ich weiß natürlich, dass meine Empfehlungen sich – vorsichtig gesagt – in einer Grauzone bewegen. Mir wäre wohler, könnte ich guten Gewissens jedem immer nur zur ungefragt vorgetragenen vollen Wahrheit raten. Ich könnte es alternativ so ausdrücken:

1. Sagen Sie in jedem Fall stets immer die volle Wahrheit, auch wenn so konkret niemand danach gefragt hat.

2. Die Konsequenzen: Sie fühlen sich zunächst besser, müssen allerdings mit gravierenden Bedrohungen Ihrer beruflichen Existenz rechnen.

Und als kleiner Trost: Firmen sagen ihren Kunden auch stets nur eine „gestaltete Wahrheit“. Niemals würden sie schreiben: „Erst haben wir Ihren Auftrag schlicht vergessen, dann bekamen wir einen anderen herein, an dem wir mehr verdienen und den wir – was Sie wohl verstehen werden – vorgezogen haben.“ Stattdessen ist dann von einem „plötzlichen Totalausfall unseres EDV-Systems“ o. Ä. die Rede.

Aber natürlich weise ich auch gern noch einmal darauf hin, dass gerade im Bewerbungsprozess stets nur die reine Wahrheit gesagt werden sollte und dass der Bewerber das Risiko trägt, das mit unkorrekten Angaben verbunden ist. Nun fühle ich mich besser.

Kurzantwort:

Grundsätzlich sind Krankheiten keine pauschal empfehlenswerten Erklärungen für Auffälligkeiten im Lebenslauf eines Bewerbers. Der Bewerbungsempfänger ist medizinischer Laie und geht schnell von Wiederholungsgefahren aus, die er nicht abschätzen kann. Im Zweifel entscheidet er sich gegen diesen Bewerber.

Frage-Nr.: 2277
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-12-03

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