Heiko Mell

Ich will einen Job, den es nicht gibt

Nach 10-jähriger Tätigkeit in einem deutschen Top-Unternehmen suche ich nun eine neue Herausforderung.

Ich möchte mich deshalb initiativ bei einem anderen Unternehmen als interner Berater (meine derzeitige Tätigkeit) bewerben. Die Schwierigkeit liegt nun in dem Umstand, dass das anvisierte Unternehmen die von mir angestrebte Stabsfunktion derzeit nicht installiert hat und es dort somit auch keine freie Stelle zu besetzen gibt.

Da der Erfolg meiner zukünftigen Tätigkeit jedoch entscheidend davon abhängt, dass ich sowohl als Führungskraft als auch als Stabsstelle der Geschäftsleitung in jenem Unternehmen geführt würde, kann ich keine normale Bewerbung an das dortige Personalbüro schicken. Dieses würde meine Bewerbung aufgrund eines nicht vorhandenen Bedarfs ablehnend zurücksenden.

Also plane ich, einen Brief direkt an die Geschäftsleitung zu schicken und damit auf eine Einladung zum Gespräch hinzuwirken. Von einem Brief verspreche ich mir mehr als von einer Bewerbungsmappe.

a) Ist es üblich, in dem beschriebenen Fall direkt an die Geschäftsleitung zu schreiben?

b) Wird ein Geschäftsführer anhand eines einzelnen Briefes (ohne Anlagen) eine Einladung aussprechen? Oder ist der Informationsgehalt aufgrund der fehlenden Unterlagen zu gering?

c) Sehen Sie überhaupt eine Chance, initiativ an eine Position zu kommen, die es in einem Unternehmen noch gar nicht gibt?Ich freue mich auf Ihre sezierende analytische Antwort.

Antwort:

Sie sind im besten Alter, haben vorzeigbare Studienabschlüsse im Ingenieurbereich – und bis vor wenigen Jahren war Ihr Berufsleben durchwachsen bis unauffällig. Dann aber hat dieser Großkonzern Sie zu einem „Consultant“ für ein bestimmtes technisches (Produktions-)System ausgebildet und setzt Sie als internen Berater auf diesem Gebiet ein. Dabei haben Sie einen ersten Halbschritt in Richtung Führung machen können. Die praktische Erfahrung auf diesem Gebiet, das Sie mit Haut und Haaren in Besitz genommen hat, ist aber noch sehr gering (kaum mehr als ein Jahr).

Aber Sie schreiben auf Ihrem privaten Briefkopf in Fettdruck unter Ihren Namen „Consultant für …“, die Hinwendung zu diesem Thema ist wirklich nahezu von Sendungsbewusstsein geprägt.

Nun versteht der außenstehende Betrachter folgende Zusammenhänge nicht:

Sie sind, was Sie sein wollen. Bei einem Arbeitgeber, wie es kaum einen namhafteren gibt. Der hat offenbar eine eigene Abteilung für Ihr Thema, in der Sie sich schon ein bisschen profilieren konnten. Warum bleiben Sie nicht, machen weiter, was Sie dort tun und alles ist gut? Und warum wollen Sie unbedingt einem bestimmten Unternehmen solch eine Position einreden, wobei Sie dort doch höchstens als Ein-Mann-Konstruktion tätig werden könnten; man wird ja nicht gleich eine ganze Abteilung aus dem Boden stampfen und Ihnen anvertrauen? Es gibt außerdem Anzeichen dafür, dass Ihr Zielunternehmen deutlich kleiner ist als Ihr heutiger Arbeitgeber.

Aber das nur nebenbei; Sie werden, so ist zu hoffen, schon Ihre Gründe für diesen ungewöhnlichen Plan haben. Zum Projekt selbst:Grundsätzlich sehe ich kaum eine Chance, initiativ an eine Position zu kommen, die es beim Zielunternehmen noch gar nicht gibt. Sie müssten nämlich zwei Hürden nehmen: Zunächst müssten Sie die Leute dort dazu bringen, dass sie die zusätzlichen, bisher nicht eingeplanten Mittel für eine solche neue Position lockermachen – und wenn Sie das geschafft haben, nimmt man nicht etwa aus reiner Dankbarkeit Sie, sondern sucht bundesweit nach dem besten Kandidaten für diesen Job.

Ich signalisiere aber noch aus einem anderen Grund Skepsis: Es ist keine sehr aussichtsreiche Laufbahn, in die Sie sich da hineinbegeben (wollen und schon haben). Für ein produzierendes Industrieunternehmen ist Ihre Beratung eine Hilfsfunktion, ohne klare Aufstiegschancen, ohne die Sicherheit einer unentbehrlichen Linienfunktion. Der Job, den Sie da jetzt anstreben, trägt sicher nicht bis zur Pensionierung. Und es gibt intern nichts, was zwingend danach kommen müsste. Schließlich: Wenn sich jemand in Deutschland ein aussichtsreiches Unternehmen dafür aussuchen müsste, dann Ihr heutiges mit seinen zigtausenden von Arbeitsplätzen.

Demgegenüber ist Ihre Kernfrage „Brief oder Mappe“ und „an wen gerichtet“ fast bedeutungsarm. Da Ihr Vorgehen außerhalb klassischer Geschäftroutine angesiedelt ist, kann niemand vorhersagen, was die Zielperson bevorzugt (die erste Hürde ist übrigens die Sekretärin des Geschäftsführers, die u. a. die Aufgabe hat, störende Anliegen fremder Leute vom Chef fernzuhalten; da will täglich einer einen Super-Chefsessel verkaufen, zwei wollen sein Vermögen verwalten und einer hat ein neues revolutionäres Produkt erfunden, das er produzieren soll; nun auch noch Sie mit Ihrer Bewerbung um „etwas, das wir gar nicht brauchen“).

Aber Sie sind meines Erachtens ganz nah dran an der passenden Lösung: Sie wollen Berater sein, also beraten Sie! Entweder bewerben Sie sich bei einem Arbeitgeber, der das „hauptberuflich“ macht, also einer Unternehmensberatung, oder Sie wagen den Schritt in die Selbstständigkeit. Dann treten Sie an solche Geschäftsführer heran und machen sie problembewusst. Danach überzeugen Sie sie von der Notwendigkeit, gerade Ihnen einen Beratungsauftrag zu erteilen. Das fällt denen leichter, denn ein Berater ist kurzfristig teuer, geht aber wieder, wenn er seine Aufgabe erfüllt hat. Angestellten-Planstellen hingegen kosten dauerhaft Geld.

Frage-Nr.: 2215
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-04-30

Top Stellenangebote

BASF Coatings GmbH-Firmenlogo
BASF Coatings GmbH Projektingenieur_in Elektrotechnik / Automatisierungstechnik (m/w/d) Münster
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Versorgungstechniker (m/w/d) TGA Kempten
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Elektrotechniker (m/w/d) Kempten
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieure / Techniker (m/w/d) für die Gewerke HVAC/S und medizinische Gase, im Geschäftsbereich Krankenhausprojekte Niederanven (Luxemburg)
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieur (m/w/d) Energie & Gebäudephysik Niederanven (Luxemburg)
KfW Bankengruppe-Firmenlogo
KfW Bankengruppe Experte / Sachverständiger (w/m/d) für Umwelt- und Sozialrisikomanagement Frankfurt am Main
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Präsident (m/w/d) Bingen
OST – Ostschweizer Fachhochschule-Firmenlogo
OST – Ostschweizer Fachhochschule Professor/in für Industrielle Automation Rapperswil (Schweiz)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Autonome Systeme / Mitgliedschaft in der Institutsleitung Dresden
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Kooperative Systeme / Leitung der Abteilung "Kooperative Systeme" Dresden
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.