Heiko Mell

Lebenslauf „falsch herum“?

Bei einem Beratungstermin auf einem Recruiting-Tag der VDI nachrichten habe ich meinen Lebenslauf prüfen lassen. Der Berater war der Ansicht, ich solle meine aktuelle Position stärker hervorheben und die Berufserfahrung umgekehrt zum sonstigen Lebenslauf, also nicht chronologisch, angeben.

Auch ich hatte schon mit dem Gedanken gespielt, da doch sonst eher unwichtigere Stationen meiner Karriere auf der ersten Seite stehen. Bisher habe ich jedoch immer die Finger von einer solchen Umstellung gelassen, da Sie immer vehement auf diese eben typisch deutsche Art des Lebenslaufes verweisen und besonders die Bedeutung der Chronologie betonen. Der Berater meinte daraufhin, dass selbst Sie mittlerweile dazu tendieren, die aktuelle Position zuerst aufzuführen. Ist das wahr?

Antwort:

Ich will hier nicht in gewissen Abständen immer wieder denselben Kleinkrieg austragen. Daher nur so viel dazu:

1. Solange das Gebilde „Lebenslauf“ heißt, sollte auch der „Lauf des Lebens“ dargestellt werden. Auch ein Schulaufsatz über den „Lauf des Rheins“ würde nicht beginnen mit „Er mündet in den Niederlanden“. Wer anderes wollte, brauchte einen anderen Namen.

2. Mir ist noch keine Variante mit umgekehrt chronologischer Darstellung begegnet, die von der Systematik her völlig überzeugt hätte. Beispiel: die Zeitangaben zu jeder Phase. Nehmen wir also an, Sie beginnen mit der heutigen Position und schreiben die davorliegende darunter. Was schreiben Sie dann links als Zeitrahmen daneben? Fast immer steht dann dort etwa: „01.04.2003 – z. Z.“. Das bedeutet, dass man als Grundaufbau die umgekehrte Chronologie verwendet, im Detail aber bei den wichtigen Zeitangaben treu und brav chronologisch arbeitet, also erst das alte, dann das neue Datum. Das zieht einem ja die Schuhe aus.

Eigentlich müsste dort etwa stehen: „z. Z. ab 01.04.2003“ – das aber macht niemand. Jeder arbeitet mit „Krücken“ irgendwelcher Art.3. Für absolut und völlig „daneben“ halte ich eine „Systematik“, bei der eine Rubrik („Berufspraxis“) umgekehrt chronologisch, die anderen „Schule“, „Studium“ aber korrekt chronologisch aufgebaut sind. Das treibt dem Leser, der ja auch die Lückenlosigkeit zu überprüfen hat, den Schweiß auf die Stirn.

Also bitte nicht innerhalb eines Dokumentes auch noch die Systematik wechseln!4. Ich führe sehr viele Vorstellungsgespräche, mehr als 15.000 habe ich schon hinter mir. Ich weiß ja nicht, wie alle anderen so etwas aufziehen. Aber ich will in einem solchen Gespräch einen umfassenden Eindruck gewinnen, Einblicke in die Persönlichkeit bekommen, den Entwicklungsweg nachvollziehen. Und dazu fange ich vorne an (Geburt, Schule etc.) und arbeite mich bis „heute“ durch.

Schön, man könnte fragen: „Ah, 1996 haben Sie Ihr Examen gemacht, was war vorher?“ „Das Studium.“ „Schön, und davor?“ „Das Abitur.“ „Und davor?“ … Nun, auch so käme man irgendwie durch das „Gestrüpp des Lebens“ – aber mit welchem Aufwand für beide Seiten!

Nein, da habe ich viel lieber den chronologischen Lebenslauf vor mir und hake die Stationen der Reihe nach ab.5. Ein wichtiger Teil des Vorstellungsgesprächs und schon der vorangegangenen Bewerbungsanalyse besteht in dem Abgleich zwischen Lebenslauf und Arbeitgeberzeugnissen. Letztere sind stets(!) chronologisch aufgebaut. Es hilft dabei ungemein, wenn auch der Lebenslauf dem Gang der Ereignisse folgt.

6. Wenn von mir individuell beratene Kandidaten dann später im Vorstellungsgespräch sind (bei diversen suchenden Unternehmen und Beratern), bin ich natürlich nicht dabei. Ich bekomme aber Berichte der Kandidaten über diese Gespräche und höre sehr oft, dass der Arbeitgebervertreter ausdrücklich die – von mir empfohlene – Lebenslaufdarstellung gelobt hat: „Endlich mal etwas, das man auf Anhieb versteht.“Warnend sei gesagt, dass sich das nicht nur auf die Chronologie bezieht, sondern auch auf weitere Aspekte der Darstellung, wie z. B. Angaben zu den Arbeitgebern. Auf meiner Unternehmens-Homepage ist ein Muster mit ausführlichen Erläuterungen frei zugänglich (ich verdiene nichts daran).

7. Bedenken Sie auch: Sie sind „Herr der Rubriken“: Lassen Sie also nicht auf Seite 1 zwischen den Rubriken „Schule“ und „Studium“ eine zweijährige Lücke, die Sie auf Seite 3 unter „Sonstiges/Bundeswehr“ endlich schließen. Nennen Sie stattdessen die Rubrik auf Seite 1 „Schule/Bundeswehr“ – und schon kann der Leser die Dinge chronologisch nachvollziehen, ohne sich anzustrengen.

Zu Ihrer konkret gestellten Frage: Was ich verfechte, ist klar und bleibt unverändert. Aber natürlich lese auch ich „falsch herum“ aufgebaute Lebensläufe und werfe die Bewerbungen nicht einfach weg, ebenso ist mir kein einziger Fall bekannt geworden, in dem etwa ein chronologisch vorgehender Bewerber nur deshalb Nachteile gehabt hätte. Ich bin also nicht „umgefallen“ (ich sage nur insbesondere jüngeren Bewerbern auf öffentlichen Veranstaltungen auf gezielte Fragen, sie könnten, so sie es denn wollten, ruhig die „amerikanische“ Fassung nehmen – wenn ich ihre Angst erkenne, einen vermeintlich „modernen“ Trend zu verpassen).

PS: Das „Formular“, das Sie bei der Aufnahme in die Bewerberdatenbank der VDI nachrichten ausfüllten, eignet sich nicht(!) für anderweitige Bewerbungen. Datenbanken folgen eigenen Gesetzen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2257
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-09-10

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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