Heiko Mell

Schlechte Noten – gute Frau?

Ich studiere im zwölften Semester Maschinenbau und werde in diesem Jahr mein Studium mit dem Dipl.-Ing. beenden.

Aufgrund meiner Prüfungsangst sind meine Prüfungsergebnisse nicht herausragend; jedenfalls spiegeln sie den Vorbereitungsaufwand nicht einmal annähernd wider. Wissenschaftliches Arbeiten, wie es bei Studien- und Diplomarbeiten erforderlich ist, macht mir hingegen Spaß. Dabei bin ich auch erfolgreicher gewesen (jedenfalls mit den Studienarbeiten soweit).

Wenn ich mich nun in nächster Zeit auf Stellen bewerbe, habe ich die Befürchtung, dass meine schlechten Prüfungsergebnisse dazu führen, dass ich gar nicht erst eingeladen werde. Damit kann ich dann auch nicht vermitteln, dass ich den Stoff dennoch beherrsche und trotzdem ein gutes Wissen und Qualitäten als zukünftige Ingenieurin vorweisen kann.

Wie kann ich in Bewerbungen vermitteln, eine gute Ingenieurin zu sein und es sich lohnt, mich einzuladen?Die sechs Jahre Studiendauer liegen in persönlichen Schicksalsschlägen begründet (zwei Todesfälle im engsten Familienkreis). Soll ich das als Begründung im Vorstellungsgespräch erwähnen?

Antwort:

Ich glaube fast, Sie haben nicht nur bei Prüfungen Angst, sondern sind auch sonst ängstlicher als andere in vergleichbarer Situation. Lesen Sie sich Ihren Brief noch einmal mit den Augen eines Außenstehenden durch. Dann wird deutlich, dass Sie (vor lauter Angst, erkannt zu werden?) wesentliche Informationen nicht geben:

Wo studieren Sie überhaupt? Für eine FH wären zwölf Semester extrem lang und würden sehr unangenehm auffallen, für eine TH/Uni wären sechs Jahre ziemlich „normal“.

Dann brauchte man Ihr Alter, Ihre Schulbildung mit Abschlussnoten, Ihre Vordiplomnote – und Hinweise, ob Sie die schwächeren Noten in jeder Routine-Klausur bekommen oder nur in richtigen „großen“ Prüfungen. Und mit welchen Fach- und welchen Gesamtnoten rechnen Sie? Woher soll ich wissen, ob eine ehrgeizige junge Frau befürchtet, auf ein „unakzeptables Gut“ abzurutschen oder ob es um eine echte Katastrophe („ausreichend“) geht?

Also hier, zwangsläufig eben ganz pauschal, nur so viel:

Nach meiner Erfahrung stehen bei einem ehrgeizigen, an anspruchsvollen Aufgaben und an Karriere interessierten Ingenieur (männlich oder weiblich) fast täglich, zumeist wöchentlich und ziemlich sicher monatlich Situationen an, in denen er wie in einer Prüfung gefordert ist. Wer davor Angst hat und dann schwächere Leistungen bringt, hat schlechte Karten. Es ist also nicht ganz falsch, wenn Unternehmen bei der Einstellung auch auf die Examensnoten schauen.

Mein Rat: Suchen Sie am Anfang die leichteren Einstiegsfelder (Direkteinstieg im Mittelstand mit Standardaufgaben mittleren Anforderungsgrades). Durch gute Erledigung dieser beherrschbaren Funktionen gewinnen Sie Sicherheit – und haben mittelfristig eine Chance, sich weiter zu qualifizieren. Denn: Unser System ist ziemlich offen und durchlässig – Talent bricht sich Bahn (und umgekehrt: keine Bahn gebrochen = kein Talent dagewesen).

Und Ihre Schicksalsschläge: Sie würden staunen, wüssten Sie, was andere um Sie herum schon durchstehen mussten. Man will Erfolge sehen, keine (noch so guten) Ausreden für Misserfolge. Und: Jeder, der ein Problem hat, ermüdet mit dem Argument, er könne nichts dafür.

Achtung: Mit der „Doppelerklärung“ zur Prüfungsangst und zur Sensibilität gegenüber Schicksalsschlägen könnten Sie sich in den Augen vieler Beurteiler zum „Seelchen“ stempeln. Stehen Sie einfach zu dem, was Sie vorzuweisen haben. Und glauben Sie mir: Wenn da in den Tiefen Ihrer Persönlichkeit noch „mehr“ ist, dann führt es Sie in den nächsten zwanzig Jahren auch zum Erfolg.

Frage-Nr.: 2229
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-06-11

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