Heiko Mell

Wie gehe ich mit meiner Behinderung um?

Während meiner gewerblichen Ausbildung verlor ich durch einen schweren Motorradunfall einen Unterschenkel. Nach langem Krankenhausaufenthalt und entsprechenden Reha-Maßnahmen habe ich vergeblich versucht, die Ausbildung zu beenden, musste aber zum Technischen Zeichner wechseln. Dieses Gebiet fand ich sehr interessant, ich habe mich zum Studieren entschlossen, mein Abitur nachgeholt und studiere nun Maschinenbau an einer FH.

Durch jahrelanges hartes Training stehe ich wieder voll im Leben. Andere Leute sagen, dass man meine Behinderung nicht sehen würde. Ich möchte behaupten, dass ich geistig und körperlich einem nicht behinderten angehenden Ingenieur in nichts nachstehe und auch so in den Beruf eingeführt werden möchte.

Die Frage ist nun, wie ich mich am besten bewerbe. Aus Kontakten zu meinem Ausbildungsbetrieb weiß ich, dass es Behindertengesetze gibt und man in den Firmen als Behinderter ein gern gesehener Mitarbeiter ist. Es gibt Zuschüsse für behinderte Mitarbeiter, andernfalls müssen Strafen gezahlt werden. Welche Rechte und Vorteile hat man als Behinderter?

Wie schreibe ich das alles in den Lebenslauf? Führe ich meine Behinderung auf, wenn ja, wie? Wie kann ich formulieren, dass ich keine Einschränkung spüre durch meine Behinderung und als ganz normaler Ingenieur eingesetzt werden möchte?

Sage ich im Vorstellungsgespräch, dass ich eine Behinderung habe und versuche ich, mich dadurch noch interessanter (oder uninteressanter) zu machen?

Ich möchte natürlich nicht nur wegen meiner Behinderung eingestellt werden, sondern mit meinen Leistungen glänzen. Habe ich eine falsche Einstellung zu dem Ganzen?

Antwort:

Die medizinisch-technische Seite der Aufarbeitung Ihres Unfalls haben Sie tadellos hinbekommen, dazu kann man Ihnen nur gratulieren.

Aber was die rechtliche und die soziale Seite, vor allem aber auch die Akzeptanz durch Arbeitgeber angeht, sind Sie erstaunlicherweise derart uninformiert, dass man Sie schon naiv nennen darf, ja muss. Das müssen Sie dringend aufarbeiten!Ich bin absolut kein Kenner der Materie, kann und will hier nicht erschöpfend informieren, aber doch nach bestem Wissen Anregungen geben und Ihnen die üblichen Arbeitgeber-Gedanken dazu nahebringen. Als Versuch:

1. Sie sind mit Ihrer Amputation vermutlich Schwerbehinderter im Sinne des einschlägigen Gesetzes (das müssen Sie kennen).

2. Sie müssen Kontakt halten mit dem zuständigen Versorgungsamt, wo man Ihnen weiterhelfen wird. Ihr Status (Grad der Behinderung) muss festgestellt werden, Sie brauchen einen Schwerbehindertenausweis etc. Es ist schwer vorstellbar, dass dies neu für Sie ist.

3. Ich habe Ihre Zuschrift etwas „geglättet“. So hatten Sie vom Unterschied zwischen einem behinderten und einem „normalen“ Menschen gesprochen. Gerade Sie sollten wissen, dass man das so nicht sagt! Das Wort „normal“ gibt es in dem Zusammenhang nicht, man spricht von behinderten und nichtbehinderten Menschen.

4. Dass man „in den Firmen als Behinderter ein gern gesehener Mitarbeiter ist“, muss als ziemlich naiv gelten. Das gilt auch für die Idee, sich durch Hinweise auf die Behinderung „noch interessanter“ zu machen.

5. In aller Kürze zum Kern:Ein Behinderter hat es im allgemeinen täglichen Leben, bei der Erhaltung seiner Gesundheit und bei zahlreichen Gelegenheiten schwerer als ein Nichtbehinderter. Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn das ausgerechnet im beruflichen Bereich nicht so sein sollte.

Grob vereinfacht haben Sie als Bewerber in Arbeitgeberaugen zwei Handikaps:

a) Da ist das insbesondere für medizinische Laien schwer abschätzbare Risiko, mehr und früher krank sowie pauschal weniger belastbar zu sein. Das mag ja ein Vorurteil sein, aber es besteht. Was kann, darf man Ihnen zumuten, wo sind die Grenzen? Dies ist erfahrungsgemäß noch das kleinere Problem!

b) Sie haben spezielle Rechte und genießen besonderen Schutz, wenn Sie einmal eingestellt sind. Darauf können Sie nicht verzichten! Die wichtigste Besonderheit: Der Arbeitgeber glaubt, Sie später (nach Einstellung!) praktisch nicht wieder entlassen zu können! Das ist so nicht ganz richtig, aber in die Richtung geht es schon: Sie haben einen sehr starken Kündigungsschutz, man braucht für Ihre Entlassung die Zustimmung einer Behörde (es ist – z. B. bei schlechter Leistung – deutlich schwerer, Sie wieder loszuwerden als einen nichtbehinderten Mitarbeiter).

Nun vergleichen Sie beide Aspekte mit den zum gleichen Gehalt arbeitenden Nichtbehinderten – und fragen Sie sich dann, wie wahrscheinlich es ist, dass Sie wegen Ihrer Behinderung etwa besonders begehrt sein könnten. Und das in einem marktwirtschaftlich orientierten System, in dem Ihr Arbeitgeber keinen „Rabatt“ irgendwelcher Art von seinen Kunden bekommt, wenn ein Angestellter tatsächlich einmal nicht die volle Leistung bringt, aber nicht entlassen werden kann. Oder schlicht deutlich mehr krankheitsbedingte Fehlzeiten hat als es üblich ist.

In der Praxis treffen diese Vorurteile oft überhaupt nicht zu, im Gegenteil: Viele Behinderte engagieren sich stärker, sind fleißiger, leisten mehr und sind weniger krank als Nichtbehinderte – und man will sie niemals entlassen. Aber es könnte natürlich doch dazu kommen – und dann greifen die Schutzgesetze (die daher oft eine Einstellung verhindern – das ist für Außenstehende schwer verständlich, aber Tatsache).

Also haben es Behinderte generell eher schwerer als etwa leichter, eine Anstellung zu finden, werden eher zurückhaltend betrachtet als mit offenen Armen empfangen. Um ihnen soweit wie möglich zu helfen, hat der Gesetzgeber spezielle Unterstützungen für Behinderte eingeführt. Dazu gehört eine Schwerbehinderten-Quote, die jeder größere Betrieb bei der Beschäftigung von Mitarbeitern erfüllen muss (X % der Belegschaft). Bleibt er darunter, muss er zahlen. Viele zahlen lieber.

6. Auf dieser Basis – die sicher dem Standarddenken in der Praxis entspricht, in der Sache aber dem Gesamtkomplex keinesfalls gerecht werden kann – meine Empfehlungen:

6.1 Sie haben keine Chance, Ihre Behinderung etwa dauerhaft zu verbergen. Also sollten Sie das – auch aus anderen Gründen – gar nicht erst in Erwägung ziehen. Dabei haben Sie zwei Möglichkeiten (die aber nicht bei allen potenziellen Arbeitgebern anwendbar sind):

a) Sie schreiben in der Bewerbung nichts über die Behinderung. Ihr Wechsel in der Ausbildungsphase ist grundsätzlich ziemlich unproblematisch: Ein Ingenieur braucht generell keine Lehre – und welche er dann hat, ist meist ziemlich gleichgültig. Und junge Leute, die mitunter ihre Richtung ändern, gibt“s haufenweise. Selbst wenn da eine Lücke von einigen Monaten aufträte, wäre das weitgehend unproblematisch: Für alles, was vor dem Studium war, gibt es „Rabatt“.

Sie würden dann im Vorstellungsgespräch Ihre Behinderung erwähnen – und gleich erläutern, wie gering die Beeinträchtigung Ihrer Leistungsfähigkeit eigentlich ist.

Diese Variante stößt auf Schwierigkeiten, wenn das Unternehmen Sie zwingt, vorher einen Personalfragebogen oder ein Internet-Bewerbungsformular auszufüllen. Aber dann sind Sie auch nicht schlechter dran als bei b.

b) Sie stehen in der schriftlichen Bewerbung ganz offen zu Ihrem Problem und schildern in aller Kürze Ihre Situation (Motorradunfall, Unterschenkelamputation, Prothese, Behinderung praktisch nicht erkennbar, belastbar wie ein Nichtbehinderter, aber Schwerbehinderter im Sinne des Gesetzes). Schildern Sie zuvor Ihre fachliche Qualifikation und dann erst das Problem. Packen Sie das ins Anschreiben und lassen Sie den Lebenslauf frei davon.

Drücken Sie weder auf die Tränendrüse, noch fordern Sie eine soziale Einstellung, noch belehren Sie das Unternehmen über die tolle Chance, die vermeintlich mit der Einstellung eines Schwerbehinderten verbunden ist.

Noch ein Tipp: Größere Unternehmen haben einen gewählten „Vertrauensmann der Schwerbehinderten“. Über das Büro des Betriebsrats (nach dem Sie nicht unbedingt in der Personalabteilung, sondern eher in der Telefonzentrale fragen oder im Internet suchen sollten) erreichen Sie den. Dieser Vertrauensmann vertritt die speziellen Interessen der schwerbehinderten Mitarbeiter und kann Ihnen auch schon im Bewerbungsstadium wertvolle Informationen geben.

Als Abschluss: Ihre Einsendung an mich ist im Original in einem grauenhaften sprachlichen Zustand. Das macht keinen guten Eindruck – lassen Sie Ihre Bewerbung von jemand Kundigem korrigieren. Um Ihnen und vielleicht auch anderen Lesern zu helfen, hier ein Originalsatz als Beispiel: „Ich möchte von mir behaupten das ich geistlich und körperlich einem normalen angehenden Ingenieurs ich in nichts nachstehe“ (Komma hinter „behaupten“ fehlt, „das“ muss „dass“ lauten, statt „geistlich“ muss „geistig“ stehen, das „s“ bei „Ingenieurs“ ist falsch, „ich“ ist fälschlicherweise doppelt in dem Satz).

Für Ihren Weg wünsche ich Ihnen viel Erfolg – Sie haben die richtige Einstellung. (u. a. was Ihren Wunsch angeht, wie ein Nichtbehinderter behandelt zu werden).

Frage-Nr.: 2270
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-11-05

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